Verkehr 12.05.2006, 19:21 Uhr

Megabohrer aus Baden  

VDI nachrichten, Schwanau, 12. 5. 06, rb – Ob Gotthard- oder Katzenbergtunnel, U-Bahn- und Straßenschächte in Madrid oder Shanghai – die riesigen Tunnelvortriebsmaschinen der Firma Herrenknecht sind überall auf der Welt zu finden. Gebaut werden diese Giganten ihrer Art in der kleinen Gemeinde Schwanau am Oberrhein.

Achim Kühn achtet auf die Sicherheit seiner Besucher: „Wir nehmen den Helm mit, wenn wir auf das Freigelände gehen“, sagt der Marketingleiter der Firma. „Da draußen kann eine einzige herunterfallende Schraube ein Unglück anrichten.“

Vorsicht ist geboten. Denn was hier an großen Tunnelbohrmaschinen auf dem Gelände der Herrenknecht AG im badischen Schwanau montiert wird, ist Extrem-Maschinenbau – in Dimensionen, die sich jeder Vorstellung entziehen. Mit entsprechend massiven Schrauben.

In diesen Wochen wird auf dem Firmengelände ein Bohrkopf montiert, der gut 10 m Durchmesser erreicht. Das ist so hoch wie ein dreistöckiges Haus. Monteure klettern über die Gerüste, Kräne bringen die tonnenschweren Stahlelemente in Position. Eine Tunnelvortriebsmaschine kann aus bis zu 90 000 Einzelteilen bestehen, rechnet Marketingchef Kühn vor. Im Vergleich zu dieser Technik ist jeder Traktor die pure Feinmechanik.

Und es ist nicht einmal der größte Bohrer in der Firmengeschichte, der gerade entsteht. Zurzeit ist ein Bohrer mit 15,20 m Durchmesser in Madrid im Einsatz und treibt dort täglich bis zu 34 m eines unterirdischen Autotunnels voran.

Herrenknecht ist inzwischen ein Name, den man kennt im Tunnelbau – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Rasant ist das Unternehmen gewachsen. 1975 hatte Martin Herrenknecht in Lahr südlich von Offenburg mit einem Ingenieurbüro begonnen, nachdem der heutige Vorstandsvorsitzende fünf Jahre in der Schweiz Erfahrungen mit Tunnelvortriebsmaschinen gesammelt hatte. Von sieben Mitarbeitern im Jahre 1979 wuchs das Unternehmen – inzwischen ins nahe gelegene Schwanau umgezogen – auf 65 Mitarbeiter im Jahr 1985. Heute hat die Firma mehr als 1600 Mitarbeiter weltweit, und setzt über 500 Mio. € im Jahr um. Man nennt sich inzwischen internationaler Marktführer, was den Vertrieb von maschinellen Tunnelvortriebsmaschinen mit Durchmessern von 10 cm bis 16 m betrifft.

So ungewöhnlich rasant die Firmenentwicklung war, so ungewöhnlich ist auch der Standort. Schwanau mit seinen gerade 6600 Einwohnern wirbt ansonsten mit seinem Fernradwanderweg entlang des Rheinufers, mit Kanufahrten durch die Flussauen oder mit Pferden „in traditionsreicher Kulturlandschaft“. Es gibt am Ort einen Reitverein, einen Imkerverein, die Angler und die Landfrauen.

Aber man hat eben auch das Gewerbegebiet Allmannsweier, und dort vor allem die Firma Herrenknecht. „Das Unternehmen ist der größte Gewerbesteuerzahler unserer Gemeinde“, freut sich Bürgermeister Wolfgang Brucker. Zudem profitiere die ganze Region: „Mitarbeiter haben im Ort gebaut, es bleibt Kaufkraft in der Gemeinde.“

Gefreut hat man sich im Unternehmen über den Zuschlag für den Bau des Katzenbergtunnels, der aktuell zwischen Freiburg und Basel vorangetrieben wird. Er soll die Bahn künftig auf schnellerer Trasse führen. „So ein Projekt in der Region war uns wichtig“, sagt Marketing-Mann Kühn. 11,12 m misst jede der beiden Vortriebsmaschinen. Gleichzeitig fressen sich am Gotthard vier Hartstein-Gripper von Herrenknecht mit 8,83 m bzw. 9,58 m Durchmesser durchs Gestein dort entsteht mit zwei Röhren, von je 57 km Länge, der längste Verkehrstunnel der Welt.

Und jedes Mal werden die Tunnelbohrmaschinen eigens für die jeweilige Geologie entwickelt und gebaut. Denn je nach Härte des Gesteins und je nach Wasserführung im Untergrund, müssen die Abbauverfahren und Bohrköpfe individuell ausgelegt werden. Zu den Vorgaben des Auftraggebers gehört dann zum Beispiel auch eine exakte Größe der abgebauten Gesteinsfragmente, die nach dem Ausfräsen über Bänder abtransportiert werden – und später beispielsweise zum Gleisbau verwendet werden.

Die Auslegung der riesigen Bohrmaschine muss vielfältigen Anforderungen Rechnung tragen. Wechselt im Verlaufe des Vortriebs die Geologie allzu sehr, werden umbaubare Schilde genutzt. Dann muss die Maschine in den Tiefen des Berges umgebaut werden.

Dennoch bringt die maschinelle Technik einen Zeitgewinn: Mit den Bohrern komme man am Gotthard bei guten Bedingungen bis zu 40 m täglich voran, heißt es bei der Firma Herrenknecht – würde man konventionell mit Sprengungen arbeiten, wären es maximal 12 m. Die Anforderungen an die Maschinen sind bei dieser Arbeit hoch: Im Extremfall müssen die Bohrmeißel an bestimmten Bohrkopfpositionen täglich erneuert werden.

Heute, so schätzt man im Unternehmen, würden weltweit bereits 45 % der Verkehrstunnel durch Tunnelvortriebsmaschinen gebaut, der Rest noch konventionell. Beim Vortrieb mittels Sprengung wird seit 60 Jahren die so genannte „neue österreichische Tunnelbauweise“ angewandt: Sprengung und sofortige Sicherung des Gebirges, zum Beispiel durch Spritzbeton. Doch der Anteil des maschinellen Vortriebs nimmt zu. Zum einen, weil die zeitlichen Vorgaben der Bauherren immer knapper werden. Zum anderen aber auch, weil das Unfallrisiko für die Arbeiter deutlich geringer sei, wie die Firma Herrenknecht betont.

Beim Einsatz von Tunnelbaumaschinen in weichen Baugründen werden unmittelbar hinter dem Bohrschild Stahlbeton-Tübbinge eingebaut. Das geschieht noch im Schutz des Schildteiles. Der hat daher nicht nur gigantische Durchmesser, sondern auch eine ordentliche Länge: Am Katzenbergtunnel etwa sind die Maschinen inklusive installierter Nachläufer rund 225 m lang.

Dass die Bohrköpfe erhebliche Drehmomente erreichen müssen, liegt auf der Hand. Die Firma veranschaulicht die Kräfte gerne an einem Beispiel: Die Vortriebsmaschine für den Autotunnel in Madrid verfügt über ein Drehmoment, das ausreichen würde, eine voll beladene Boeing 747 (410 t) mit einem 30 m langen Hebelarm anzuheben. „Das ist das höchste jemals in einer Tunnelbohranlage installierte Drehmoment“, heißt es in Schwanau. In Zahlen: 125 268 Kilonewtonmeter.

Die Maschinen werden vom Hersteller an die jeweiligen Projektgesellschaften verkauft oder auch verleast. Nach Fertigstellung einer Bohrung nimmt Herrenknecht die Anlagen auf Wunsch zurück. Dann werden sie demontiert, teils für neue Einsätze saniert oder einzelne Komponenten – soweit möglich – wiederverwendet. Denn die Baufirmen haben oft keine weitere Verwendung für das Bohrgerät – zu unterschiedlich sind die jeweilen Anforderungen.

Die Projektgesellschaften selbst sind in der Regel Arbeitsgemeinschaften mehrerer Baufirmen. „Wir selbst sind kein Bauunternehmen“, sagt Marketingleiter Kühn. Deswegen gibt es auf den Baustellen eine klare Trennung der Zuständigkeiten: „Wir müssen beispielsweise die Verfügbarkeit der Maschinen garantieren. Das Baugrundrisiko, also Risiken durch unerwartete geologische Vorkommnisse, trägt in der Regel der Bauherr.“

Unterdessen werden auf dem Freigelände und in den Werkshallen zeitgleich mehrere Tunnelbohrmaschinen montiert. Anschließend werden sie wieder zerlegt, und in einzelnen Teilen vom Rheinhafen Kehl auf dem Seeweg in ihr jeweiliges Einsatzland gebracht am Stück lassen sich die riesigen, bis zu 3000 t schweren Bohrer natürlich nicht transportieren.

Unter den Zielländern ist auch China inzwischen stark vertreten. Zahlreiche Tunnel in Peking und andernorts werden derzeit mit Herrenknecht-Technik vorangetrieben. Zwei eigene Montagewerke hat die Firma inzwischen in China errichtet.

Die Fertigung der wesentlichen Komponenten der Bohrmaschinen werde allerdings weiterhin in Schwanau verbleiben, versichert die Firma. Denn darin steckt das Erfolgsgeheimnis des badischen Mittelständlers. BERNWARD JANZING

www.herrenknecht.de

Von Bernward Janzing
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