31.12.1999, 17:23 Uhr

Kleine Flitzer tanken schon Öko-Sprit

Absolut benzolfreie Kraftstoffe mit 50 % niedrigerem CO-Ausstoß als die herkömmlichen werden bereits heute in kleinen Mengen produziert. Ihre flächendeckende Einführung scheitert jedoch am doppelt so hohen Literpreis und der fehlenden Bereitschaft des Staates, sie steuerlich zu bevorzugen.

Zu den Merkwürdigkeiten unserer Gesellschaft gehört es, dass eine breite Bevölkerungsmehrheit einerseits den Forderungen von Politikern nach weiterer Reduzierung der vom Straßenverkehr verursachten Schadstoffemissionen begeistert applaudiert, andererseits aber die wachsende Verbreitung von Motorrollern mit schadstoffintensiven Zweitmotoren ohne Katalysator – über eine Million fahren bereits auf deutschen Straßen – toleriert oder sich am Wochenende auf einer der 240 Indoor-Kartbahnen Abgas- und Schadstoffkonzentrationen aussetzt, gegenüber denen der verkehrsreiche Münchner Stachus als Reinluftzone erscheint. Gesetzgeber, Gewerbeaufsicht, Technische Überwachungsvereine und Berufsgenossenschaften verschließen vor solchem Verhalten einmütig die Augen.
Zwar fordert die Gefahrstoffverordnung von den Hallenbetreibern eine Begrenzung krebserzeugender Stoffe – beispielsweise Kohlenmonoxid (CO), Stickoxide (NOx) oder Benzol -, aber diese Bestimmung ist entweder nicht ausreichend bekannt oder sie wird bewusst ignoriert. Mit speziellen Kraftstoffsorten lässt sich dieses Problem zwar nicht lösen, aber immerhin wesentlich entschärfen.
Die Bochumer Aral AG bietet für Indoor-Kartbahnen den Sonderkraftstoff „Aral ASF“ an (ASF steht für Aral Special Fuels), der nicht nur absolut benzolfrei ist, sondern auch wesentlich geringere Konzentrationen sonstiger aromatischer Kohlenwasserstoffe enthält als handelsübliches Superbenzin. In Verbindung mit dem niedrigeren Siedeende liegen alle Voraussetzungen für eine nahezu vollständige Verbrennung der einzelnen Komponenten vor, wodurch die Schadstoffwerte im Abgas drastisch reduziert werden.
„Unser benzolfreier und schadstoffarmer Kraftstoff sorgt eindeutig für bessere Luft und reduziert erheblich die gesundheitliche Gefährdung von Fahrern, Personal und Zuschauern“, bilanzierte Eberhard Martens, Geschäftsführer der Aral Mineralölvertrieb GmbH, gegenüber den VDI nachrichten. „Er erfüllt nicht nur die Auflagen der Gewerbeaufsicht für den Einsatz in Hallen, sondern hilft dem Betreiber auch, Heiz- und Lüftungskosten zu sparen“, so Martens.
Derzeit wird Aral ASF auf 60 deutschen Indoor-Kartbahnen, rund einem Viertel des Gesamtbestandes, verwendet. Im Gegensatz zu den dort dominierenden Viertaktmotoren kommen auf den etwa 70 Outdoor-Bahnen überwiegend hochdrehende Zweitakter mit bis zu 20 000 min-1 zum Einsatz, die naturgemäß die Schadstoffkonzentration in die Höhe treiben. Als Gegenmittel bietet der Bochumer Mineralölkonzern die Sorte ASF plus an, einen benzolfreien Sonderkraftstoff mit einem Aromatengehalt von weniger als 25 %, dessen CO-Ausstoß um 50 % unter dem von handelsüblichem Tankstellenkraftstoff liegt.
Neben Kartbahnen hat Aral noch weitere Marktnischen ausgemacht. Der Sonderkraftstoff für Zweitakter ist beispielsweise auch für den Betrieb von Kettensägen oder Rasenmähern durchaus sinnvoll. Und Aral ASF für Viertaktmotoren wird bereits seit einigen Jahren an die Automobilindustrie für die Erstbefüllung von Neuwagen geliefert, die auf dem Transportweg von der Fabrik zum Händler häufige Kurzstarts über sich ergehen lassen müssen.
Neben der Reduzierung gesundheitlicher Gefahren für das Verladepersonal ergibt sich ein zusätzlicher Vorteil: „Insbesondere bei tiefen Temperaturen kann handelsüblicher Kraftstoff bei wiederholten Kurzstarts die Zündkerzen erheblich beeinträchtigen“, weiß Martens zu berichten. „Uns ist ein Fall bekannt, wo bereits nach sieben Starts bei minus 70 oC Außentemperatur die Zündkerzen ausgetauscht werden mussten. Bei Tests mit unserem ASF-Kraftstoff dagegen funktionierten die Zündkerzen selbst nach 150 Kurzstarts noch einwandfrei.“
Die Frage liegt nahe, weshalb der umweltfreundliche Kraftstoff nicht generell an den Zapfsäulen ausgeschenkt wird. „Das liegt vor allem daran, dass die für die Herstellung der ASF-Sorten benötigten Komponenten nur begrenzt verfügbar und nicht in den erforderlichen Mengen herstellbar sind“, erläutert der Leiter der Aral-Forschung, Horst Henning Giere. Wegen der aufwendigen Produktion und der höheren Logistikosten schlägt der Literpreis ASF-Kraftstoff mit rund 3,50 DM zu Buche, ist also rund doppelt so teuer wie handelsüblicher Kraftstoff. Er könnte deutlich billiger sein, wenn der Staat die schadstoffarme Mixtur steuerlich begünstigen würden, aber davon ist keine Rede. Der Steueranteil ist bei ASF prozentual ebenso hoch wie bei normalem Tankstellensprit, beträgt also deutlich mehr als zwei Mark. HANS W. MAYER
Sauberes Benzin wird heute auf rund einem Viertel der deutschen Indoor- Kartbahnen verwendet.

 

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