Verkehr 10.06.2011, 19:53 Uhr

Schweizer Züge neigen zu mehr Komfort

Geraume Zeit vor der Deutschen Bahn (DB) haben die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) Doppelstockzüge für den Fernverkehr geordert. Jedoch mit einem Unterschied: Sie werden voraussichtlich mit einer neuen Technik zur Wankkompensation ausgerüstet, mit der sowohl das Tempo als auch der Komfort gesteigert werden.

„Wako“ steht für Wankkompensation. Bei der Fahrt durch Kurven würde die Fliehkraft den Wagenaufbau eigentlich zur Bogenaußenseite neigen. Wird dieses „Wanken“ jedoch durch geeignete Technik ausgeglichen und sogar geringfügig überkompensiert, gleicht der Wagen einem Motorradfahrer, der sich in die Kurve „legt“: Damit kann der Zug Kurven schneller durchfahren, ohne dass die Fahrgäste höherer Seitenbeschleunigung ausgesetzt sind.

Die bisher dafür eingesetzte Neigetechnik schied aus, weil sie für das große Profil von Doppelstockwagen nicht in Frage kommt: Zwar ließe sich damit die Geschwindigkeit um rund 20 % steigern, doch die nötige Neigung um bis zu 8 Grad nach der Bogeninnenseite wäre mit Doppelstockwagen innerhalb des Streckenprofils unmöglich. Außerdem verursacht das starke Schaukeln zwischen der einen und der anderen Seite bei nicht wenigen Fahrgästen Übelkeit. So kann eine Bahnreise, die Annehmlichkeiten verspricht, rasch in einen Transport mit unangenehmen Begleiterscheinungen umschlagen.

Mit Wako soll nun der Vorteil der Neigetechnik genutzt werden, ohne den Fahrkomfort zu beeinträchtigen. Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) wollen die Fahrzeiten zwischen den großen Städten St. Gallen und Zürich sowie Bern und Lausanne unter 1 h drücken, um vollwertige Umsteigeknoten für den Stundentakt zu schaffen. Dazu müssen Züge wenige Minuten schneller werden.

Nur mit einem Ausbau der kurvenreichen Strecken für höhere Geschwindigkeit wäre das in absehbarer Zeit nicht finanzierbar. In der Kombination mit „Wako“ sei es jedoch zu deutlich günstigeren Kosten möglich, so die SBB. Für die bestellten 59 Züge würde Wako weniger als 100 Mio. sFr. kosten und die Investitionen in den trotzdem nötigen Streckenausbau von 2 Mrd. € auf rund 1 Mrd. sFr. halbieren.

Gegenwärtig wird politisch nach Wegen gesucht, dieses Paket zu finanzieren. Ob Wako wirklich eingebaut wird, hängt letztlich davon ab, ob sich die gesamte Investition ermöglichen lässt. Die Beschleunigung auf beiden Strecken gehört zum Programm „Bahn 2030“, die Investitionsentscheidung für Wako wird voraussichtlich Mitte 2016 fallen.

Der Vertrag mit Bombardier sieht vor, dass alle Züge mit Wako ausgerüstet werden, es gibt jedoch zwei „Ausstiegszenarien“: Entweder des System erfüllt die Anforderung wider Erwarten doch nicht oder die SBB verzichten „aus anderen Gründen“ darauf. Bei der Beschaffung der neuen Züge geht es nicht zuletzt um zusätzliche Platzkapazitäten auf den Magistralen, auf denen sich die SBB von Jahr zu Jahr durch steigende Passagierzahlen herausgefordert sehen.

Wako lässt zwar nur 10 % bis 15 % höhere Geschwindigkeit zu. Das genügt jedoch, um die entscheidenden Minuten zu sparen. Die Technik lässt sich auch in Doppelstockwagen einsetzen und beeinträchtigt den Komfort für die Reisenden nicht. Seit Anfang Jahres läuft ein mit Wako ausgerüsteter Doppelstockwagen aus dem vorhandenen Bestand von „Intercity 2000“ der SBB noch bis August im Probeeinsatz. „10 000 km haben wir inzwischen damit hinter uns – zur vollen Zufriedenheit“, erklärte Philipp Mäder, Leiter Flottenmanagement des SBB-Fernverkehrs. Der Komfort im Ober- und Unterdeck sei mit 450 Versuchspersonen getestet worden.

„Die Fahrten verliefen reibungslos, die Reaktionen sind positiv“, so Mäder. Der Hersteller Bombardier, von dem sowohl Wako als auch der Doppelstockwagen stammen, hat laut Mäder das System in kurzer Zeit auf den beiden Einsatzstrecken St. Gallen-Winterthur und Bern-Lausanne optimiert. Bisher habe die Neuentwicklung alle Erwartungen erfüllt, so der Flottenmanager. Ab 2014 würden die ersten beiden Züge der neuen Generation mit Wako fahrplanmäßig eingesetzt, jedoch noch ohne erhöhtes Tempo. Im Dezember 2016 soll der reguläre Einsatz beginnen. R. R. ROSSBERG

  • Ralf Roman Rossberg

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