Verkehr 10.03.2000, 17:24 Uhr

Die Güter-Straßenbahn rollt am Stau vorbei

Die „CarGoTram“ soll just in time zwischen dem neuen Logistikzentrum und der Gläsernen Manufaktur von Volkswagen verkehren. Damit werden erstmals im deutschen Automobilbau Teile für die Fertigung von Kraftfahrzeugen taktgenau mit einer Straßenbahn angeliefert.

Am Rande des Großen Gartens, eines bei den Dresdnern beliebten Parks, im Stadtzentrum wird derzeit die neue Gläserne Manufaktur der Volkswagen AG, Wolfsburg, errichtet. Das Vorhaben hatte in der sächsischen Landeshauptstadt erregte Debatten ausgelöst. Denn die Bürger fürchteten nicht nur um ihre attraktive grüne Oase, sie hatten auch Bedenken, dass sich nach der Inbetriebnahme des Werks durch die ohnehin staugeplagte Innenstadt tagtäglich die Lastzüge der VW-Zulieferer quälen und die überlasteten Dresdner Straßen zusätzlich verstopfen werden.
Doch die Planer dachten anders. So erinnerten sich die Stadtväter angesichts des Logistik-Problems an ein Verkehrsmittel, das in Elbflorenz auf eine lange Tradition verweisen kann. „Begonnen hat die Geschichte der Güterstraßenbahn in Dresden bereits um 1900“, wusste Frank Müller-Eberstein am 3. März bei der Präsentation des „CarGoTram“-Konzepts zu berichten. Damals sei schon ein Wäschewagen vom Waldschlösschen nach Bühlau gefahren, so der Technische Vorstand und Sprecher des Vorstandes der Dresdner Verkehrsbetriebe DVB AG. Und noch vor dem ersten Weltkrieg seien zweckgebundene Straßenbahn-Fahrzeuge für den Güterverkehr etwa für Mehl- und Getreidetransporte zwischen Bienert- und Hafenmühle oder für Aschetransporte zum Kraftwerk West hinzu gekommen. Jetzt wird in Dresden wieder „Material mit Hilfe der Straßenbahn transportiert“, wie Werner Ulrich Geschäftsführer der Automobilmanufaktur Dresden GmbH bestätigt. Denn an der Fertigungsstätte stehen nur vergleichsweise geringe Flächen zur Verfügung, so dass große Teile der Logistik nach Dresden-Friedrichstadt ausgelagert werden mussten. Für den künftigen staufreien Kfz-Teile-Verkehr wurde die „CarGoTram“ gewählt.
Ulrich: „Das ist ein neuer Weg, und in der Bundesrepublik einmalig.“ An kühnem Denken sei dieses Logistikkonzept dem der gesamten Gläsernen Manufaktur ebenbürtig, meint der VW-Manager. Es sei eine besondere Herausforderung für den Fahrzeughersteller gewesen, eine Lösung zu finden, die der innerstädtischen Lage der Gläsernen Manufaktur gerecht wird und die Verkehrsbelastung durch die VW-Ansiedlung so gering wie möglich hält. So sei die Idee entwickelt worden, das gut ausgebaute Straßenbahn-Netz in Dresden für den Transport der Teile und Baugruppen vom künftigen Logistikzentrum in Dresden-Friedrichstadt in die Gläserne Manufaktur am Straßburger Platz zu nutzen.
Ab März kommenden Jahres sollen die ersten in Volkswagen-Blau lackierten Spezialbahnen durch die sächsische Landeshauptstadt rollen. Den Auftrag zum Bau der ersten beiden Güterstraßenbahnen konnte sich die Schalker Eisenhütte Maschinenfabrik GmbH Gelsenkirchen sichern, die mit ihrem technischem Konzept, dem Liefertermin und dem Preis die Ausschreibung vor ihren Mitbewerbern CKD Prag und Bombardier Transportation Bautzen gewann.
Die CarGoTram-Güterstraßenbahn müsse in einer für die Neukonstruktion von Schienenfahrzeugen extrem kurzen Zeit fertiggestellt werden, unterstreicht Zetzsche. Für das Projekt suchte sich das Unternehmen aus dem Ruhrgebiet deshalb starke Partner aus Ostdeutschland: VEM Sachsenwerk Dresden fertigt 48 Fahrmotoren, Faga/Bombardier Berlin/Bautzen liefert die Traktionswechselrichter, die Firma ISB Salzwedel die kompletten Führerhäuser, und die Dresdner Verkehrsbetriebe arbeiten in ihren Werkstätten die Schienenbremsen auf.
Das Basic-Engineering wird laut den Plänen der VW-Manufaktur Mitte März abgeschlossen anschließend beginne die Fertigungskonstruktion. Die Schalker Eisenhütte habe zudem vorab ein Modell des Führerhauses gebaut, um gemeinsam mit den Dresdner Verkehrsbetrieben eine Lösung zu finden, die ein Optimum an Sicherheit und an Bedienkomfort garantiere. Für Ende Oktober sind die ersten CarGoTram-Testfahrten in Gelsenkirchen geplant. Ende November startet der Probebetrieb mit der ersten Güterstraßenbahn in Dresden, meint Zetzsche. Das zweite Fahrzeug soll im Januar 2001 folgen. „Das ist für uns kein Problem, denn da befindet sich die Gläserne Manufaktur noch in der Einlauf-Phase, und die Stückzahlen sind noch nicht so hoch“, fühlt sich Werner Ulrich auf der sicheren Seite.
CarGoTram ist ein fünfteiliger, knapp 60 m langer Zweirichtungs-Güterstraßenbahnzug. Er ist 2,20 m breit und bietet 214 m3 Laderaum – das entspricht, so Müller-Eberstein, dem Ladevolumen von bis zu drei Lkw. Der Zug wiegt 90 t 60 t Zuladung sind möglich. Der Laderaum verfügt über stabile Stirnwände und Dach. Er wird beidseitig mit Schiebeplanen verschlossen. Die Ladegut-Sicherung erfolgt über verstellbare Halterungen im Ladefußboden und über Sicherungselemente zwischen Fußboden und Dach.
Die CarGoTram fährt vom Güterverkehrszentrum Dresden-Friedrichstadt über den Postplatz, die Wilsdruffer Straße, die Grunaer Straße und den Straßburger Platz bis auf das Werksgelände. Sie kann bei Störungen auf mindestens eine weitere Route ausweichen. „Wir rechnen mit jederzeit zuverlässiger Anlieferung, wenn künftig täglich bis zu 36 Mal die Güterstraßenbahnen zur Gläsernen Manufaktur fahren werden“, sagt Ulrich.
Die Dresdner Verkehrsbetriebe übernehmen von der Infrastruktur über die Straßenbahnen bis zum Personal sämtliche Leistungen für den Transport und die Volkswagen AG zahlt dafür.
„Auf die Dresdner Verkehrsbetriebe und die Stadt Dresden kommt keine Belastung zu, versichert Müller-Eberstein: „Wir haben lange gerechnet, viel miteinander diskutiert, und den Transport in schwarze Zahlen gebracht. Die CarGoTram kann sich mit dem Lkw messen.“ ANKE MÜLLER/Si
Automobilmanufaktur-Chef Werner Ulrich und DVB-Vorstand Frank Müller-Eberstein zeigten sich bei der Vorstellung der Güterstraßenbahn davon überzeugt, dass sich ihre „CarGoTram“ mit dem Lkw messen kann.

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