Bahn 14.05.1999, 17:21 Uhr

Katastrophe von Eschede hat die Bahnwelt verändert

Die Deutsche Bahn will Unfälle soweit wie möglich ausschließen. Wenige Wochen vor dem Jahrestag der ICE-Katastrophe von Eschede informiert die DB über ihre inzwischen getroffenen technischen Vorkehrungen. Dennoch, das Unglück vom 3. Juni 1998 mit 101 Toten und 119 Verletzten ist längst noch nicht überwunden.

Seit Eschede ist die Welt für die Deutsche Bahn und den Schienenverkehr eine andere“, bekannte letzte Woche Dr. Johannes Ludewig, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn (DB), vor der Presse in Frankfurt/Main. Einerseits müsse alles Menschenmögliche veranlaßt werden, um derartige Katastrophen für die Zukunft auszuschließen, andererseits versuche die Bahn, den Betroffenen schnell, unbürokratisch und umfassend Hilfe zu leisten. Auf Fragen zu den konkreten Ursachen der ICE-Katastrophe von Eschede am 3. Juni 1998, wollte Ludewig nicht Stellung nehmen, da die immer noch andauernden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft obliegen.
Nach dem verheerenden Zugunglück mit 101 Toten und 119 Verletzten wurde zum ersten Mal in Deutschland ein Ombudsmann eingesetzt. Prof. Dr. Otto Ernst Krasney, zuletzt Vizepräsident des Bundessozialgerichts (BSG), stellte sich dafür zur Verfügung. Er sieht sich als Ansprechpartner, Vermittler und Helfer, nicht als Entscheider über Entschädigungen. Zunächst sei es eher um Rat und Tat in Fragen des täglichen Lebens gegangen. Eine zweite große Aufgabe bedeute die Vermittlung geeigneter psychosozialer Betreuung und Nachbetreuung von Betroffenen und Hinterbliebenen. Allein dafür stünden gegenwärtig 5 Mio. DM zur Verfügung.
Nach den Worten Krasneys habe die DB von vornherein darauf verzichtet, sich auf Haftpflichtgrenzen oder fehlendes Verschulden zu berufen, sondern ohne Rücksicht darauf den Hinterbliebenen so weit wie möglich Entschädigung geleistet. So gebe es bisher keine einzige Klage von Betroffenen gegen die DB. Bahn-Chef Ludewig räumte „Fehler und Ungeschicklichkeiten auf unserer Seite“ ein, diese seien jedoch einzelne Ausnahmen, keineswegs die Regel.
Als besonders problematisch bezeichnete Krasney die Frage des Schmerzensgelds für Todesfälle. „Nach deutschem Recht gibt es Entschädigung für Hinterbliebene nur, wenn ein psychopathologischer Zustand eingetreten und bewertbar ist“, so der Ombudsmann. In der deutschen Rechtsprechung bildeten 10 000 DM eine gewisse Obergrenze, wenn Forderungen vor Gericht erstritten wurden. Im Einvernehmen mit der DB sei einheitlich eine Summe von 30 000 DM für jedes Todesopfer festgelegt worden, so Krasney. Unabhängig davon hätten Hinterbliebene allerdings viel weiter gehende Ansprüche, etwa Kinder beim Verlust der Eltern, so daß die Katastrophe von Eschede für die Bahn noch jahrzehntelange Folgen haben werde.
DB-Chef Ludewig schätzt den entstandenen finanziellen Schaden aus heutiger Sicht auf 150 Mio. DM, zwei Drittel davon entfielen auf den Umsatzausfall durch die Stillegung der gesamten ICE-1-Flotte von insgesamt noch 59 Zügen während fast eines halben Jahres. Die Austauschaktion der gummigefederten Räder durch Vollräder in den Wagen dieser Züge habe sich wegen der Lieferzeit bis November 1998 hingezogen. Um ruhigen Lauf zu gewährleisten, müssen die Vollräder jetzt in verhältnismäßig kurzen Abständen reprofiliert und schließlich ausgetauscht werden, wenn sie auf das Grenzmaß abgedreht sind.
Der Maßnahmen-Katalog der DB sieht ferner vor, die Streckenplanung der zwei Neubauprojekte Köln – Rhein/Main und Nürnberg – Ingolstadt – München daraufhin zu überprüfen, inwieweit sich im Bereich von Brücken und Tunneln auf Weichen und Überleitungen verzichten läßt. Erwähnt wurden außerdem die Durchführung von Fehler-Möglichkeiten-Einfluß-Analysen (FMEA) bei laufenden Fahrzeugprojekten gemeinsam mit den Herstellern, ein Vergleich der Instandhaltungssysteme von Luftfahrt und Bahn gemeinsam mit Experten der Lufthansa, die flächendeckende Sicherstellung des „Vier-Augen-Prinzips“ bei relevanten Überprüfungen und Freigaben sowie Ultraschallprüfungen an Rädern in Abhängigkeit von der Kilometerleistung anstatt nach Zeitfristen.
Entschieden in Abrede stellte Ludewig jeden Zusammenhang von Personaleinsparungen und Unfällen: „Sicherheit ist der Ast, auf dem wir sitzen.“ Die zur Steigerung von Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit weiterhin unverzichtbare und von den Gewerkschaften mitgetragene Reduzierung der Mitarbeiterzahl habe auf keinen Fall eine Minderung der Sicherheit bewirkt. Vielmehr senke etwa der Ersatz alter mechanischer Stellwerke durch elektronische den Personalbedarf, schließe gleichzeitig aber menschliches Versagen in hohem Maß aus.
Die beiden schweren Güterzugunfälle der letzten Zeit seien nach bisherigen Erkenntnissen auf Achsschenkelbrüche an ausländischen Güterwagen zurückzuführen, die aufgrund internationaler Übereinkommen europaweit zugelassenen sind. DB-Chef Ludewig kündigte Initiativen zu den Standards dieser Wagen beim Internationalen Eisenbahn-Verband in Paris an, wenn sich die Untersuchungsergebnisse erhärtet haben.
RALF ROMAN ROSSBERG/WOP
Bei dem verheerenden Zugunglück in Eschede am 3. Juni 1998 starben 101 Reisende und 119 wurden verletzt, viele davon mit bleibenden Schäden. Zu den konkreten Ursachen, die zur ICE-Katastrophe führten, hat sich die Staatsanwaltschaft abschließend noch nicht geäußert, die Ermittlungen dauern noch an.

Ein Beitrag von:

  • Ralf Roman Rossberg

    Freier Journalist und Buchautor, der im wesentlichen zu Eisenbahnthemen schrieb. Studium der Elektrotechnik in München und Berlin, später viele Jahre im Pressedienst der Deutschen Bundesbahn.

  • Wolfgang Pester

    Ressortleiter Infrastruktur bei VDI nachrichten. Fachthemen: Automobile, Eisenbahn, Luft- und Raumfahrt.

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