Bahn 01.12.2000, 17:27 Uhr

Deutsche Bahn rangiert konsequent aus

Mit einer neuen Strategie will die Deutsche Bahn, Berlin, den Gütertransport sanieren. Investiert werden soll vor allem in den Kombinierten Verkehr. Tiefe Sanierungsschnitte stehen jedoch dem Einzelwagenverkehr bevor.

Hartmut Mehdorn wagte in der vergangenen Woche eine kühne Prognose: Im Jahr 2020 wird DB Cargo 120 Mrd. tkm bewältigen, heute sind es 75.“ Dabei zieht die Deutsche Bahn AG (DB), Berlin, nach den Erklärungen des Vorstandsvorsitzenden bei ihrer Güterverkehrstochter gerade die Notbremse. Denn Geld verdient die Güterbahn derzeit nur im „Branchenverkehr“ mit Ganzzügen, die gewissermaßen nonstop vom Ausgangspunkt ans Ziel fahren, etwa Züge mit Kohle zu den Kraftwerken. „Vor allem auf diese lukrativen Züge konzentriert sich das Interesse der Wettbewerber“, weiss Mehdorn. Und deshalb, so der Bahnchef, werde DB Cargo künftig in moderne Lokomotiven und Spezialwagen investieren und auch die Preise „wettbewerbsfähiger gestalten“.
Tief rote Ergebnisse fährt die Güterbahn zur Zeit auf dem Wachstumsmarkt des kombinierten Schiene-Straße-Verkehrs ein. „Der reine Straßentransport ist so billig, dass Abholung und Zustellung der Behälter und der zweimalige Umschlag zwischen Straße und Schiene schon einen großen Teil des Erlöses wegfressen“, beklagt Mehdorn. Mit dem Bahntransport auf der Fernstrecke sei dann nichts mehr zu verdienen.
Trotzdem will die Bahn auch hier investieren, um am starken Wachstum des Containerverkehrs teilzuhaben. Mehdorn: „Der Container hat sich durchgesetzt und wird im Mittelpunkt der Investitionsstrategie stehen.“ Damit und durch bessere Organisation will DB Cargo den Anteil an den Containertransporten verdoppeln.
Zum geordneten Rückzug bläst die Bahn dagegen auf ihrem dritten Standbein im Güterbereich, dem Einzelwagenverkehr. Weil er zu den jährlichen Gesamtleistungen von DB Cargo in Höhe von 75 Mrd. tkm rund 40 % beiträgt, aber auch die Leerwagen und schadhafte Wagen für den gesamten Güterverkehr auf der Schiene befördert, gilt er als unverzichtbar. Mit einem neuen Produktionssystem soll das Jahresergebnis ab 2005 um mindestens 500 Mio. DM verbessert und eine angemessene Kapitalrendite erwirtschaftet werden.
Das neue System, das am 22. November in Frankfurt am Main präsentiert wurde, stellt das „Marktorientierte Angebot“ (Mora) in den Vordergrund. Im Umkehrschluss soll auf alles, was sich marktwirtschaftlich nicht darstellen lässt, verzichtet werden. Die gegenwärtig noch 2100 Güterverkehrsstellen mit jeweils bis zu vier Gleisanschlüssen von Industrie- und Gewerbebetrieben sollen auf den Prüfstand etwa die Hälfte steht laut Mehdorn zur Diskussion. Auf der Schiene wird sich DB Cargo damit besonders aus der Fläche weithin verabschieden, aber versuchen, auch unter Nutzung der billigen Infrastruktur Straße einen Teil der Verkehrseinbußen für das Unternehmen zu retten. Verstärkt werden soll zu diesem Zweck die Kooperation mit anderen Verkehrsträgern wie regionalen Bahngesellschaften, der Binnenschifffahrt und dem Straßentransportgewerbe. Vor dem Hintergrund der Kunden- und Erlösstruktur gewinnt der scheinbar radikale Schnitt an Plausibilität: „Mit 319 Großkunden erzielen wir 85 % unserer Umsätze“, erläuterte Mehdorn. Die restlichen 15 % verteilten sich auf 7100 mittlere und kleine Kunden.
„Bei jedem Güterwagen, den wir in diesem Segment befördern, zahlen wir im Schnitt 168 DM drauf“, so der Bahnchef. Ziel von „MORA C“ – der Zusatz C steht für Cargo – sei, zu einer langfristig gesunden Basis für den Güterverkehr auf der Schiene beizutragen.
Der Einzelwagenverkehr in seiner jetzigen Form entspreche nicht mehr den heutigen Logistikbedürfnissen. Er solle deshalb durch Konzentration auf weniger Sammelstellen effektiver gestaltet und beschleunigt werden. Die drastische Verminderung der Anlagen bedeute auch Wegfall entsprechend vieler Quellen für Störungen, Fehler und Verspätungen. Die Servicequalität werde sich allein dadurch deutlich verbessern. Das bringe neuen Verkehr auf die Schiene und vermindere die Einbußen ebenfalls.
Unterstützt durch Investitionen von rund 5 Mrd. DM in moderne Ausrüstung und Systeme werde die Wettbewerbsfähigkeit von DB Cargo deutlich gestärkt. Für die nächsten 15 Jahre sagt der Bahnchef eine Steigerung der auf der Schiene transportierten Güter um 42 % voraus.
Nicht geteilt wird die Euphorie Mehdorns von der Eisenbahner-Gewerkschaft Transnet GdED: „Sind die Verladestellen und Güterbahnhöfe erst einmal verschwunden, kann das Ziel der Bundesregierung, mehr Verkehr auf die Schiene zu bringen, nicht mehr umgesetzt werden“, befürchtet Norbert Hansen. Der Gewerkschaftsvorsitzende forderte Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig auf, schnell faire Wettbewerbsbedingungen für die Schiene zu schaffen. Binnenschiff und Lkw trügen nur einen Bruchteil der Wegekosten, die sie verursachen. Darüber hinaus zahlten die Bahnen Mineralölsteuer, während das Binnenschiff davon befreit sei. Die ungleiche Kostenstruktur stempele den Schienengüterverkehr zum Verlierer auf dem Verkehrsmarkt. Deshalb erneuere er seine Forderung, schnellstens eine Schwerverkehrsabgabe für Lkw nach Schweizer Vorbild einzuführen und die Anfangsbelastung auf mindestens 40 Pfennig/km- festzulegen. RALF ROMAN ROSSBERG/Si

Von Ralf Roman Rossberg/Jürgen Siebenlist
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