Bahn 07.05.1999, 17:21 Uhr

Freie Fahrt für den Güterverkehr auf der Betuweroute

Zwischen dem Rotterdamer Hafen und der deutsch/niederländischen Grenze bei Emmerich entsteht eine 160 km lange Güterzugstrecke. Sie verläuft aus verkehrstechnischen Gründen und zum Schutz der Landschaft an drei Stellen unterirdisch.

Die Niederlande ersticken förmlich am Güterverkehr. Was auf der einen Seite den Reichtum des Landes ausmacht, die Schlüsselstellung als Nordseeanrainer für fast alle Seetransporte nach Europa, sorgt bei dem Weitertransport der Waren ins Binnenland für die größer werdende Gefahr des Verkehrsinfarktes. So entsteht derzeit eine Bahnlinie, die einzig und alleine dem schnellen Transport von Waren aus den niederländischen Hafenstädten ins europäische Hinterland vorbehalten ist. Im Jahr 2005 soll hier der erste Güterzug rollen.
Rund 9 Mrd. Gulden (Stand 1998) sollen von dem Streckenbetreiber, der NS-Railinfrabeheer, einem Tochterunternehmen der Niederländischen Bahngesellschaft, für diese Bahnlinie, die sogenannte „Betu“ investiert werden, um einen schnellen und zuverlässigen Gütertransport auf der 160 km langen Strecke zwischen dem Hafen Rotterdam und der Deutsch-Niederländischen Grenze bei Emmerich (Zevenaar) zu gewährleisten. Neben der Exklusivität für den Güterverkehr wird sich auf dieser Strecke auch das Fehlen von Bahnübergängen, die die Geschwindigkeit beeinflussen, deutlich auf die Geschwindigkeit des Warenflusses auswirken. Gleichzeitig erfüllt die „störungsfreie Trassenführung“ die Vereinbarung der Europäischen Mitgliedsstaaten, ihre Schienennetze in Form von Gleiskorridoren ohne unnötige Aufenthalte einander anzuschließen.
Die neue niederländische Frachtverkehrsstrecke unterteilt sich in zwei Abschnitte: Die sogenannte Hafenlinie, vom Rotterdamer Vorhafengelände, der Maasvlakte, bis zum Rangierbahnhof Kijfhoek führt auf ihrer 48 km langen Strecke hauptsächlich durch den Rotterdamer Hafen. Der zweite Abschnitt verläuft von Kijfhoek über eine Strecke von 112 km entlang der Autobahn A 15 bis hin zur deutsch/niederländischen Grenze bei Emmerich. Dabei kommt der Bündelung der Bahnstrecke mit der stark befahrenen Autobahn A 15 eine besondere Bedeutung zu, da man auf diese Weise bereits in der Planungsphase wesentliche Aspekte des Umweltschutzes und des Schutzes der Bevölkerung durch unnötige Lärmbelästigung erreicht. Gleichzeitig bedeutet die unmittelbare Nähe zur Autobahn schnellen Zugang von Hilfskräften, sollte sich auf der Strecke ein Unfall ereignen.
Planerische, wie auch bautechnische „High-lights“ auf beiden Streckenabschnitten sind allerdings die insgesamt drei Tunnelbauwerke entlang der Strecke, der Botleg-Tunnel, der Sophia-Tunnel und der Tunnel unter dem Pannerdensch Kanal, die alle als Bohrtunnel im Schildvortriebsverfahren aufgefahren werden. Besondere Bedeutung kommt dabei dem Botleg-Tunnel zu, der im Rotterdamer Hafengebiet die „Oude Maas“ unterquert. Bei dieser Unterquerung ist das gesamte Umfeld des Tunnels durch äußerst sensible, infrastrukturelle Einrichtungen gekennzeichnet, deren Beeinträchtigung für die Niederlande kaum abzuschätzende wirtschaftliche Folgen hätte.
So verlaufen quer zur Bohrrichtung sowohl im östlichen, wie auch im westlichen Tunnelabschnitt Kabel- und Leitungspakete, die aus dem Hafen in Richtung Stadt reichen. Dabei bilden die dichten Kabelstränge das geringere Problem. Weitaus kritischer sind die unterirdischen Leitungen, in denen teilweise hochgiftige und hochexplosive Stoffe aus den Raffinerien transportiert werden. Daher, und vor allem, weil diese Leitungen unterhalb von Wohngebieten verlegt wurden, dürfen vom Tunnelvortrieb nur minimale Einwirkungen auf diese hochsensiblen Leitungen ausgehen: Bereits in der Ausschreibung wurde die Setzung des Bodens für den gesamten Streckenabschnitt auf 25 mm festgelegt wobei an besonders gefährdeten Stellen zusätzliche Maßnahmen zur Setzungsbegrenzung einzuplanen sind.

Parklandschaft auf einem überdachten Knotenpunkt

Verschärft werden diese äußerst schwierigen infrastrukturellen Randbedingungen zudem noch durch extrem ungünstige Baugrundverhältnisse. Besonders im Bereich der Anfahrstrecke ist der Untergrund durch äußerst weiche, gering tragfähige, aber hollandtypische holozäne Böden aus Ton und Torflagen gekennzeichnet. Erst im Mittelbereich des Tunnels stößt man später auf die für den Vortrieb günstigeren pleistozänen Sandlagen. Überdies vermuten die Planer im Verlauf der Maas-Unterquerung noch Fundamentreste alter Schiffsanleger oder Gründungspfähle aus bewehrtem Beton alter Brückenbauwerke.
Indes birgt nur die Vortriebsstrecke für den Botlektunnel eine solche Menge an „Überraschungen“, so daß bei den beiden anderen Untertage-Strecken „nur“ mit den für die Niederlande üblichen ungünstigen Bodenverhältnissen kalkuliert werden muß. Eben diese Bodenverhältnisse sind es, die es erforderlich machen, daß alle zum Einsatz kommenden Vortriebsmaschinen mit flüssigkeitsgestützter Ortsbrust arbeiten – einem Verfahren, bei dem die Ortsbrust durch Einspritzen einer Bentonitlösung gegen das Nachrutschen gesichert wird. Die kontinuierlich eingeleitete Bentonitlösung wird zusammen mit dem Abraum aus der Abbaukammer abgesaugt und über eine Rohrleitung an die Erdoberfläche gefördert. Dort wird das geförderte Erdreich von der Bentonitsuspension separiert. Während die tunnelbauer das Erdreich deponieren, wird die Stützflüssigkeit wieder unter Tage gepumpt und in den Förderkreislauf zurückgeführt.
Bei der Einbettung der Betuweroute in die Landschaft strebten die Niederländer eine neue Form des Gleichgewichtes zwischen Schienenweg und Umgebung an. Das landschaftliche Geschehen beiderseits der Strecke soll sich möglichst ungebrochen fortsetzen. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden zahlreiche Lösungswege gesucht und auch gefunden. Zu den Lösungen gehören die Einrichtung von Verbindungsstreifen zwischen Waldstücken, das „Tarnen“ eines großen Eisenbahnknotenpunkts durch Überdachung, wobei auf einem Teil der Überdachung ein Park angelegt wird, sowie die Verbreiterung der Uferzonen der Wasserläufe und deren Vorbereitung für eine spezielle Begrünung.
HAN
Die niederländische Bahnlinie für den Güterverkehr verläuft zum Teil unterirdisch. Verkehrstechnische Ursachen und Auflagen des Landschaftsschutzes machten den Tunnelbau erforderlich. Drei Tunnel entstehen, die ausschließlich bergmännisch vorgetrieben werden.

Von Han
Von Han

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Fahrzeugtechnik

in-tech GmbH-Firmenlogo
in-tech GmbH Versuchsingenieur für Betreuung von Teilsystemplätzen (m/w/d) Garching bei München, München
in-tech GmbH-Firmenlogo
in-tech GmbH Systemingenieur modellbasierte Entwicklung (MBSE) (m/w/d) Garching bei München, Leipzig, Erlangen, Berlin
Zurich Gruppe Deutschland-Firmenlogo
Zurich Gruppe Deutschland Risk Engineer (m/w/d) Haftpflicht für unsere Industriekunden Frankfurt am Main
Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation-Firmenlogo
Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation Ingenieur*in (m/divers/w) für den Bereich Unfallanalyse Berlin
RUETZ SYSTEM SOLUTIONS GmbH-Firmenlogo
RUETZ SYSTEM SOLUTIONS GmbH Testingenieur / Engineeringconsultant (m/w/d) Systemintegration Car Infotainment, Fahrerassistenz und Telematik Systeme München
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Öhringen
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Schwäbisch Hall
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Vaihingen an der Enz
TÜV SÜD Gruppe-Firmenlogo
TÜV SÜD Gruppe Kfz-Prüfingenieur zur Qualifikation zum Sachverständigen (w/m/d) Crailsheim
Eisenbahn-Bundesamt-Firmenlogo
Eisenbahn-Bundesamt Ingenieurin / Ingenieur oder Physikerin / Physiker (Uni-Diplom/Master) als Wissenschaftliche Referentin / Wissenschaftlicher Referent (m/w/d) für Schallschutz / Erschütterungsschutz Bonn, Dresden

Alle Fahrzeugtechnik Jobs

Top 5 Verkehr

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.