Verkehrssicherheit 17.11.2006, 19:25 Uhr

Mit Winterreifen und „Gummiparagraf“ durch die kalte Jahreszeit  

Das Schneeflocke-Symbol auf den Reifen von traditionellen Herstellern – doch das hilft nicht allein.

Schneeflöckchen, Weißröckchen … – ist auf die Reifenflanke geschneit. Traditionelle Reifenhersteller kennzeichnen mit dem Schneeflocke-Symbol ihre speziell für die kalte Jahreszeit entwickelten Winterreifen. Sie warnen vor dem Kauf von Pneus mit M+S-Kennung, die eben nicht die spezielle Wintertauglichkeit haben. Tücke: Die M+S-Kennzeichnung und andere Symbole sind nicht gesetzlich geschützt und definiert, so auch nicht die Schneeflocke – Ausnahme USA, wo sie nur Winterreifen zieren darf. Wer in Europa aber nur den Preis als Kaufkriterium heranzieht, könnte im schlimmsten Fall mit Schneeflocke-geschmückten Sommerreifen aus Fernost im Winter ins Schleudern geraten.

„Bei Kraftfahrzeugen ist die Ausrüstung an die Wetterverhältnisse anzupassen“, heißt es im § 2 Abs. 3 a der novellierten Straßenverkehrsordnung (StVO). „Hierzu gehören insbesondere eine geeignete Bereifung und Frostschutzmittel in der Scheibenwaschanlage. Wer ein kennzeichnungspflichtiges Fahrzeug mit gefährlichen Gütern fährt, muss bei einer Sichtweise unter 50 m, bei Schneeglätte oder Glatteis jede Gefährdung anderer ausschließen und wenn nötig den nächsten geeigneten Platz zum Parken aufsuchen.“ Seit 1. Mai 2006 ist dies obligatorisch, allerdings lässt der Gesetzgeber offen, was die „geeignete Bereifung“ ist. Denn der M+S-Schriftzug, so Fachleute, reicht nicht aus, um Winter- von Sommerreifen zu unterscheiden.

Die M+S-Kennzeichnung definiere keine bestimmte Schnee- oder Wintertauglichkeit, sondern fordert nur ein bestimmtes, gröberes Profildesign“, darauf weist Continental hin. Deshalb trügen nicht nur Winterreifen diese Kennzeichnung, sondern auch Reifen für den Geländeeinsatz und Ganzjahresreifen. Aber gerade gröbere 4×4-Reifen sind teilweise für den Einsatz auf schnee- und eisbedeckten Straßen ungeeignet, betonte das Unternehmen bei der Vorstellung ihres neuen „Conti4x4WinterContact“ für Geländefahrzeuge (Sport Utility Vehicles SUV).

Ganzjahresreifen seien laut Dr. Holger Lange, Reifenentwickler bei Continental, nur bedingt für das Fahren in der kalten Jahreszeit geeignet, da sie den Spagat zwischen Sommereinsatz bei hohen Temperaturen und Grip auf eisigen Untergründen schaffen müssten. Lange: „Ein Entwicklungsgegensatz, der nicht optimal aufzulösen ist.“

Es gibt zwar keine generelle Winterreifenpflicht, da die StVO eine „an die Wetterverhältnisse angepasste“ Ausrüstung verlangt, doch was heißt das im Falle eines Blechschadens, sprich Unfall, in der kalten Jahreszeit? Die Autohalter sind verunsichert und geben sich beim Reifenhandel die Klinke in die Hand: Winterreifen sind der Renner. „Viele Händler haben bereits jetzt Probleme, Reifen zu bekommen“, wurde Peter Hülzer, Geschäftsführer des Bundesverbandes Reifenhandel und Vulkanisierhandwerk, in der Presse zitiert.

Es gibt keine Winterreifenpflicht, doch „die Vorzüge solcher Pneus liegen auf der Hand,“ urteilte Helge Hoffmann, Technikchef Pkw-Reifen für Deutschland, Österreich und der Schweiz von Michelin, anlässlich der Präsentation des neuen Winterreifens „Alpin A3“. Sicheres Nasshandling und gutes Fahrverhalten auf Schnee seien die eindeutigen Vorzüge einer solchen Bereifung, so Hoffmann. Der neue Winterpneu, den es in 16 unterschiedlichen Dimensionen von 13 Zoll bis 16 Zoll gibt, verfüge über eine innovative Laufflächenmischung und neuartige Reifenarchitektur. Ziel der Entwicklung: gute Allroundeigenschaften und hohe Laufleistung.

Die Werkstoffentwickler bei Michelin nutzen sogar Sonnenblumenöl. Bei der Laufflächenmischung gelang ihnen damit die Silica-Mixtur zu optimieren, was – so die Experten – eine besonders hohe Energieabsorption im Bereich der Lauffläche bedeute. Der Reifen baue bei Nässe gegenüber früheren Exemplaren mehr Grip auf. Breite Kanäle in Längsrichtung, zusätzliche Längseinschnitte in den Schulterbereichen und schräge Profilblöcke auf der Außenseite prägen die Architektur des Alpin-A3-Reifens. Sie gestatte ein gezieltes Ableiten des Wassers zwischen Reifen und Straße, erläuterte der Anbieter. Auf Schnee sorge die hohe Lamellendichte für gute Haftung. Jede einzelne der etwa 1200 Lamellen „krallt sich mit der Gripkante in die Schneedecke und gewährleistet so gute Traktion und kurze Bremswege“.

Winterreifen werden immer differenzierter entwickelt, davon berichtet auch Continental. Sowohl neue Profilkonstruktionen als auch neue Materialien in der Mischungstechnologie hätten dabei die Fortschritte möglich gemacht. So würden die aktuellen Winterreifen ContiWinterContact TS 770 bis TS 810 Sport beispielsweise beim Handling auf Schnee ihre Vorgänger des Modelljahres 1996 um 13 % übertreffen.

Die Reifenkonstruktion folgt der Entwicklung in der Autoindustrie. So müssen nicht nur höhere Fahrzeuggewichte beherrscht, sondern auch die steigenden Motorkräfte sicher auf die Straße gebracht werden. Continental habe u. a. die Traktion der Winterreifen auf Schnee in den letzten zehn Jahren nach eigenen Angaben um 6 % angehoben, um die höheren Drehmomente moderner Pkw-Antriebe sicher übertragen zu können.

Doch der Winter kennt auch Tage ohne Regen, Schnee und Eis, dann sind die Allroundeigenschaften der Winterreifen auf trockener Fahrbahn gefragt. Um dem gewachsenem Tempo der Pkw Rechnung zu tragen, erlauben moderne Winterreifen inzwischen auch sehr hohe Geschwindigkeiten – in Einzelfällen bis zu 270 km/h, das sind 60 km/h über dem Maximum von 1996.

Heute sind selbst „dicke Puschen im Winter vorteilhaft“, so Lange, da sie kurze Bremswege und gute Seitenführung sichern. Die Umrüstung auf schmalere Winterpneus sei damit nicht nur überholt, sondern breitere Reifen sind heute ein wichtiges Sicherheitszubehör. Denn je breiter ein Reifen ist, desto mehr Gummi bringt er auf den Untergrund – und damit mehr Fläche, um zu bremsen und um Kurven auch bei höheren Geschwindigkeiten sicher zu durchfahren. Dies gilt für Sommer- wie Winterreifen gleichermaßen.

Die Qual der Wahl hat wie immer der Käufer. Hilfe erhält er bei Organisationen die Licht in das Dunkel gängiger Reifenangebote bringen. So etwa durch den ADAC, der im Internet unter www.adac.de/Tests einen aktuellen Winterreifentest stehen hat: Die „besonders empfehlungswert“ ausgewiesenen Winterreifen (185/60 R 14 T – bis 190 km/h) gibt es schon ab 54 €. – Schnäppchen-Jäger könnten mit einem Satz Winterreifen aus einer No-Name-Produktion ins Schleudern geraten, trotz Schneeflocke-Symbol. Nach dem Crash könnte es dann heißen: War die Ausrüstung an die Wetterverhältnisse angepasst und die Bereifung geeignet? W. PESTER/EW

 

Ein Beitrag von:

  • Elmar Wallerang

    Redakteur VDI nachrichten. Fachthemen: Hoch- und Tiefbau, Bautechnik.

  • Wolfgang Pester

    Ressortleiter Infrastruktur bei VDI nachrichten. Fachthemen: Automobile, Eisenbahn, Luft- und Raumfahrt.

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