Verkehrssicherheit 28.05.1999, 17:21 Uhr

Ein Lebensretter feiert Geburtstag

Wird er nun 40 oder 50 Jahre alt?

Einen runden Geburtstag feiert der Sicherheitsgurt in diesem Jahr. Die Fachleuchte streiten allerdings darüber, ob es der 40. oder der 50. ist. Schwedens Automobilhersteller Nr. 1, Volvo, baute als erster serienmäßig Dreipunktgurte in seine Pkw ein und gratuliert sich sozusagen selbst zum 40. Geburtstag. Tatsächlich gab es jedoch schon zehn Jahre zuvor einige Autofirmen, die Sicherheitsgurte – wenn auch noch keine Dreipunktgurte – serienmäßig oder als Sonderausstattung anboten.
Ein archaischer Vorläufer des Gurts rettete bereits in der Frühzeit des Automobils dem amerikanischen Rennfahrer Walter C. Baker aus Cleveland, Ohio, das Leben. Baker überschlug sich 1902 beim Versuch, mit seinem Elektrowagen einen neuen Weltrekord aufzustellen. Er überlebte den spektakulären Unfall bei 125 km/h, weil er sich mit einem Lederriemen in dem offenen Fahrzeug festgeschnallt hatte.
Aber die Zeit war wohl noch nicht reif für die Erkenntnis, daß bei einem Unfall die Überlebenschancen im Fahrzeug wesentlich größer sind als außerhalb. Da gerade bei Autorennen immer wieder mal aus ihrem Fahrzeug geschleuderte Fahrer wie durch ein Wunder mit ein paar Schrammen davonkamen, andere hingegen von ihren sich überschlagenden oder umkippenden Wagen qualvoll erdrückt wurden, lieferten sich Befürworter und Gegner des Anschnallens jahrzehntelang einen Glaubenskrieg.
Der amerikanische Nash Ambassador war bereits 1949 – zehn Jahre vor dem Volvo – serienmäßig mit Beckengurten auf den Vordersitzen ausgerüstet. Sie verhinderten zwar, daß Fahrer oder Beifahrer bei einem Crash aus dem Fahrzeug geschleudert wurden, allerdings nicht den sogenannten Klappmesser-Effekt, also das Aufschlagen von Kopf und Oberkörper auf Lenkrad oder Instrumententräger. 1950 erhielt das Nash-Modell Rambler ebenfalls Zweipunktgurte, ab 1953 waren sie auch in dem legendären spanischen Sportwagen Pegaso Z 102 zu finden.
In Deutschland übernahm der Sportwagenhersteller Porsche, bedingt durch den starken USA-Export, die Vorreiterrolle. Der 356 A war bis Modelljahr 1956 auf Wunsch mit Beckengurten lieferbar, ab 1957 auch mit Diagonalgurten. Im selben Jahr bot Ford im 17 M als Sonderzubehör Beckengurte an, ab 1959 dann Dreipunktgurte. Von 1961 an konnten sich auch Käufer in Modellen von VW, Mercedes-Benz und BMW (V8 – „Barockengel“) gegen Aufpreis anschnallen.
Volvo war also nicht der erste Anbieter von Sicherheitsgurten, wohl aber der hartnäckigste Verfechter der Gurtphilosophie. Unermüdlicher Vorkämpfer war vor allem der 1920 geborene Konstrukteur Nils Bohlin, der in der schwedischen Flugzeugindustrie maßgeblich an der Entwicklung des Schleudersitzes beteiligt war, bevor er 1958 zu Volvo kam und sich den von ihm entwickelten Dreipunktgurt patentieren ließ.
1959 rüstete Volvo die Modelle PV 544 – Oldtimer-Liebhabern als Buckel-Volvo bekannt – und P 121 (Amazon) serienmäßig mit der Bohlin-Erfindung aus, zunächst nur für den schwedischen Markt. Im selben Jahr baute auch der zweite schwedische Pkw-Hersteller, Saab, in die Modellreihe 92 serienmäßig Gurte ein. Den eigentlichen Durchbruch schaffte der Lebensretter Nummer 1 jedoch erst 1967, als Volvo einen aufsehenerregenden Unfallreport veröffentlichte: Die Analyse von 28 000 Unfällen, an denen jeweils ein Volvo beteiligt gewesen war, bewies, daß sich das Verletzungsrisiko angeschnallter Insassen durchschnittlich um 50 % bis 60 % reduzierte.
Die Benutzung der damals üblichen Statikgurte war allerdings keine reine Freude: Bei jedem Fahrer- oder Beifahrerwechsel mußte der Gurt mühselig von Hand neu justiert werden, ebenso wenn man an einem kalten Wintertag zunächst mit Mantel eingestiegen war und diesen dann bei fortschreitender Erwärmung ablegte. Beim Aussteigen fiel der lose Gurt mangels Aufrollautomatik oft genug in den Straßenschmutz oder krümmte sich als kaum entwirrbares Knäuel auf dem Beifahrersitz. Nur hartgesottene Sicherheitsfanatiker brachten genug Geduld auf, sich vor jedem Start konsequent anzuschnallen.
Wesentlich benutzerfreundlicher war die zweite Gurtgeneration, bei der sich der Gurt bei Nichtgebrauch automatisch auf eine in der B-Säule installierte Rolle aufwickelte. Volvo übernahm 1968 bei den Automatikgurten wiederum die Vorreiterrolle, ebenso bei der höhenverstellbaren Ausführung, die 1972 in der Baureihe 164 ihr Debüt gab. Bei der weiteren Optimierung der Gurtsysteme hatte dann Mercedes-Benz die Nase vorn: 1985 wurde die alte E-Klasse (W 124) erstmals mit Gurtstrammern ausgestattet, 1995 präsentierte sich die neue E-Klasse (W 210) weltweit als Schrittmacher für den Gurtkraftbegrenzer.
Die Pionierleistung von Volvo und Bohlin bestand nicht zuletzt darin, den damals noch heftig umstrittenen Sicherheitsgurt hoffähig gemacht zu haben. In den vergangenen 40 Jahren hat er Hunderttausende von Menschenleben gerettet und ungezählte Millionen von Autoinsassen vor schweren Verletzungen bewahrt. Völlig zu Recht hat ihn daher das Deutsche Patentamt 1985 zu einer der acht wichtigsten Erfindungen der letzten 100 Jahre erklärt.
Das beste Gurtsystem nützt allerdings nichts, wenn Fahrer oder Mitfahrer es nicht benutzen. Nach einem alarmierenden Rückgang der Anlegequote in den Jahren 1995 bis 1997 zeigte die Anhebung des Verwarnungsgeldes für Gurtmuffel von 40 DM auf 60 DM ab 1. Juli vorigen Jahres erzieherische Wirkung in Deutschland: 1998 stieg die Anlegequote in der Bundesrepublik von 91 % auf 93 %, bei den Beifahrern von 92 % auf 94 % und bei den Fondinsassen sogar von 64 % auf 82 %, hat die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) in ihrer jüngsten Untersuchung ermittelt. Nach wie vor am niedrigsten ist sie jedoch im besonders unfallträchtigen Innerortsverkehr: Dort halten immer noch jeweils 10 % der Fahrer und Beifahrer und sogar 34 % der Fondinsassen das Anschnallen für entbehrlich und setzen sich einem hohen Verletzungsrisiko bzw. der Lebensgefährdung aus.
HANS W. MAYER
Nils Bohlin war der unermüdliche Vorkämpfer der Gurtphilosophie. Er kam 1958 aus der Flugzeugindustrie zu Volvo, die den von ihm entwickelten Dreipunktgurt patentieren ließen.
Dame mit Dreipunktgurt: Im Jahr 1959 rüstete Volvo die Modelle P 121 und PV 544 serienmäßig mit Dreipunkt-Sicherheitsgurten aus.

Ein Beitrag von:

  • Hans W. Mayer

    Hans W. Mayer ist Fachjournalist für Automobilthemen. Er u.a. für die FAZ und verschiedene andere Tageszeitungen und Magazine über Fahrzeugbau und Verkehrsthemen.

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