Bahn 14.12.2007, 19:32 Uhr

Modellbahn droht das Abstellgleis  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 14. 12. 07, jdb – Noch vor wenigen Jahren zählte auch die Modelleisenbahn zu den Rennern unter dem Weihnachtsbaum. Mittlerweile leidet die Branche erheblich unter der Konkurrenz von Playstation & Co. Auch der Schritt in die Digitalisierung konnte die Konsolidierung nicht aufhalten. Marktführer Märklin vereint mittlerweile drei Marken unter einem Dach.

Hightech-Spielzeug steht Jahr für Jahr ganz oben auf der Wunschliste. Das gilt für Kinder wie für viele Eltern. Eine Generation zurück zählte auch die Modelleisenbahn zu den Rennern unter dem Weihnachtsbaum. Inzwischen ist damit nicht mehr viel Staat zu machen – weder für die Hersteller noch für den Fachhandel. Nur noch gut 50 sogenannte Vollsortimenter gibt es heute in Deutschland. Sie führen das komplette Programm wenigstens einzelner Hersteller, während viele andere Läden im bunten Artikelgemisch nur ein paar Startpackungen der Modellbahnhersteller anbieten.

Aufwendige Modellbahnen kaufen heute fast nur noch die Väter und Großväter. Sie gönnen sich, was sie sich in ihrer eigenen Jugend nicht leisten konnten. Ihre Söhne und Enkel dagegen bevorzugen längst Computerspiele, teure Mobiltelefone und so manches verwandte Produkt.

Dabei wollten die Modellbahnhersteller gerade mit dem Weg in die anspruchsvolle Technik verlorenes Terrain zurückerobern. Längst gibt es die digitale kleine Bahn. Die Steuergeräte erkennen die Lokomotive schon im gleichen Moment, in dem ihre Räder die Schienen berühren. Mit Hightech-Software lassen sich ganze Fahrstraßen durch das Schienengewirr der Anlagen für schnelle Züge freischalten. Trotzdem – Jugendliche haben daran nur noch selten Spaß.

Vermutlich hat die Modellbahnindustrie den Sprung ins Digitale zu spät und zu halbherzig gewagt, finanziell gekleckert, wo sie hätte klotzen müssen. Ein früherer Märklin-Chef hat die vielen Mängel neuer Lokomotiven und Signale damit entschuldigt, dass in dem schwäbischen Haus die Produktionsserien kleiner als die Testserien von Bosch seien. Zumindest ein Teil des Niedergangs der Branche erklärt sich daraus. Eine gewichtige Rolle spielt aber auch, dass sich die Branche bis heute nicht auf allgemein verbindliche technische Standards geeinigt hat. Das bedeutet, dass die Kunden nur in wenigen Fällen Produkte verschiedener Hersteller auf dem gleichen Gleis fahren können.

Insgesamt bietet die deutsche Modellbahnindustrie ein geradezu „verheerendes Bild“, wie Wolfgang Breuer aus Rendsburg, einer der ganz wenigen in Schleswig-Holstein noch tätigen Vollsortimenter, es formuliert. Alle nennenswerten Hersteller stecken tief in finanziellen Schwierigkeiten oder sind schon aufgekauft worden und suchen ihr Heil nun im Gesundschrumpfen. In der traditionsreichen Modellbahnstadt Nürnberg gibt es kaum noch eine nennenswerte Produktion.

Beim Marktführer Märklin, zu dem heute auch Trix und LGB gehören, ist der Umsatz eingebrochen – von 170 Mio. € in 2002 auf 124 Mio. € in 2005. Zeitweilig kamen fast so viele Lokomotiven zur Reparatur zurück, wie Märklin neue auslieferte. (Von den zehn Märklin-Loks des Autors dieses Beitrags waren sieben je einmal und zwei je mehrmals während des ersten Betriebsjahrs zurück beim Hersteller.) Im Dezember 2007 hat Märklin nun eine stufenweise deutliche Verbesserung des Reparaturservices angekündigt.

Bei der fälligen Umstrukturierung gerät jetzt aber auch manches ins Hintertreffen: So begann Märklin erst Anfang Dezember damit, den aktuellen Katalog für das Weihnachtsgeschäft auszuliefern. Märklin verringert zwar die Zahl der Betriebe, produziert aber auch weiter vornehmlich in Deutschland und das gilt selbst für die neue Tochter LGB. Sie ergänzt ihre Garteneisenbahnen inzwischen durch neue Modelle.

Schwierig sieht es auch beim Märklin-Konkurrenten Fleischmann aus. Statt an drei Fertigungsstandorten wie bisher produziert Fleischmann künftig nur noch in Heilsbronn. Der ostdeutsche Anbieter Piko lässt im Wesentlichen in China fertigen. Die Piko-Website schwelgt in Ereignissen aus dem Jahre 2005. Bei Arnold, einem weiteren traditionellen deutschen Modellbahnbauer, blieb der wiederholt angekündigte Investor aus. Schienen gibt es noch, auch einige Loks und Wagen aus dem alten Programm. An einer neuen Lok der Reihe BR01 will Arnold allerdings arbeiten. Trix versucht, unter dem Dach von Märklin einen eigenen Kurs zu fahren, zu dem gerade auch Neuentwicklungen gehören sollen.

Roco in Österreich ist aus der Insolvenz auf eine Modelleisenbahn GmbH in Bergheim übergegangen, die einzelne Teile des alten Programms weiter fertigt. Wie es weitergeht, will die Geschäftsführung auch auf klare Fragen nicht skizzieren. Zu den Problemen der Branche kommt noch das Chaos bei der Digitalsteuerung. Die meisten Anbieter arbeiten mit Motorola-Chips, andere mit Chips für DCC- oder Selectrix. In der Praxis lässt sich das meiste aber nicht ohne aufwendige Änderungen an die Erfordernisse der Steuergeräte der anderen Anbieter anpassen.

Und der Einbau in die kleine Spur N scheitert meist ohnehin schon am zu geringen verfügbaren Raum in den Loks. Hier für Ordnung zu sorgen, haben selbst Zulieferer wie Uhlenbrook, Esu und Lenz nicht geschafft. In der Praxis sieht die Digitalsteuerung nach wie vor so aus, dass die Kunden für hohe Preise meist nur Nachbesserung erfordernde Hobbyqualität erhalten.

Nur dank des Second-Hand-Marktes sind viele Modellbahnen bisher nicht völlig vom Markt verschwunden. Neben Großanbieter Ebay.com spielen im Bahnalltag die vielen Händler eine große Rolle, die über Jahrmärkte und ähnliche Veranstaltungen immer wieder Sammler und Bahnbetreiber mit Second-Hand-Gerät und Ersatzteilen versorgen. Ohne diese Stütze wäre der Markt längst zusammengebrochen und die Modellbahn auf dem Abstellgleis gelandet. PETER ODRICH

LGB schlüpfte unter das Dach von Märklin

  • Peter Odrich

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