Verkehrsleittechnik 16.07.2010, 19:48 Uhr

Grüne Welle in Ingolstadt

„Travolution“, so lautet der Name eines Entwicklungsprojektes des Ingolstädter Autobauers Audi, das die Kommunikation von Fahrzeug und innerstädtischen Ampelanlagen zum Inhalt hat und vor kurzem erstmals in der Praxis vorgestellt wurde. Künftig, so das Projektziel, soll der Autofahrer aufgrund übermittelter Daten seine Geschwindigkeit so regulieren können, dass er quasi auf einer grünen Welle durch die Stadt surft. Diese sogenannte „Car-to-X-Kommunikation“ soll den Verkehr flüssig halten und dabei sowohl Treibstoff sparen als auch den Schadstoffausstoß reduzieren.

Ein Rechner, ein Sender – noch nimmt die Kommunikationsausrüstung eine größere Fläche im Kofferraum des Audi ein, später soll die Technik in einem kleinen Kästchen Platz haben. Wer jetzt schon mit ihm im oberbayerischen Ingolstadt unterwegs ist, erhält völlig neue Informationen über das Display über dem Lenkrad.

Ein blauer Pfeil zeigt die Fahrspur an, in der sich das Fahrzeug befindet, ein ebenfalls blaues Viereck signalisiert die empfohlene Geschwindigkeit, um die nächste Ampel bei Grün ohne Halt zu überqueren. Ein rotes Viereck im Bordcomputer wiederum lässt den Fahrer wissen, in wie viel Sekunden eine rote Ampel in die Grünphase überwechselt.

Für den Autofahrer bedeutet dies, ständig seinen Blick und seine Aufmerksamkeit zwischen Display und Straße hin- und herpendeln zu lassen – eine eher anstrengende Übung. Dem soll die sogenannte „smart adaptiv cruise control“ (smart ACC) abhelfen. Dahinter verbirgt sich eine Art Tempomat, der die Geschwindigkeit automatisch an die Ampelschaltungen anpasst. Der Autofahrer kann sich also ohne eigenes Zutun durch den Ampelwald lotsen lassen.

Im Ingolstädter Praxisversuch klappt die Ampel-Auto-Kommunikation manchmal und manchmal nicht. In einem Privat-Partnership-Projekt zwischen Audi und der Stadt Ingolstadt wurden seit 2006 mehrere Ampelanlagen mit einer neuartigen, aktiven Kommunikationstechnik ausgerüstet.

Heute sind 25 Ampelanlagen in den Versuch einbezogen, weitere 27 sind in Vorbereitung. Die bereits aktiven Anlagen stehen vor allem an der Ringstraße, welche die Stadt umschließt, und an der Ettinger Straße, die am Audi-Werk Ingolstadt vorbei nach Norden führt. Weil jede Anlage mehrere Ampeln umfasst, summiert sich die Zahl der Ampeln im Projekt auf über 150 einzelne Ampeln.

Bei der Kommunikation zwischen den Ampeln und den Autos setzt Audi auf zwei Technologien. Zehn Anlagen funken ihre Signale per WLAN in die unmittelbare Umgebung, die restlichen 15 schicken diese auf einen Server, der im Alten Rathaus in der Stadtmitte platziert ist. Zur Datenübertragung dorthin dienen die bereits existierenden Erdkabel, die Fahrzeuge wiederum holen sich die Informationen über UMTS-Mobilfunk. Die 15 Versuchsfahrzeuge von Audi empfangen diese Daten über ein Modul samt WLAN-Antenne sowie über eine UMTS-Datenschnittstelle.

Jede Ampelanlage versendet permanent ein Paket mit Standard-Infos, in dem sie ihren Aufbau beschreibt, einen Statusbericht über die Farbe der einzelnen Lichter für die jeweiligen Fahrtrichtungen und die Vorschau darauf, wie sie sich aller Voraussicht nach in naher Zukunft verändern werden.

Der Praxisversuch, der ohne smart ACC durchgeführt wurde, zeigt, dass der Autofahrer ohne den Tempomat wohl überfordert ist, permanent die Daten auf dem Display wahrzunehmen und zu verwerten. Zudem klappt die Ampel-Auto-Kommunikation noch nicht störungsfrei, manchmal bricht das Signal ab. Man sei eben noch in der Erprobungsphase, verraten die Techniker von Audi.

Aber Technik-Vorstand Michael Dick hat ehrgeizige Pläne: „Wir wollen den Beweis antreten, dass intelligenter Verkehrsfluss möglich ist“, erklärte er bei der Vorstellung des Projektes. Und verweist auf die ökologischen Vorteile.

Im Stadtverkehr, der in Deutschland durch etwa 60 000 Ampelanlagen geregelt wird, produzieren die 50 Mio. Pkw bei einer Rotphase im Jahr etwa 15 Mio. t CO2. Dies, so die Prognosen der Audi-Ingenieure, könne um 15 % reduziert werden, was rund 900 Mio. l Benzin im Jahr entspräche.

Die Ampel-Auto-Kommunikation ist nur ein Aspekt angedachter Vernetzung im Individualverkehr. Andere betreffen das Online-Bezahlen an Tankstellen und im Parkhaus, eine Rotlichtwarnung oder den Datenaustausch zwischen Autos. Diese könnten sich dann gegenseitig vor Pannen und Wetterereignissen wie Schneeglätte, erkannt durch Sensoren, warnen. Mit dem „Kreuzungsassistenten“ tauschen die Autos ihre Daten untereinander aus, um so Kollisionen vorzubeugen.

Dreh- und Angelpunkt der Auto-Ampel-Kommunikation aber ist neben der Einigung der Hersteller auf gemeinsame Standards die technische Ausrüstung der städtischen Ampelanlagen. Angesichts knapper Haushaltskassen in den Kommunen sicherlich eine Hürde. Aber auch Fragen des Datenschutzes kommen ins Spiel. „Wem gehören welche Daten und wie sicher sind diese“, lautet zum Beispiel eine der Fragen, die sich Professor Fritz Busch von der Technischen Universität München, Kooperationspartner bei „Travolution“, stellt. „Das ist sicher ein heißes Thema“, weiß der Verkehrstechniker.

RUDOLF STUMBERGER

Von Rudolf Stumberger

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