Gegen die Raserei 02.09.2014, 12:35 Uhr

Section Control soll die Straßen sicherer machen

Raserei auf der Straße kostet viele Menschen das Leben. Wenig effektiv ist die gängige Geschwindigkeitskontrolle mit Blitzanlagen. Häufig bremsen Autofahrer nur kurz ab, um dann umso schneller weiter zu fahren. In Niedersachsen soll künftig die abschnittsbezogene Geschwindigkeitsüberwachung Schluss mit diesen gefährlichen Praktiken machen. Zunächst ist ein 18-monatiger Test geplant.

Ein Section Control-Hinweisschild vor dem Kaisermuehlentunnel in Wien: In Deutschland testet demnächst Niedersachsen als erstes Bundesland einen Strecken-Radar, bei dem die Geschwindigkeit von Autofahrern über einen längeren Abschnitt kontrolliert wird. 

Ein Section Control-Hinweisschild vor dem Kaisermuehlentunnel in Wien: In Deutschland testet demnächst Niedersachsen als erstes Bundesland einen Strecken-Radar, bei dem die Geschwindigkeit von Autofahrern über einen längeren Abschnitt kontrolliert wird. 

Foto: dpa

Sie ist die Todesursache Nummer Eins auf Deutschlands Straßen: die Raserei. Um diese wirksam zu bekämpfen, geht Niedersachsen jetzt als erstes deutsches Bundesland zur sogenannten Abschnittskontrolle über. „Section Control“ heißt das Verfahren. Dabei wird die Geschwindigkeit auf der Autobahn nicht nur an einem bestimmten Punkt gemessen, sondern in einem genau definierten Abschnitt, der sich über mehrere Kilometer erstrecken kann.

„Das übliche Abbremsen und anschließende Beschleunigen entfällt“

„Durch die Messung der Geschwindigkeit über einen längeren Abschnitts erhält man ein besseres Bild des jeweiligen Fahrverhaltens. Darüber hinaus entfällt das übliche Abbremsen und anschließende Beschleunigen im Bereich stationärer oder mobiler Punktmessungen. In Gefahrenbereichen wie zum Beispiel Unfallhäufungsstrecken, Tunnelanlagen oder Baustellen wird die Verkehrssicherheit effektiv erhöht, erläutert Dr. Detlev Lipphard, Verkehrstechnik-Experte des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR).

In Österreich hat sich die Anzahl der tödlichen Unfälle halbiert

Beispiel Österreich: Dort hat sich auf einem Tunnelabschnitt der Donauuferautobahn in Wien seit Einführung der Section Control die Anzahl der tödlichen Unfälle halbiert. Beispiel Schweiz: Um 30 bis 40 Prozent sank die Anzahl der erfassten Geschwindigkeitsüberschreitungen durch Pkw, der Verkehrsfluss wurde insgesamt flüssiger. Beispiel Niederlande: Nach der Installation der Section Control an einer Autobahn 2002 sank die Zahl der Verkehrsunfälle um 47 Prozent.

Test beginnt im Frühjahr 2015

In Deutschland will nun das Bundesland Niedersachsen mit der Section Control beginnen. Es soll ein unfallträchtiger Bundes- oder Landesstraßenabschnitt von einer Länge von drei bis acht Kilometern sein, auf dem der Test dann im Frühjahr 2015 beginnt. „Das Recht auf zu schnelles Fahren gibt es nicht“, unterstrich Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) am 1. September bei der Vorstellung des Konzeptes.

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) erhofft sich von der abschnittsweisen Geschwindigkeitskontrolle einen signifikanten Rückgang tödlicher Autounfälle. 

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) erhofft sich von der abschnittsweisen Geschwindigkeitskontrolle einen signifikanten Rückgang tödlicher Autounfälle. 

Foto: dpa/Peter Steffen

„Die Einhaltung der zulässigen Geschwindigkeiten und folglich auch deren Überwachung haben nachweislich einen erheblichen Einfluss auf die Unfallhäufigkeit und Unfallschwere. Bisher steht uns jedoch nur eine Technik zur Verfügung, die lediglich eine punktuelle Überwachung der Geschwindigkeiten ermöglicht“, so Pistorius. „Unter anderem gibt es bei der Abschnittskontrolle auch nicht die Möglichkeit, kurz vor dem Blitzer zu bremsen und direkt danach wieder Vollgas zu geben.“ Im Focus des Ministers sind dabei vor allem die Landstraßen, auf denen sich zwei Drittel aller tödlichen Unfälle ereignen. Deren Ursache ist zumeist hohes Tempo.

Verkehrsgerichtstag fordert vier Bedingungen ein

Genau aus diesem Grunde hat sich der Deutsche Verkehrsgerichtstag (VGT) bereits vor fünf Jahren mehrheitlich für einen Modellversuch in einem Bundesland ausgesprochen. Der VGT formulierte 2009 allerdings vier Bedingungen für einen Section-Control-Modellversuch.

Erstens: Die ausgewählte Strecke für den Test muss eine Strecke mit Unfallhäufung sein. Zweitens: Klare Datenschutzregeln – die erhobenen Daten dürfen ausschließlich für die Geschwindigkeitsüberwachung verwendet werden, eine Verknüpfung mit anderen Registern und Daten ist unzulässig. Drittens: Alle Fahrzeugdaten müssen sofort und automatisch gelöscht werden, wenn bei der Messung kein Verstoß gegen das Tempolimit gemessen wurde. Und viertens: Der überwachte Streckenabschnitt muss durch ein gut sichtbares Hinweisschild angekündigt werden.

Testlauf für 18 Monate

Rein technisch wird der auf zunächst 18 Monate beschränkte Testlauf mit Section Control so ablaufen: Jedes Fahrzeug wird zu Beginn des überwachten Abschnitts von hinten fotografiert und die Daten werden verschlüsselt zwischengespeichert. Am Ende der Strecke wird jedes Fahrzeug erneut erfasst. 

So funktioniert die Section Control genannte abschnittsweise Geschwindigkeitskontrolle.

So funktioniert die Section Control genannte abschnittsweise Geschwindigkeitskontrolle.

Foto: DVR/GWM

Eine Weg-Zeit-Berechnung ermittelt die gefahrene durchschnittliche Geschwindigkeit. Nur wenn das erfasste Fahrzeug zu schnell unterwegs gewesen ist, wird es auch von vorne – jetzt mit Fahrer und mit amtlichen Kennzeichen – geblitzt. Dann werden die Daten in eine Verkehrssünderdatei überführt.

Raserei kann bis zu 600 Euro kosten

Und das wird teuer. Wer zum Beispiel außerhalb geschlossener Ortschaften die zulässige Höchstgeschwindigkeit um 50 Stundenkilometer überschreitet, muss 160 Euro zahlen, bekommt zwei Punkte im zentralen Verkehrsregister in Flensburg und der Führerschein wird für einen Monat entzogen. Wer es sich erlaubt, die zugelassene Höchstgeschwindigkeit um 70 Stundenkilometer zu überschreiten, blättert 600 Euro hin, kassiert zwei Punkte in Flensburg und darf ein Vierteljahr mit Bus und Bahn seine Mobilität unter Beweis stellen.

Blitzmarathon beginnt in zwei Wochen

Schon in wenigen Tagen, am Donnerstag, den 18. September und am Freitag, den 19. September wird es unter anderem in Niedersachsen ein wahres Blitzlichtgewitter geben. Denn Niedersachsen beteiligt sich am zweiten bundesweiten 24-Stunden-Blitzmarathon. „Auch weil die dunkle Jahreszeit vor der Tür steht, wollen wir alle Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer – vom Pendler über den Motorradfahrer bis zum Fahranfänger – schon jetzt auf die Gefahren von zu hohem Tempo hinweisen“, so Pistorius.

Blitzmarathon: Am 18. September gibt es bundesweit wieder verstärkte Geschwindigkeitskontrollen der Polizei.

Blitzmarathon: Am 18. September gibt es bundesweit wieder verstärkte Geschwindigkeitskontrollen der Polizei.

Foto: dpa/Oliver Berg

Vor einem Jahr überprüften rund 750 Polizisten an 459 Messpunkten die Geschwindigkeit auf den Straßen in Niedersachsen. Rund 112.000 Autos passierten während der 24 Stunden die Kontrollanlagen. 3,18 Prozent der Fahrzeuge fuhren mit überhöhter Geschwindigkeit. Bei vergleichbaren unangekündigten Geschwindigkeitskontrollen liegt diese Quote mit 11,5 Prozent wesentlich höher.

Von Detlef Stoller

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