Verkehr 16.06.2006, 19:22 Uhr

„Im Ausland die Samenkörner gelegt“  

VDI nachrichten, Hamburg, 16. 6. 06, mav – Abdeckroste, Entwässerungsrinnen, Krötentunnel – dass man mit solchen Alltagsgegenständen innovativ und international erfolgreich sein kann, beweist die Büdelsdorfer ACO-Gruppe. In 28 Ländern ist das Familienunternehmen schon vertreten. Bis 2010 will Firmenchef Hans-Julius Ahlmann den Umsatz auf 1 Mrd. € verdoppeln. Wie, das erläutert er im folgenden Interview.

Ahlmann (lacht): Indem man Krötentunnel herstellt. Vor ungefähr 20 Jahren kam der Gedanke beim Naturschutzbund Schleswig-Holstein auf, man brauche Lösungen, um Kröten über die Straße zu bringen, ohne ganze Schulklassen nachts über die Straße laufen und die Tiere hinübertragen zu lassen.

Aber für einen Krötenkanal kann man keine einfache Betonröhre nehmen. Denn die bleibt vom Winter unter der Straße kalt. Die Kröte, aus der Winterstarre von den ersten Sonnenstrahlen erweckt, würde da hineingehen, die Temperatur sinkt, die Kröte bleibt sitzen und stirbt.

Ein Krötenkanal muss also oben offen sein, damit er sich aufwärmen kann. Und er muss feucht bleiben, damit die Tiere nicht am trockenen Zementstaub festbacken oder sich daran verätzen. Aus diesen Überlegungen ist unser Produkt aus Polymerbeton entstanden, mit einer feinen, glatten Oberfläche. Davon sind in den vergangenen 20 Jahren jede Menge Kilometer verbaut worden, als Krötentunnel wie auch als Leitsysteme entlang der Straßenränder.

VDI nachrichten: Trotz vieler Kilometer ist das nur eine Nische. Was sind Ihre großen Umsatzbringer?

Ahlmann: Den größten Umsatzanteil, aber deutlich weniger als 50 %, steuert der Tiefbau bei, genauer der Bereich ACO Drain. Damit haben wir als erstes angefangen in verschiedenen Ländern, dann haben wir zunächst eine gewisse Marktdurchdringung und nun fast überall die Marktführerschaft erreicht.

Der zweitgrößte ist der noch relativ junge Geschäftsbereich Gebäudeentwässerung. Da fassen wir ein massives Wachstum ins Auge. Seit 1972 ist unsere Entwässerungstechnik in jedem Olympiastadion zum Einsatz gekommen – und das wird hoffentlich auch 2008 bei den Spielen in Peking der Fall sein.

Der ACO-Bereich Hochbau ist heute noch auf die deutschsprachigen Märkte konzentriert, doch wir beginnen, ihn auf das übrige Europa auszudehnen.

VDI nachrichten: Drei Hauptgeschäftsbereiche, dazu Nischen, wie der Sportstättenbau und Krötentunnel, – verzetteln Sie sich da nicht zu leicht?

Ahlmann: Die Gefahr ist theoretisch gegeben. Andererseits eröffnet die breite Palette enorme Chancen. Wenn wir in einem Land wie Rumänien in den Markt eintreten, dann beginnt das z.B. mit einer Tankstellenkette, für die wir die Ölabscheider herstellen. Darüber werden wir bekannt – und können die anderen Produkte sukzessive nachziehen. Es hat großen Charme, wenn man viel Unterschiedliches anzubieten hat und sich immer da platzieren kann, wo gerade der individuelle Bedarf am größten ist.

VDI nachrichten: Die Diversifikation ist Teil Ihrer Expansionsstrategie?

Ahlmann: Ja, aber es geht auch darum, den Kunden eine Art One-Stop-Shopping zu bieten. Denn der Handel möchte ja nicht mit 1000 Lieferanten zu tun haben, sondern vielleicht nur mit ein paar Hundert.

VDI nachrichten: Warum betreiben Sie noch eine eigene Gießerei?

Ahlmann: In das Gießereigeschäft sind wir vor ca. 10 Jahren eingestiegen. Unsere drei Gießereien steuern auf jährlich 120 000 t Guss zu. Im Strangguss sind wir die Nr. 2 in Europa. Unsere Geschäftsführung dort ist so unternehmerisch, dass es einfach in sich stimmig ist und Freude macht. Und außerdem brauchen wir ja auch für viele unserer Produkte Guss-Teile – z.B. in unserem Straßenkanalguss.

VDI nachrichten: Wo können Sie in Ihrer Branche noch innovativ werden? Bei Werkstoffen? Bei den Produktionsprozessen? In der Logistik?

Ahlmann: In allen Bereichen. Mit der Logistik haben wir uns in der jüngeren Vergangenheit besonders intensiv beschäftigt und auch erheblich investiert. In Deutschland haben wir allein in den vergangenen beiden Jahren zwei neue Logistikzentren aus dem Boden gestampft.

Auf der Produktseite sind als Innovation unsere überflutungsgeschützten Kellerfenster zu erwähnen, die wir dieses Jahr auf der Baumesse Deubau vorgestellt haben.

Bei den Entwässerungssystemen besteht eine wesentliche Innovation darin, dass wir völlig neue Lösungen für Autobahnen und Flughäfen entwickelt haben, sowohl in Polymerbeton als auch in Kunststoff. Das wurde in der Vergangenheit mit vorgefertigten Betonteilen gemacht. Die sind jedoch enorm schwer und haben eine ganze Reihe von Nachteilen.

Und was die Abdeckroste betrifft: Wir arbeiten zurzeit z.B. an einem Rostprogramm aus Kunststoff, das auch höhere Belastungen aushält.

VDI nachrichten: Womit wachsen Sie am stärksten?

Ahlmann: Mit der Sparte Gebäudeentwässerung weltweit. In Deutschland ist das Potenzial schon weitgehend erschlossen. Im Ausland hingegen haben wir erst die Samenkörner gelegt.

VDI nachrichten: Um was für Objekte geht es da?

Ahlmann: Um Parkhäuser und Großküchen zum Beispiel. Wir sind heute besonders stark im gewerblichen und behördlichen Bau.

Wir sind aber dabei, auch private Anwendungen zu erschließen. Beispiel: Die alte Duschtasse ist nicht mehr in, weil sie weder senioren- noch behindertengerecht ist. Statt dessen werden immer mehr bodengleiche Duschen nachgefragt. Da gibt es zwei Möglichkeiten: Der Ablauf ist in der Mitte. Dann müssen die Fliesen oder Marmorplatten alle zugeschnitten werden. Oder man entwässert zu einer Seite über unsere Rinne. Das ist einfacher und deshalb ein Produkt, das sich sehr gut verkauft.

VDI nachrichten: Ihr Ziel ist die Umsatzmilliarde in 2010. Was steht hinter dieser Zahl?

Ahlmann: Dahinter steht vor allem die Expansion in den Regionen Asien, Arabien und Nordamerika. Auch in Russland sehen wir großes Potenzial.

VDI nachrichten: Sie haben sich finanziellen Spielraum geschaffen für die Expansionspläne, indem Sie Mezzanine-Kapital von der IKB hereingenommen haben. Welche Alternativen haben Sie vorher geprüft?

Ahlmann: Wir beschäftigen uns schon seit sechs Jahren mit mezzaninen Instrumenten, haben sie aber bisher nie eingesetzt, weil sie zu teuer waren. Der Markt hat sich erst mit neuen Angeboten langsam geöffnet. Wir haben uns für die Equinotes der IKB entschieden, vor allem, weil wir zu dieser Bank eine sehr langjährige Verbindung unterhalten.

VDI nachrichten: Warum aber überhaupt Mezzanine?

Ahlmann: Weil unser Kapitalbedarf in den kommenden Wachstumsjahren hoch sein wird. Expansion in eine Region bedeutet auch, dort Fabriken aufzubauen.

VDI nachrichten: Warum kein Beteiligungskapital?

Ahlmann: Das war nie eine ernsthafte Option für uns, weil wir den Eindruck hatten, dass die Produkte à la Equinotes sehr schlank in Umsetzung und Abwicklung sind. Es ist nicht nur eine Preisfrage. Wir wollten zudem eine geringe Bindung von Personalkapazitäten: kein umfangreiches Berichtswesen, keine dauernden Meetings.

VDI nachrichten: Wie erschließen Sie neue Märkte? Über Akquisitionen?

Ahlmann: Über Akquisitionen läuft das in den seltensten Fällen. Wir haben fast immer in den Zielländern einen Geschäftsführer ausgesucht, der sich dann die Niederlassung von Grund auf errichtet hat: Der sucht sich eine Sekretärin, mietet ein Lager, stellt zwei, drei Arbeiter ein. Das klingt so nach Altväter-Sitte, aber das hat in der Vergangenheit bei uns am besten funktioniert.

VDI nachrichten: Ihr System klingt fast ein bisschen zu einfach¿

Ahlmann: Sie haben Recht, es ist nicht einfach. Es bedeutet im Gegenteil oft sogar jahrelange Knochenarbeit. In unseren jungen Märkten gelingt der Markteintritt auch eher projektgebunden.

VDI nachrichten: Das heißt, dort folgen Sie großen Kunden?

Ahlmann: Genau, da geht es dann um den Aufbau einer Tankstellenkette, Hotelkette oder Infrastrukturprojekte. Da segeln wir dann häufig im Fahrwasser unserer Kunden. Seien es internationale Flughafen-Consultants, die in den USA oder in Holland sitzen, aber in Kairo oder Budapest bauen. Oder wenn es um Formel-1-Strecken in aller Welt geht – die werden ja in Deutschland geplant.

VDI nachrichten: Sie erwähnten den arabischen Raum als Wachstumsregion. Welches Potenzial messen Sie der Region für Ihr Geschäft bei?

Ahlmann: Die Region hat Potenzial ohne Ende. Nehmen Sie die 700 geplanten Hotels in Dubai, die ja nur einen kleinen Ausschnitt des gesamten Wirtschaftslebens darstellen: Jedes Hotel wird bis zu 15 Küchen haben. Und jede dieser Küchen braucht Fettabscheidesysteme, Oberflächenentwässerungssysteme. Das ist massives Geschäft in Edelstahl. Allein im Burj al Arab sind Edelstahlprodukte für eine sechsstellige Euro-Summe verbaut worden. Diese Auftragsgröße trifft für fast jedes der 700 geplanten Hotels zu. Natürlich bekommen wir nicht jeden Auftrag. Aber wir müssen ja mal anfangen.

Oder denken Sie mal an die Flughafenprojekte in der Region – da muss man als Zulieferer wie wir dabei sein.

VDI nachrichten: Wie kann man als deutscher Mittelständler dabei sein?

Ahlmann: Ohne eigene Niederlassung im Land wird man nicht wahr- und nicht ernst genommen. Das ist die Herausforderung. Aber wenn so viel Volumen dahinter steht, macht man das mit. Obwohl es viel, viel Managementarbeit bedeutet – allerdings eine spannende Arbeit. MARTIN VOLMER

Von Martin Volmer
Von Martin Volmer

Stellenangebote im Bereich Fahrzeugtechnik

RUETZ SYSTEM SOLUTIONS GmbH-Firmenlogo
RUETZ SYSTEM SOLUTIONS GmbH Testingenieur / Engineeringconsultant (m/w/d) Systemintegration Car Infotainment, Fahrerassistenz und Telematik Systeme München
in-tech GmbH-Firmenlogo
in-tech GmbH Systemingenieur modellbasierte Entwicklung (MBSE) (m/w/d) Garching bei München, Leipzig, Erlangen, Berlin
in-tech GmbH-Firmenlogo
in-tech GmbH Versuchsingenieur für Betreuung von Teilsystemplätzen (m/w/d) Garching bei München, München
Zurich Gruppe Deutschland-Firmenlogo
Zurich Gruppe Deutschland Risk Engineer (m/w/d) Haftpflicht für unsere Industriekunden Frankfurt am Main
Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation-Firmenlogo
Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation Ingenieur*in (m/divers/w) für den Bereich Unfallanalyse Berlin
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Öhringen
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Schwäbisch Hall
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Vaihingen an der Enz
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Crailsheim
Eisenbahn-Bundesamt-Firmenlogo
Eisenbahn-Bundesamt Ingenieurin / Ingenieur oder Physikerin / Physiker (Uni-Diplom/Master) als Wissenschaftliche Referentin / Wissenschaftlicher Referent (m/w/d) für Schallschutz / Erschütterungsschutz Bonn, Dresden

Alle Fahrzeugtechnik Jobs

Top 5 Verkehr

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.