Bahn 08.09.2006, 19:23 Uhr

Deutsche Technik soll die Subway von New York sicherer machen  

VDI nachrichten, New York, 8. 9. 06, moc – Seit dem 11. September 2001 zählen die Amerikaner die Tunnel der New Yorker U-Bahn zu den am stärksten gefährdeten Objekten in den USA. Entsprechend hoch sind die Sicherheitsvorkehrungen, doch das System ist auch von zunehmender Belastung und Überalterung bedroht. Seit Jahren schon arbeitet Siemens-USA fieberhaft an einer Modernisierung, und soeben wurde mit der Inbetriebnahme eines neuen Kontrollzentrums ein Meilenstein auf diesem Weg erzielt.

Für Ihre eigene und die Sicherheit aller Passagiere achten Sie bitte auf unbeaufsichtigtes Gepäck oder verdächtige Handlungen“, plärrt die Ansage aus einem uralten Lautsprecher in einem U-Bahnhof in Manhattan.

Die Angst vor neuen Anschlägen ist überall präsent in New York. Viele Berufspendler vermeiden deshalb die U-Bahn zur Rush-Hour, weil sie glauben, dass in den U-Bahn-Tunneln der nächste Anschlag stattfinden wird. Sie nehmen lieber den viel langsameren Bus oder verschieben ihre Arbeitszeit, um nicht zu den Spitzenzeiten im Tunnel sein zu müssen.

Auch die New-Yorker U-Bahn-Gesellschaft MTA sieht ihr 368 km langes Streckennetz als besonders gefährdet an. Tausende an Video-Kameras und hunderte von Polizisten mit Spürhunden überwachen tagtäglich die 5 Mio. Passagiere bei ihrer Fahrt durch das viertgrößte U-Bahnsystem der Welt.

Dabei hofft die MTA auch auf ein wachsames Auge ihrer Fahrgäste. „If you see something, say something“ (Sag“ etwas, wenn du etwas siehst) steht auf Plakaten in den Stationen und den Zügen.

Seit dem Bombenattentat in der Londoner U-Bahn führt die New York-Polizei auch stichprobenartige Gepäckkontrollen an den U-Bahn-Eingängen durch. Dagegen gab es zwar Klagen von Bürgerrechtlern, aber jetzt hat ein Berufungsgericht festgestellt, dass diese Kontrollen rechtens sind.

Doch neben dieser äußeren Bedrohung der New-Yorker U-Bahn gibt es auch eine immer stärker werdende Bedrohung der Funktionsfähigkeit durch die Überalterung des Systems. Und obwohl genügend Geld für die Modernisierung bereitsteht, ziehen sich die Arbeiten schon seit Jahren hin. Der Grund: Die U-Bahn fährt ununterbrochen, 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche.

Die meisten Arbeiten werden nur am Wochenende durchgeführt. Dann werden Züge umgeleitet und Expresszüge zu Bummelzügen umfunktioniert. Und so tönen an Sonn- und Feiertagen neben den Sicherheitsanweisungen auch etliche Umleitungshinweise aus den krächzenden Lautsprechern.

Mit der schlechten Tonqualität in den Tunnelstationen haben sich die New-Yorker längst abgefunden und suchen nach Ansagen nur nach der nächsten Informationstafel, um herauszufinden, welche der vielen „Service-Änderungs-Hinweise“ für sie relevant sind und mit welchen Linien sie heute an ihr Ziel gelangen.

Aashish Gupta, Chef der Abteilung Zugautomation bei Siemens in New York, kennt sich mit diesen Betriebsänderungen bestens aus. Zusammen mit seinem Team arbeitet er seit 1999 an der Modernisierung der über 100 Jahre alten Subway, wie die U-Bahn in New York heißt.

„Was die New Yorker U-Bahn von anderen Weltstädten unterscheidet, ist der tagtägliche 24-Stunden-Betrieb“, stöhnt er über den ständigen Balanceakt von Ausbauarbeiten und Betriebsbereitschaft, denn zumindest, was die U-Bahn angeht, stimmt der Satz: „New York never sleeps.“

Doch es hilft nichts, das System muss renoviert werden. Hierzu erhielt Siemens bereits vor sieben Jahren einen 288-Mio.-Dollar-Auftrag. Zunächst fielen Infrastruktur-Arbeiten an, wie der Aufbau eines streckenweiten Glasfasernetzes und die Installation von Zugmelde-Sensoren.

Inzwischen hat das Projekt wichtige Meilensteine erreicht. So fahren bereits die ersten Züge computergesteuert. Auch das neue hochmoderne Kontrollzentrum im Bezirk „Hells Kitchen“ zwischen Times Square und Hudson-Ufer wurde in Betrieb genommen. Dort haben die Betriebsleiter jetzt nach monatelangem Probebetrieb das gesamte Liniennetz übernommen und damit das manuelle Leitsystem abgelöst.

Bislang erfolgten die Steuerung und Kommunikation der 6500 Züge täglich mehr oder weniger „auf Zuruf“. Die Zugführer waren über Sprechfunk mit einem regionalen Betriebsführer verbunden, der seinerseits mit der Zentrale in Brooklyn über eine Sprachkommunikation verbunden war. Die jetzt geschaffene neue Infrastruktur erlaubt auch weiter gehende Automatisierungen, beispielsweise eine computergestützte Zugsteuerung, mit der die veraltete Blocksteuerung ersetzt wird. Damit lassen sich dichtere Zugfolgen und eine höhere Sicherheit erzielen, so wie es bei den meisten deutschen U-Bahn-Systemen normal ist.

Die erste Linie, bei der eine solche Steuerung seit Anfang dieses Jahres im Einsatz ist, ist die Linie L zwischen Brooklyn und dem trendigen Meatpacker-District in Manhattan. Über 200 nagelneue Wagen von Kawasaki sind mit modernster Elektronik vollgestopft und verkehren computergesteuert – wenn auch nicht fahrerlos. Im Gegenteil: Auf New-Yorks U-Bahnzügen fahren stets zwei Personen – ein Zugführer sowie einer, der für die Bedienung der Türen und für die Stationsansage zuständig ist. Und daran wird sich auf Druck der Gewerkschaften auch nach der Modernisierung nichts ändern.

Aber so ganz rund läuft auch die Modernisierung nicht. „Wir werden schnellstmöglich einige alte von Hand gesteuerte Wagen wieder in Betrieb nehmen, um dem Problem der Dauerüberlastung zu begegnen“, sagte jüngst ein Sprecher des Verkehrsamtes, nachdem sich die Bürger in Brooklyn massiv über die stets überfüllten Züge der Linie L beklagt hatten.

Der Grund für diesen Schritt rückwärts sind die gestiegenen Mietpreise in Manhattan, die das Wohnen auf der anderen Seite der Brooklyn-Brücke so attraktiv gemacht haben, dass das Fahrgastaufkommen auf der L-Linie um mehr als 16 % auf über 30 Mio. Personen im Jahr angestiegen ist. Und bis Kawasaki genügend neue Wagen liefert, greift man teilweise auf die alte manuelle Steuerung zurück.

Aber eine andere, noch ausstehende Verbesserung wird das Herz der New-Yorker und der Touristen höher schlagen lassen: Nach der neuen Zugsteuerung ist auch die automatische Vorankündigung der Zugfolge auf den Bahnhöfen geplant.

Viele kleine neue Lautsprecher werden dann den nächsten einfahrenden Zug ankündigen und natürlich auch die schon bestens bekannten Ansagen durchgeben: „Für Ihre eigene und die Sicherheit aller Passagiere achten Sie bitte auf unbeaufsichtigtes Gepäck oder verdächtige Handlungen….“ HARALD WEISS

www.mta.nyc.ny.us
www.siemens.com

Stichprobenartige Gepäckkontrollen in der U-Bahn

Ein Beitrag von:

  • Harald Weiss

    Freier IT-Journalist, IT-Analyst und IT-Consultant in Kaiserslautern. Nach verschiedenen Positionen in Softwareentwicklung,  MarCom und PR, 17 Jahre President New York Reporters in New York. Seit 2016 freischaffend wieder in Deutschland.

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