Verkehr 19.01.2007, 19:26 Uhr

„Es ging ums nackte Überleben!“  

eine überteuerte Akquisition. Die Vorstände Ernst Denert und Olaf Schemczyk zu der beinahe ruinösen Übernahme, zerronnenen 40 Mio. € und zu den Perspektiven des Unternehmens, das mittlerweile schon wieder schwarze Zahlen schreibt.

Schemczyk: Ich war als Informatiker von Anfang an dabei. Wir kamen damals frisch vom Operations Research-Lehrstuhl der TU Berlin, wo Verkehrsplanung ein großes Thema war. Wir haben die wissenschaftliche Arbeit mit unternehmerischen Mitteln fortgesetzt.

VDI nachrichten: Wie?

Schemczyk: Im Fokus waren Optimierungspotenziale im öffentlichen Personennahverkehr. Erster Kunde waren die Berliner Verkehrsbetriebe, deren Fahrpläne wir damals mit unseren heuristischen Verfahren optimierten. An Großrechnern, es gab ja noch keine PCs. Das hatte anfangs eher Forschungscharakter. Wir entwickelten nach und nach Softwareprodukte, die wir Anfang der 80er auch gleich für PC nutzbar machten. Danach ging es bergauf. Wir gingen auch neue Märkte an, etwa die Transportlogistik. Aus sechs Leuten wurden zwölf, dann 20, 50 …

VDI nachrichten: … bis hin zu 250 Leuten im Jahr 2000.

Schemczyk: Wobei jede Verdopplung Managementprobleme mit sich brachte. Wir haben nie geplant, so zu wachsen und mussten da erst reinfinden. Zum normalen Wachstum kam noch die Wende, mit der sich unsere Umsätze noch einmal verdoppelten.

VDI nachrichten: Es lief also wie am Schnürchen.

Schemczyk: So gut, dass wir 2000 beschlossen, an der Börse Kapital für weiteres Wachstum aufzunehmen. Außerdem planten wir eine Akquisition. Wir hatten bis dahin nur Soll-Daten behandelt, also die Planung von Fahrplänen, Fahrzeug- oder Personaleinsatz. Was uns fehlte, war Know-how bei den Ist-Daten, für Echtzeitanwendungen im Fahrbetrieb. In Form der TTi Systems AG, die den Hannoveraner Verkehrsbetrieben gehörte, haben wir es mit dem Kapital aus dem Börsengang gekauft.

VDI nachrichten: Ein Kauf, der Sie in den Folgejahren fast in den Abgrund gerissen hätte.

Schemczyk: Ja. Wir waren zu euphorisch. Der Börsengang war phantastisch gelaufen und hatte uns 40 Mio. € in die Kasse gespült – das Dreifache unseres damaligen Jahresumsatzes. Nach der guten Erstnotierung von 10,50 € stieg unsere Aktie zeitweise auf 30 € – und wir rechneten mit ungebremstem Wachstum. Gerade in Transportlogistik und Verkehrstelematik. Wir hatten Businesspläne erarbeitet, die uns binnen weniger Jahre von 25 Mio. € Umsatz auf 120 Mio. € katapultieren sollten.

VDI nachrichten: Es kam ganz anders.

Schemczyk: An der TTi hing eine gewaltige Schuldenlast.

Denert: Die hatten selbst ihre Gehälter auf Pump bezahlt, die wir immer noch erwirtschaften müssen. Die Akquisition war zu diesen Bedingungen schlicht ein Fehler.

Schemczyk: … den der damals fünfköpfige Vorstand auch einräumte und geschlossen zurücktrat…

VDI nachrichten: Danach übernahmen Sie, Herr Denert. Wie kam es dazu?

Denert: Ich stieg im Sommer 2001 planmäßig bei meiner 1982 gegründeten Softwarefirma sd&m AG in München aus, um mich anderen Dingen zu widmen. Lehre und Forschung, eine Software-Ausstellung, Bergsteigen – das waren die Ideen. Dazu war ich noch in zwei, drei Aufsichtsräten – unter anderem bei der IVU. Das sollte reichen. Und dann kam das Desaster der TTi-Übernahme heraus …

Schemczyk: …nicht nur die 40 Mio. € aus dem Börsengang waren weg, Ende 2001 standen noch dazu über 18 Mio. € Minus in der Bilanz.

Denert: … weil durch die Übernahme und Einstellungen viel zu viele Mitarbeiter an Bord waren, doppelt so viele wie heute. Und teilweise wurden Sachen programmiert, die kein Mensch kaufte. Diverse Telematikprojekte haben nie einen Pfennig Umsatz generiert.

Schemczyk: Also gleich mehrere schwerwiegende Managementfehler. Wir waren heilfroh, dass sich Herr Denert nach unserem Rücktritt binnen weniger Stunden bereit erklärte, zu übernehmen. Weil ich mit dem operativen Geschäft vertraut war, sollte ich an seiner Seite weitermachen.

Denert: Es war ein Beschluss kollektiver Weisheit (lacht).

VDI nachrichten: War es auch individuelle Weisheit, in so einer Situation zu übernehmen, statt sich erfreulicheren Aufgaben zu widmen?

Denert: Es war hart. Aber ich habe es nicht bereut.

VDI nachrichten: Hatten Sie schon mal ein Unternehmen saniert?

Denert: Nein. Ich wusste, wie man ein Softwarehaus führt. Aber letztlich ist es auch nicht so schwer, was da zu tun ist. Ich habe als erstes 100 000 € Umsatz pro Mitarbeiter als Ziel ausgegeben. Damals waren es kaum 70 000 €, und das reichte nicht.

VDI nachrichten: Bis 2004 schrieben Sie rote Zahlen, die Aktie rutschte zeitweilig unter 1 € und liegt heute bei 1,30 €.

Denert: Die Aktie war zweitrangig. Es ging ums nackte Überleben …

VDI nachrichten: … das Sie durch weitere Kapitalerhöhungen sichern konnten. Sie persönlich haben eineinhalb Millionen investiert. Auch 90 % der Mitarbeiter beteiligten sich und brachten dabei 600 000 € zusammen.

Denert: Ja. Sie haben sich aktiv an der Rettung beteiligt.

VDI nachrichten: Dennoch haben Sie fast 300 Leute entlassen …

Denert: Es gab keine Alternative.

VDI nachrichten: Sie stellen inzwischen wieder ein.

Denert: Wir haben das Team quantitativ verkleinert und qualitativ verstärkt. Seit 2001 haben wir die Zahl der Mitarbeiter halbiert und noch mehr entlassen.

Dafür haben wir hoch qualifizierte Leute eingestellt. Drei Viertel der Mitarbeiter haben nun einen Hochschulabschluss.

VDI nachrichten: Das ist bitter für jene, die sich 2002 mit eigenem Geld engagiert haben, um die drohende Insolvenz abzuwenden.

Denert: Sie haben kein Geld verloren. Sie haben Aktien zu 1 € gekauft und hatten in der Zwischenzeit Gelegenheit, sie für bis zu 2,50 € zu verkaufen.

VDI nachrichten: Aber es geht doch nicht nur um Geld. Das enttäuschte Vertrauen…

Denert: Natürlich tut es weh, aber wir haben uns bemüht, die Kündigungen so fair wie irgend möglich zu gestalten.

VDI nachrichten: Sie haben nicht nur in Deutschland umgebaut, sondern auch die Aktivitäten im Ausland.

Denert: International machen wir gute Fortschritte. Unser Auslandsanteil ist in den letzten fünf Jahren von 10 % auf ein Drittel gewachsen. Aber es ist nicht einfach.

VDI nachrichten: Warum ist das Auslandsgeschäft so schwer? Ihre Produkte sind hierzulande doch sehr erfolgreich?

Denert: Für Erfolg im Ausland muss man mehr tun als Niederlassungen gründen und hoffen. Erfolg setzt jahrelange mühsame Aufbauarbeit voraus, wie sie unsere Mitarbeiter in Italien auch geleistet haben. Dort stellt sich inzwischen Erfolg ein. Ebenso in den Niederlanden, wo wir in der Entsorgungslogistik sehr stark sind.

VDI nachrichten: Muss es unbedingt eine eigene Niederlassung sein? Es gibt auch die Option, Ihre Software über Vertriebspartner oder Beratungsunternehmen an den Mann zu bringen.

Denert: Wir kooperieren durchaus mit Partnern. Aktuell haben wir einen schönen Auftrag von der ungarischen Staatsbahn gewonnen. Dafür arbeiten wir mit einem kleinen ungarischen Softwarehaus zusammen. Es gibt solche Projektpartnerschaften in diversen Ländern, aber die kommen meist eher zufällig zustande. Und huckepack mit Beratungsunternehmen – das sehe ich nicht als Weg.

VDI nachrichten: Wo sehen Sie denn neben der zähen Internationalisierung Ihre Potenziale?

Schemczyk: Unter anderem bei der Optimierung, also der Frage, wie ein gegebener Fahrplan mit weniger Fahrern und Fahrzeugen zu bewältigen ist. Noch sind da bei vielen Verkehrsbetrieben 10 % Effizienzsteigerung drin …

Denert: … und dann tut sich in der Welt ja auch einiges. Ein neues Thema, das sich entwickeln wird, ist die Steuerung von Serviceteams über Handhelds. Wir haben für die Stadtwerke München eine Lösung entwickelt, mit der sie 1000 mobile Servicemitarbeiter koordinieren. Da sind wir mit unserer Kompetenz, Flotten zu planen und zu koordinieren, aus dem Stand in ein neues Gebiet vorgestoßen.

VDI nachrichten: IVU steht für Informatik, Verkehr und Umwelt – auch eine strategische Aussage. Inzwischen sind Sie auch mit Wahlsoftware und Geoinformationssystemen am Start. Verändert sich Ihr Fokus?

Denert: Informatik für Verkehr bleibt der Schwerpunkt. Das U übersetze ich mit „und mehr“. Was wir sonst noch können, und wo sich Geld verdienen lässt, das machen wir.

VDI nachrichten: Noch ein Wort zur Aktie. Der Kurs liegt heute bei 1,30 €. Im Geschäftsbericht 2000 heißt es, der damalige Schlusskurs von 6,39 € spiegele nicht das Potenzial der IVU und sei vom Absturz am Neuen Markt geprägt …

Denert: Der heutige Kurs entspricht noch nicht dem aktuellen Wert der IVU. Wir haben die Insolvenz abgewendet, schreiben seit 2005 wieder schwarze Zahlen.

Nach unserer letzten Kapitalerhöhung, die mit einer weitgehenden Um- und Entschuldung verbunden war, sind wir voll handlungsfähig. Der Turn-around, das ist die gute Nachricht, ist geschafft.

Schemczyk: Unterm Strich hat uns die Übernahme der TTi trotz aller Wirren in eine hervorragende Position am Markt gebracht. Um die Zukunft muss uns also nicht bange sein.

PETER TRECHOW

Ein Beitrag von:

  • Peter Trechow

    Peter Trechow ist Journalist für Umwelt- und Technikthemen. Er schreibt für überregionale Medien unter anderem über neue Entwicklungen in Forschung und Lehre und Unternehmen in der Technikbranche.

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