Hochschulforschung 06.03.2009, 19:40 Uhr

Straßenbahn mit Forschungsauftrag  

Wenn Fahrgäste demnächst in Dresden mit einer Straßenbahn unterwegs sind, wird ihnen vielleicht nur der Werbeschriftzug der Technischen Universität auffallen. Dass sich das Fahrzeug im Auftrag der Wissenschaft durch die Straßen der sächsischen Metropole schlängelt, ist nur Eingeweihten bekannt. VDI nachrichten, Düsseldorf, 6. 3. 09, ws

Dass Werbung nicht immer nur aus leeren Versprechen bestehen muss, wird jetzt an einem Projekt in Dresden deutlich. Denn da, wo die Technische Universität ab dem heutigen Freitag für sich wirbt, ist tatsächlich eine Menge Qualität enthalten.

Mit ihrer Mess-Straßenbahn schicken TU, Dresdner Verkehrsbetriebe, Schienenfahrzeughersteller Bombardier Transportation und fünf weitere Vertragspartner ein nach eigener Aussage „völlig neues Forschungskonzept“ auf die Reise.

Wer in den kommenden Jahren die Straßenbahn mit Logo und Schriftzug der Technischen Uni betritt, sollte wissen, dass er rundum verkabelt ist. Hier werden nicht nur Passagiere von Neustadt zum Hauptbahnhof oder von Radebeul nach Laubegast transportiert, hier werden – für den Gast völlig unsichtbar – auch zahlreiche Fahrzeugparameter ermittelt.

Beschleunigungs- und Geschwindigkeitswerte sowie Strukturspannungen und elektrische Größen geben Aufschluss über das Fahrverhalten der Straßenbahn. Mittels der per Funk ausgelesenen Daten können die Wartungsintervalle optimiert werden. Die gewonnenen Werte nutzt Bombardier für die Weiterentwicklung seiner Fahrzeuge. Das nahezu Einzige, was nicht erhoben würde, seien persönliche Daten der Fahrgäste, betont Michael Beitelschmidt, Professor für Fahrzeugmodellierung und -simulation an der TU Dresden.

Auch die Dresdner Verkehrsbetriebe werden von der Forschung auf Rädern profitieren. Während der fünfjährigen Projektphase werden kontinuierlich Informationen gesammelt, die nicht nur Aufschluss über das Innere geben, sondern durch das Fahrverhalten auch über den Zustand und Veränderungen der Strecke.

„Mir ist kein anderes Projekt bekannt, das eine solche Datenmenge im Langzeitbetrieb aufnehmen kann, das allen kooperierenden Partnern zur Verfügung steht und das als normales Serienfahrzeug im Betrieb ist“, weist Beitelschmidt auf die Einzigartigkeit des Forschungsprojektes hin.

Der Wissenschaftler dachte, als er die Wirtschaft und die Stadt zum Konsortium zusammenrief, natürlich vor allem auch an seine eigenen Forschungen, an seine Studierenden und an all diejenigen Schulabgänger, die sich für ein Studium an der TU begeistern könnten.

Die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Lehrstuhls feilten fast zwei Jahre an der Umsetzung, die Studierenden waren im Rahmen von Studien- und Diplomarbeiten eingebunden. In den kommenden Jahren werden vor allem Maschinenbau- und Mechatronikstudenten sowie angehende Verkehrsingenieure mit den Daten arbeiten und somit am mobilen Objekt forschen können.

Die Entwicklung von Schienenfahrzeugen lässt wenig Raum für Spielereien

Damit sich mehr Studierende für die Vertiefungsrichtung Schienenfahrzeugtechnik begeistern, wirbt die TU auf beiden Seiten der Bahn für ihre höchst anspruchsvolle und „erstklassige“ Ausbildung. Der gute Ruf reicht zurück bis in DDR-Zeiten. Damals war die Hochschule für Verkehrswesen im Bereich Bahntechnik nahezu konkurrenzlos.

Die Zeiten haben sich mit der Wende geändert, die Zahl wissenschaftlicher Konkurrenten ist ebenso gewachsen wie die Ansprüche an Transportmittel. Moderne Schienenfahrzeuge, so Beitelschmidt, stünden Autos an Hightech in nichts nach: „Die Entwicklung von Schienenfahrzeugen ist nicht zuletzt aufgrund des inzwischen stark gestiegenen Bedürfnisses der Fahrgäste nach Komfort sowie des Systemcharakters mindestens ebenso spannend wie die des Kultgegenstands Auto.“ Eine wesentliche Folge wachsender Ansprüche sei der extrem steigende Energieverbrauch. „Energie-Effizienz ist daher auch bei Bahnen ein heißes Thema.“

Die Entwicklung von Schienenfahrzeugen lässt wenig Raum für Spielereien. Das komplexe Gesamtwerk muss auf den Punkt passen. „Schienenfahrzeuge werden in kleinen Serien von höchstens 200 Exemplaren gebaut und verkauft“, weiß Michael Beitelschmidt. „Da gibt es nicht viele Experimentiermöglichkeiten. Das erste Exemplar muss den Kunden zufriedenstellen.“

Ein Betätigungsfeld, das angehende Ingenieure reizen sollte. Vor allem, da die Bedingungen in Dresden ideal seien, wie Beitelschmidt sagt: „Die Tradition unserer Hochschule im Bereich der Verkehrstechnik, die Nähe des in Bautzen ansässigen Herstellers Bombardier und der intakte Nahverkehrsbetrieb der Dresdner Verkehrsbetriebe, die Herr über ihr Verkehrsnetz sind, sorgen für eine besonders gute Konstellation.“ Zudem existierten Kooperationen mit fast allen namhaften Bahntechnikherstellern.

Und die Berufsaussichten könnten kaum besser sein. „Die Branche erweist sich in der derzeitigen Krisensituation als relativ robust“, sagt Beitelschmidt, „sie leidet aber auch unter Personalmangel.“ In den vergangenen Jahren habe man es an Hochschulen und bei Arbeitgebern versäumt, für die Sache zu werben und im Marketing ähnlich offensiv voranzugehen wie die Autoindustrie, meint der Professor. Mit der durch Dresden rollenden Werbestraßenbahn soll der Anfang gemacht sein.

Dirk Schillings, Senior Director Engineering von Bombardier Transportation, liegt die Kooperation des „Weltmarktführers in der Schienenverkehrstechnik“ mit der TU „besonders am Herzen“. Sie eröffne dem Werk Bautzen alle Möglichkeiten „für die Heranbildung von kompetenten und fähigen Nachwuchskräften“. WOLFGANG SCHMITZ

Von Wolfgang Schmitz
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