Bahn 24.10.2003, 18:27 Uhr

Mit 250 km/h quer durch die Po-Ebene

Zwischen den italienischen Städten Novara und Turin wird emsig gebaut. Hier entsteht eine Schnellbahnstrecke, die in zwei Jahren fertig sein soll. Kaum ein Trassenbereich, wo nicht gearbeitet wird, was unlängst ein Hubschrauberflug bewies.

Das Vorhaben ist Teil des Aufbaus einer wichtigen Ost-West-Achse in der Po-Ebene.
Mehr Nord-Süd- als Ost-West-Verkehrswege gibt es in Europa. Kein Wunder, dass Querverbindungen wie Ruhrgebiet-Berlin im nördlichen Teil Deutschlands und Turin-Mailand-Venedig in der italienischen Po-Ebene von Kfz-Verkehr und Bahn hoch frequentiert werden. Entsprechend entsteht nach dem Vorbild Deutschlands auch am Südrand der Alpen eine von Ost nach West verlaufende Hochgeschwindigkeitsstrecke der Bahn. Derzeit im Bau: der 86,5 km lange Streckenabschnitt Novara-Turin. Noch nicht begonnen: der 38?km lange Abschnitt Mailand-Novara. Auf der Strecke Novara-Turin sollen 2005 die ersten Hochgeschwindigkeitszüge fahren. 2008 könnte die gesamte Hochgeschwindigkeitsstrecke Mailand-Turin fertig sein.
220 km/h schafft der Hubschrauber, aus dem Fluggäste die Arbeiten zum Bau der Hochgeschwindigkeitsstrecke Novara-Turin beobachten. „Im Gegensatz zu uns erreichen die Züge auf der parallel zur Autobahn Mailand-Turin trassierten Strecke 300?km/h,“ freut sich ein Ingenieur des Baukonsortiums, räumt aber ein, in der Praxis ginge es nicht ganz so rasant zu, ein Tempo so um die 250?km/h könne man sich vorstellen. Fest aber steht: In zwei Jahren fahren die ersten Hochgeschwindigkeitszüge auf der neuen Strecke. Sieben Jahre dauerte das Genehmigungsverfahren, doch nur 44 Monate sollen ausreichen, den 86,5 km langen Abschnitt Turin-Novara fertig zu stellen, erklärt Ingenieur Saverio Parisi vom Hochgeschwindigkeitskonsortium Treno Alta Velocità S.p.A (TAV). Für den Restabschnitt Novara-Mailand hat das Planungsverfahren erst begonnen, so dass die insgesamt 124,5?km lange zweigleisige Verbindung zwischen den norditalienischen Metropolen komplett erst in fünf Jahren befahrbar sein wird.
„Leider zwei Jahre zu spät,“ bedauern sportbegeisterte Italiener, denn die Provinz Turin erwartet zur Winterolympiade 2006 einen Ansturm auf Stadt und Provinz Turin. Bürgermeister Sergio Chiamparino setzt alle Hoffnung auf die Olympiade: „Sie wird Turin in aller Welt bekannt machen.“ Das ist auch nötig, denn die bauhistorisch wertvolle Stadt leidet unter dem Ruf, von der krisengeschüttelten Fiat abhängig zu sein. Dass Fiat überlebt, ist für Chiamparino sicher. „Aber nicht als Massenhersteller, sondern als Forschungs- und Entwicklungsfirma der Automobilbranche,“ glaubt der Bürgermeister.
Doch weil Stadt und Provinz Turin mit ihrer Wirtschaftsförderungsgesellschaft ITP, deren Präsident Edelautofabrikant Andrea Pininfarina ist, neue Investoren anlocken will, gehört auch die neue Hochgeschwindigkeitsstrecke neben dem kleinen Flughafen Caselle zu den wichtigen Standortfaktoren. Turin bietet sich als preiswerte Wohnalternative zum teuren Mailand an. Die Städte sind auf den alten Schienenwegen noch 1:45 Stunden voneinander entfernt. Ab 2008 werden die auf 360 Züge pro Tag verdoppelten Verbindungen nur noch 50 Minuten dauern.
Von West nach Ost betrachtet verläuft die neue Bahntrasse zunächst durch die Industriegebiete Turins überquert die alte Bahnverbindung und folgt dann strikt der Autobahntrasse Richtung Mailand. 285 größere Bahndamm-Öffnungen, etwa für die Bewässerung der weiten Reisfelder, gilt es zu bauen. Außerdem 21 Brücken und 25 „künstliche Tunnel“. Über weite Strecken ist die Bahnlinie aufgeständert.
Der Hubschrauberflug soll beweisen, dass überall an der Strecke gearbeitet wird. Tatsächlich gibt es kaum ein paar 100 m, wo nicht gebaut wird. Knapp 5000 Mann arbeiten an sieben Wochentagen in zwei Schichten. „An heiklen Stellen auch rund um die Uhr,“ betont Projektleiter Parisi. Von zwei gut bewachten Basislagern aus werden die Bauarbeiten geleitet. Dort befinden sich auch die Feldfabriken für die Brücken-Fertigteile aus Beton. Diese werden mit Spezialfahrzeugen mit einer maximalen Traglast von 460 t und 41 m Spannweite zur entsprechenden Baustelle transportiert.
Die Hochgeschwindigkeitsstrecke, die mit 25 kV/50 Hz und voraussichtlich TGV-ähnlichen Triebzügen betrieben werden soll, hat nicht nur für den inneritalienischen Verkehr eine große Bedeutung. Zwar wird der Streckenabschnitt Bestandteil des italienischen Hochgeschwindigkeitsnetzes sein, das über Florenz, Rom und Neapel bis nach Palermo auf Sizilien reichen soll. Aber die strategischen Visionen der Piemonteser gehen in eine ganz andere Richtung. Sie sehen die neue Strecke als elementaren Bestandteil einer West-Ost-Verbindung. Sie soll, von Frankreich kommend, über Verona und Triest in die wirtschaftlich aufstrebenden Länder Osteuropas führen – eine Transversale für Wirtschaftsgüter südlich der Alpen. Hochgeschwindigkeitszüge aus der wirtschaftlich leistungsfähigsten europäischen Region Rhône-Alpes in Frankreich durch die Industriezentren Norditaliens nach Osteuropa: Wenn die Wirtschaft in Slowenien, Kroatien und Ungarn wächst, werde die Ost-West-Schiene profitieren, meinen die Wirtschaftsförderer und Politiker der Provinz Turin.
FRIEDHELM WEIDELICH

Ein Beitrag von:

  • Friedhelm Weidelich

    Technikjournalist Friedhelm Weidelich schreibt seit vielen Jahren über Verkehrsinfrastruktur, Eisenbahnen und Fahrzeugbau für verschiedene überregionale Zeitungen, Online-Medien und Fachmagazine.

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