Bahn 03.11.2006, 19:24 Uhr

Internationale Konkurrenz schätzt Schweizer Bahntechnik  

VDI nachrichten, Zürich, 3. 11. 06, wop – Lokomotiven rüstet ABB in Deutschland schon seit 1987 nicht mehr aus. Trotzdem werden in dem Schweizer Konzern auch heute wesentliche elektrische Komponenten hergestellt. So ist die ABB Sécheron Weltmarktführer bei Lok-Trafos. Sie profitiert von dem in der Energie- und Automationstechik global aktiven und vielfach führenden Unternehmen. Der Umsatz in der Sparte Bahnausrüstung soll bis 2009 verdoppelt werden.

Erzeugnisse für den Eisenbahnsektor hat ABB vielfältig im Programm: Energieversorgungssysteme ebenso wie die meisten Komponenten der elektrischen Lokomotiv-Ausrüstung. Von der Schweiz aus beliefert ABB sogar die Konkurrenz mit Lok-Transformatoren, Umrichtern und Antrieben: „Einfach weil wir besser sind“, sagte kürzlich ABB-Marketingchef Joël Vauchel auf einem Workshop in Zürich.

ABB richtete 1999 sein Bahnkompetenzzentrum in Zürich ein, zunächst für Traktionstransformatoren, mit denen sie in dem Segment die Weltspitze erklommen haben. Drei Jahre später kamen die Mittelspannungsanlagen und 2003 die Energieverteilsysteme hinzu. Der ganze Konzern ist aufgerufen, geeignete Komponenten aus anderen Bereichen dem „Railway Segment“ nutzbar zu machen. „Unser Ziel ist, die Aufträge für elektrische Bahnausrüstung bis 2009 zu verdoppeln“, so Vauchel, angestrebt würde ein mittlerer dreistelliger Millionen-€-Betrag.

Hinter dem Standort Genf verbirgt sich der traditionsreiche Name der schon 1969 von der damaligen BBC übernommenen „Ateliers de Sécheron“, einer der drei Pioniere der elektrischen Bahntechnik in der Schweiz. Aus BBC und der schwedischen ASEA entstand 1987 ABB: ASEA Brown-Boveri. In Deutschland wurde deren Bahnbereich 1996 mit dem von Daimler-Benz, vor allem der ehemaligen AEG, zu Adtranz zusammengeschlossen, die schließlich 2001 vom kanadischen Flugzeugbauer und Bahntechnikkonzern Bombardier übernommen wurde. Während ABB in Deutschland aus der Bahnindustrie verschwand, strahlt sie aus der Schweiz nach wie vor.

Zurzeit entwickelt ABB in Genf einen Transformator für eine neue Zuggeneration der französischen Bahngesellschaft SNCF, die „Autorail express à grande capacité“. „Clou bei AGC ist, dass ein und derselbe Zug nicht nur mit unterschiedlichen Oberleitungsspannungen Europas angetrieben werden kann, sondern auch von einem Dieselaggregat, wenn keine Oberleitung vorhanden ist“, berichtete Vauchel. Das Platzproblem habe man mit einem speziellen Dachtransformator gelöst. Für den deutschen Markt fertige ABB die Traktionstransformatoren übrigens in Halle an der Saale. Auch in Japan und ab 2007 in China sollen diese Transformatoren vor Ort hergestellt werden.

Ein weiterer Schwerpunkt des ABB-Bahnsektors liegt bei der Leistungselektronik, die heute konventionelle Antriebe mehr und mehr ablöst, in Lokomotiven und Zügen ebenso wie bei der Kupplung von Bahn- und Landesnetz. Mit Stadler-Rail, dem erfolgreichen Hersteller der „Flirt“-Züge, besteht eine strategische Zusammenarbeit: ABB ist Vertragspartner und Systemlieferant für die gesamte Leistungselektronik.

Zunehmend rückt die Leistungselektronik an den Verbindungsstellen des öffentlichen Verbundnetzes mit den Bahnstromnetzen in den Vordergrund. „Tendenziell geht die Erzeugung von Bahnstrom mit 16,7 Hz in eigenen Kraftwerken zurück, der Bezug aus dem Landesnetz nimmt zu“, meinte Martin Deiss, der sich bei ABB mit der Optimierung dieses Energieaustauschs beschäftigt. Vor allem würden nach und nach die „rotierenden“ Umformer zur Frequenzwandlung durch statische ersetzt. So habe die Deutsche Bahn zur Stromversorgung der 300-km/h-Neubaustrecke Köln – Rhein/Main in Limburg ein Umrichterwerk errichten lassen, das mit acht Umrichterblöcken zu je 15 MW die ICE-Züge bedient.

Für den neuen Lötschberg-Basistunnel (35 km), der 2007 in Betrieb gehen soll, wurde ebenfalls von ABB das Umrichterwerk Wimmis mit vier Blöcken zu je 21 MVA ausgerüstet, und die Rhätische Bahn speist ihr Netz in Graubünden bereits ganz ohne rotierende Maschinen, nur noch mit statischen Umrichtern aus dem Landesnetz.

Während der Lötschbergtunnel seiner Fertigstellung entgegengeht, wird am Gotthard noch gebohrt und gesprengt. Der mit 57 km künftig längste Tunnel der Welt wird in fünf Teilabschnitten gleichzeitig aufgefahren. Der bemerkenswerteste liegt bei Sedrun in Graubünden, von wo zwei 800 m tiefe Schächte auf die Sohle des künftigen Basistunnels abgeteuft wurden.

In der Tiefe liegen nicht nur zwei Vortriebsstellen nach Norden und Süden, sondern auch umfangreiche Installationen für die gesamte Baulogistik und ein ganzes Netz von Materialbahngleisen. Von diesem auch geologisch schwierigen Abschnitt muss das gesamte Ausbruchmaterial mit dem Aufzug nach oben geschafft und umgekehrt das Baumaterial nach unten gebracht werden. Außerdem wird damit die gesamte Mannschaft der Mineure befördert, die in drei Schichten arbeitet. Für einen Wassereinbruch stehen leistungsfähige Pumpen ständig einsatzbereit. Auch auf ihnen steht „ABB“, wie auf nahezu sämtlichen Schaltschränken für die Energieversorgung und der Steuerung für Aufzüge und Pumpenanlagen.

Im vor der Fertigstellung stehenden Lötschberg-Basistunnel hat ABB die gesamte Bahnstromversorgung ausgeführt durch den Tunnel verläuft als Kabel auch die für eine stabile Energieversorgung seit langem geforderte 132-kV-Bahnstromleitung zwischen den Teilnetzen im Norden und Süden der Alpen.

Nachdem die mit zahlreichen Pionierleistungen in die Geschichte eingegangene Schweizer Eisenbahnindustrie fast vollständig vom Markt verdrängt worden ist, bewahrt ABB mit seinen über 100-jährigen Wurzeln im elektrischen Bahnbetrieb auch ein letztes Stück Tradition. R. R. ROSSBERG

Von R. R. Rossberg
Von R. R. Rossberg

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