Verkehr 15.05.2009, 19:41 Uhr

Quer durch Europa mit 1 l Sprit  

Shell rief zum Eco-Marathon 2009 auf den Lausitzring – und knapp 200 Studenten- und Schülerteams aus 29 Ländern Europas, Nordafrikas und Asiens kamen. Im Gepäck: Fahrzeugprototypen, die dank Leichtbau, ausgefeilter Aerodynamik und effizienten Antrieben mit unglaublich wenig Energie unglaublich weit fahren. VDI NACHRICHTEN, Berlin, 15. 5. 09, sta

Flink gleitet Startnummer 213 vorbei. Das silbrig glänzende Gefährt aus Nordfrankreich erinnert an eine Glattechse. Mit ihr zieht ein futuristischer Schwarm aus Silberfischen und Lurchen, aus bunten Tropfen und Schnäbeln an der riesigen Haupttribüne des Lausitz-Rings vorbei. Sanfte elektronische Musik liegt in der warmen Mittagsluft.

Es läuft die letzte halbe Stunde des Prototypen-Wettbwerbs beim 25. Shell Eco-Marathon. Für das Gros der 145 teilnehmenden Studenten- und Schülerteams geht es nur noch darum, ihre Bestmarke zu toppen. Andere ringen um einen gültigen Versuch. So auch der rollende Wasserstoff-Pinguin der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg. Er ist dreimal an der vorgeschriebenen Distanz von 25,485 km gescheitert. Zweimal lag es am Antrieb. Einmal hob eine Windböe das Verdeck ab.

Die Pechsträhne der Hamburger fing schon bei der technischen Abnahme an. Den Prüfern waren Schnauze und Heck zu spitz. Notgedrungen köpften die Studenten zwei PET-Flaschen und deckten die monierten Spitzen damit ab. „Unser CW-Wert von 0,04 ist dahin“, ärgert sich Teamsprecherin Katharina Gabrecht. Dabei waren sie dem antarktischen Vorbild erstaunlich nahe gekommen. „Bei Pinguinen bildet sich eine Turbulenz an der Schnauze, die den Körper umströmt“, erklärt sie. Auf der Turbulenz ströme das Wasser vorbei, wodurch kaum Reibung an der Pinguin-Haut auftrete.

Nicht nur die Aerodynamik hat das Team in den letzten zehn Monaten optimiert, um das circa 70 000 € teure Gefährt wettbewerbsfähig zu machen. Gegenüber dem Pinguin I, mit dem die HAW letztes Jahr Premiere beim Eco-Marathon feierte, ist es um 14 kg leichter. Alu, Holz und faserverstärkte Kunststoffe haben den Sprung von 69 kg auf 55 kg ermöglicht. Auch der Antrieb ist völlig überarbeitet. Ein neuer 250 W Radnabenmotor setzt den Strom einer 1,2 kW-Wasserstoff-Brennstoffzelle um. „Weil er für langsame E-Bikes ausgelegt ist, haben wir sein Getriebe für Geschwindigkeiten bis 40 km/h modifiziert“, so Gabrecht. Theoretisch ist also alles angerichtet. Doch als Fahrerin Claudia Thomas zum letzten Versuch aufbricht, ist der Zweifel in den jungen Gesichtern des Hamburger Teams greifbar.

Derweil lehnt Louis Quentin gelassen an der Betonbarriere, die Boxengasse und Strecke trennt. Der Thermodynamik-Student vom Lycee La Joliverie in Nantes verfolgt die letzten Runden seines benzinbetriebenen Prototypen. Hin und wieder greift er zum Walkie-Talkie und tauscht ein paar Sätze mit dem Fahrer aus. Er soll es ruhiger angehen lassen, die letzte Runde war etwas zu schnell – und damit nicht optimal in Bezug auf den Energieverbrauch. Ein wirkliches Problem ist das aber nicht mehr. Denn dem flachen, 30 kg leichten Carbongeschoss ist der Sieg gewiss. Nur 5 g Super hatte der eigens konstruierte 30 cm3 Viertaktmotor (600 W) in einem Vorlauf verbrannt. Bei 30 km/h Durchschnittstempo wäre er also mit einem Liter Benzin von Lissabon bis nach Riga gefahren.

Hinter diesem Traumresultat von 3771 km steht ein zehnköpfiges Rennteam, 50 Mitarbeiter im Projekt, gut 100 tatkräftige Unterstützer und ein Vierteljahrhundert Erfahrung. Quentin selbst ist erst zum zweiten Mal dabei – wirkt aber schon, wie ein alter Hase. „Super. Très bien“ lobt er den liegend eingezwängten Fahrer, als dieser in die Boxengasse rollt. Er wird sofort von drei Kollegen aus der aufgeheizten Carbonhülle gezogen.

Mit der letzten Fahrt wollten die jungen Franzosen den Rekord der ETH Zürich angreifen. Die Schweizer schafften 2005 mit einem Brennstoffzellenauto 3836 km. Jetzt liegt Spannung in der Luft. Ein Shell-Mitarbeiter in weiß-blauem Rennoverall lotst das Fahrzeug ins Messzentrum, das in einer der Boxen untergebracht ist. Mit geübten Griffen löst er das Tanksystem. Das Fläschchen, das als Tank dient, ist fast voll. Umringt von einem Pulk aus Kamerateams und Fotografen zieht der Techniker los, um den Verbrauch zu wiegen. Quentin bleibt immer an seiner Seite. „Kein Rekord“, prophezeit er, „zuviel Wind“. Er behält recht. Diesmal hätte der Liter Sprit „nur“ für 3568 km gereicht.

Traurig sind die Franzosen aber nicht. Schließlich haben sie nicht nur den Wettbewerb der Verbrennungsmotoren gewonnen. Bei den mit Wasserstoff betriebenen Fahrzeugen erreichten sie mit umgerechnet 3451 km/l den zweiten Platz. „Wir haben die Nächte durchgearbeitet, um überhaupt starten zu können“, jubelt Quentin, ehe er in einer johlenden Horde zum Triumphzug Richtung Werkstattlager abzieht.

Im Dorf aus 150 Werkstattzelten tobt seit Tagen das Leben. Teams aus 29 Ländern haben sich hier eingerichtet. Geschlafen haben sie kaum. Die Mai-Nächte im Zelt waren zu kalt und es gab alle Hände voll zu tun. Jetzt, in der Mittagssonne, gönnen sich einige Erschöpfte eine Pause dösen auf dem Asphalt, spielen Frisbee und Fußball. Ein paar Franzosen jammen mit Schlagzeug, Keybord und E-Gitarren.

Im Zelt der FH Trier ist dafür keine Zeit. Das Team hat auch zwei Fahrzeuge am Start. Doch obwohl weit über 100 000 € und jede Menge Herzblut darin stecken, läuft es nur mäßig. Der Prototyp, der an ein Segelflugzeug ohne Flügel erinnert, blieb im bisher einzig gültigen Versuch weit unter der avisierten 3000 km Marke. „Unser neu gebautes Steuergerät ist ausgefallen, weil eine Unterlegscheibe zwei stromführende Leiterbahnen kurzgeschlossen hat“, erklärt Paul Spitz. Auch das Fahrzeug, das im Wettbewerb der Urban Concept Cars (s. Kasten) starten soll, macht ihm Sorgen. Binnen sechs Monaten hat er es mit 30 Kommilitonen verschiedener Disziplinen realisiert. „Wir haben es erst hier verkabelt“, berichtet der Maschinenbaustudent. Immer noch hantiert ein Dutzend Studenten von allen Seiten an dem aufgebockten Zweisitzer.

Das Fahrzeug steckt voller Hightech. Beide Vorderräder werden mit jeweils zwei Motoren – einem Anfahrmotor und ein Permanentmotor – angetrieben. Zwischen ihnen und der Brennstoffzelle sind Supercabs installiert. „Diese Doppelschichtkondensatoren speichern Strom. Sie erlauben es uns, rekuperierte Bremskraft zu nutzen und die Zelle stets mit hohem Wirkungsgrad zu betreiben“, so Spitz. Zudem sei das Fahrzeug zur telemetrischen Überwachung mit Can-Bus-Netzwerk und Bordcomputer ausgestattet. Die Kohlefaser-Karosserie sei ebenfalls etwas Besonderes. Von einem 1:1-Modell, das komplett aus Styropor gefräst wurde, haben sie Negativformen genommen. Sie dienten als Basis für ein Vakuumverfahren, mit dem das Harz gleichmäßig in die Kohlefaserstruktur eingepresst wurde. „Mit dem Know-how aus diesem Projekt haben sich zwei der Studenten selbständig gemacht“, berichtet Professor Hartmut Zoppke.

Zoppke ist blass. Seit Wochen bekommt er kaum noch Schlaf. Doch aus ihm spricht pure Zufriedenheit. „Es gibt keine Möglichkeit, Studenten verschiedenster Disziplinen so auf den Punkt zu motivieren und zu qualifizieren, wie beim Bau so eines Prototypen“, schwärmt er. Auch für die Hochschule gebe es kein besseres Aushängeschild. „Wenn wir beim Eco-Marathon Tausende Kilometer mit 1 l Kraftstoff schaffen, verstehen das Schüler, versteht das die Bevölkerung und verstehen das auch Sponsoren“, so Zoppke.

Doch dafür muss es jetzt im letzten Versuch klappen. Und tatsächlich: der erste Shell Eco-Marathon in Deutschland endet für die Teams aus Trier und Hamburg mit einem Happy-End. Der Prototyp aus Trier fuhr im Wasserstoffwettbewerb mit 3178 km auf Rang 3. Ihr Urban Konzept Car wurde immerhin im Design-Wettbewerb ausgezeichnet. Und Claudia Thomas rettete den Hamburger Pinguin im letzten Lauf ausrollend, mit leerem Wasserstofftank, über die Ziellinie. Punktlandung. „Wir haben unser Ergebnis vom letzten Jahr auf 1622 km verdoppelt“, schwärmte Gabrecht, „und das, obwohl wir heute Nacht alle Lager austauschen, sämtliche Kontakte der Brennstoffzelle neu löten und ein Leck im Wasserstoffsystem abdichten mussten. Ein Blick in ihr strahlendes Gesicht zeigt: der Einsatz hat sich gelohnt.

PETER TRECHOW

Von Peter Trechow
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