Bahn 15.10.1999, 17:23 Uhr

Fahrt bei Rot in die Katastrophe

Geht die Privatisierung zu Lasten der Sicherheit? Nach der Zugkatastrophe in London schlagen in der Öffentlichkeit die Wellen hoch. Mehr als 30 Reisende, die exakte Zahl steht noch nicht fest, fanden dabei den Tod. Nun sollen Milliarden in die Sicherheitstechnik investieren werden.

Während des morgendlichen Berufsverkehrs stießen am Dienstag, den 5. Oktober, um 8.11 Uhr Ortszeit, in London zwei Züge zusammen. Ein aus drei Wagen gebildeter Regionalzug der Bahngesellschaft „Thames Trains“, vom Londoner Kopfbahnhof Paddington kommend, kollidierte frontal mit dem entgegenkommenden Intercity von „Great Western Trains“ auf einer Weiche in Ladbroke Grove. Dort, rund zwei Meilen vom Kopfbahnhof entfernt, kreuzen sich die Fahrwege beider Züge. Im folgenden Inferno aus Stahl und Flammen starben mehr als 30 Reisende – die genaue Zahl der Opfer ist noch nicht ermittelt -, über 160 wurden verletzt und noch immer gibt es vermisste.
Selbstverständlich schließt auch in England die Signaltechnik aus, dass zwei Züge „grünes Licht“ zur Einfahrt in denselben Abschnitt erhalten. Ein erster offizieller Untersuchungsbericht bestätigt, dass der Regionalzug vor dem berüchtigten Signal „Sn 109“ hätte halten und den Gegenzug abwarten müssen. Dieses Signal, so hieß es nach dem Unfall, sei in letzter Zeit schon mehrfach missachtet worden, angeblich wegen ungünstiger Sichtverhältnisse. Nur weil gerade kein anderer Zug kam, seien diese Vorfälle ohne Folgen geblieben. Offenbar hatte der ums Leben gekommene Lokführer das Rotlicht ebenfalls nicht beachtet. Wäre das Signal gestört und erloschen gewesen, hätte er allerdings auch anhalten müssen.
Wie es zu dem Zusammenstoß kommen konnte, lässt sich allenfalls nach Auswertung des Fahrtenschreibers aufklären denn um an dem „Danger“ zeigenden Signal vorbeizufahren, musste der Lokführer das automatische Warnsystem (AWS) im Triebwagen dreimal von Hand abstellen, um eine selbsttätige Bremsung zu verhindern. Mit der Zugbeeinflussung „ATP“ (Automatic Train Protection), die ohne Beteiligung des Lokführers zur Zwangsbremsung geführt hätte , war nur der entgegenkommende Intercity ausgerüstet, dessen Signale standen aber auf „Fahrt“, deshalb bestand für sein ATP-System kein Anlass zur Zwangsbremsung.
Nirgends in Europa ist eine ehemalige Staatsbahn derartig nachhaltig aufgeteilt und privatisiert worden wie British Rail in Großbritannien. Während die Gleis- und damit auch die ortsfesten Signalanlagen „Railtrack“ unterstehen, fahren auf deren Strecken heute Züge von 25 privaten Gesellschaften, in deren Verantwortung der fahrzeugseitige Teil der Sicherungseinrichtungen fällt. Ob das AWS in dem Triebwagen von Thames Trains nicht funktionierte, durch den Unfall zerstört oder vom Lokführer falsch bedient wurde, ließ sich zunächst nicht klären. Allein die Tatsache, dass erneut ein schweres Zugunglück das Land der ersten Eisenbahn Europas erschüttert hat – erst vor zwei Jahren waren im selben Streckenabschnitt sieben Menschen ums Leben gekommen – hat die Engländer empört.
Die Pendler leiden unter Verspätungen, Unzuverlässigkeit, Unsauberkeit, überfüllten und mangelhaften Zügen, wobei nun auch noch Unsicherheit hinzukommen zu scheint. Kritiker führen die Missstände auf die Privatisierung zurück. Während die neuen Bahngesellschaften hohe Gewinne einstreichen, 1998 rund 1,1 Mrd. Pfund, werde der Mängelkatalog immer länger.
Mick Rix von der englischen Lokführergewerkschaft drohte unter dem Eindruck der Katastrophe mit Streik, wenn die Regierung nicht binnen einer Woche Maßnahmen ergreift, um derartige Unfälle zu verhindern. Tatsächlich wird in Großbritannien seit Jahren über die Einführung von ATP diskutiert. Aus Kostengründen hatte dies jedoch sowohl die Regierung der Konservativen als auch die von Labor abgelehnt.
Verkehrsminister John Prescott bestreitet einen Zusammenhang zwischen Privatisierung und Sicherheit. Er verweist auf die starke Zunahme der Rotlicht-Verstöße durch Lokführer: Mehr als 600 derartige Vorfälle im Jahr würden registriert. So gesehen müsste die Gewerkschaft eher von ihren Mitgliedern mehr Disziplin einfordern.
Der Minister erklärte, er habe schon im August, vor dem neuerlichen Unfall, einen Gesetzentwurf zur Einführung automatischer Sicherheitssysteme auf den Weg gebracht. Die Gefahr von Zusammenstößen solle damit ausgeschlossen werden. Er ließ keinen Zweifel an der Dringlichkeit von Investitionen in die Verbesserung der allgemeinen Bahn-Sicherheit. Den Staatshaushalt will Prescott damit allerdings nicht belastet wissen. Dies sei vielmehr Sache der Gesellschaften, vor allem von Railtrack. Sollte die umgehend nach dem Unfall eingesetzte Untersuchungskommission die Einführung von ATP empfehlen, werde die Regierung für die Umsetzung sorgen.
RALF ROMAN ROSSBERG/WOP
Tödliche Schlamperei in London: Der 31-jährige Lokführer eines Regionalzuges missachtete das Rot zeigende Signal und kollidierte mit einem Intercity.
Nach Überfahren des auf Rot stehenden Signals muss ein Horn gehupt haben, muss der Lokführer sofort einen Knopf gedrückt haben, um die Warnung aufzuheben, – andernfalls wäre der Zug zwangsgebremst worden.

Ein Beitrag von:

  • Ralf Roman Rossberg

    Freier Journalist und Buchautor, der im wesentlichen zu Eisenbahnthemen schrieb. Studium der Elektrotechnik in München und Berlin, später viele Jahre im Pressedienst der Deutschen Bundesbahn.

  • Wolfgang Pester

    Ressortleiter Infrastruktur bei VDI nachrichten. Fachthemen: Automobile, Eisenbahn, Luft- und Raumfahrt.

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