Verkehr 09.01.2004, 18:28 Uhr

Das Ende der Groschengräber

VDI nachrichten, Berlin, 9.1.04 -Im Januar 1954 wurden in Duisburg die ersten Parkuhren in der Bundesrepublik aufgestellt. Inzwischen wurden sie von Parkscheinautomaten abgelöst. Nicht geändert hat sich jedoch die Zahlungsmoral der Parksünder.

Ortwin Wokök ist so etwas wie der tragische Held in der Geschichte der Parkuhr. In drei Jahren, von 1982 bis 1984, hat der Villinger Ingenieur für die schwäbische Uhrenfabrik Kienzle die erste deutsche Parkuhr aus Kunststoff konstruiert. Das Patent hält er bis heute. Doch leider neigte sich die Ära der Parkuhr bereits unwiderruflich dem Ende zu. Woköks Parkuhr PU 5 ging zwar noch in Serie, doch kurz darauf wurde bei Kienzle die Abteilung für Parkuhren aufgelöst. Wokök stand auf der Straße, fand jedoch einen neuen Arbeitgeber und baut seither Zeitschaltuhren.
Und dennoch freut sich Wokök immer noch, wenn er irgendwo eine der letzten versprengten Parkuhren in Betrieb sieht. „Das ist schon eine Genugtuung“, meint er. „Die Uhren sollten zehn Jahre lang halten, und die jetzt noch existieren, laufen schon seit 20 oder 30 Jahren.“
Seit 1964 war Wokök „Kienzleaner“, wie er mit kaum verblasstem Stolz sagt. Immer verantwortlich für Parkuhren, die zeitweilig zu den Rennern der Uhrenfabrik zählten. Seit zu Jahresbeginn 1954, vor genau 50 Jahren, in der Innenstadt von Duisburg die deutschlandweit ersten Parkuhren aufgestellt worden waren, hatten sich die bald despektierlich „Groschengräber“ genannten Parkuhren in Windeseile ausgebreitet. Eine Stunde kostete damals 10 Pfennig.
Die rasante Motorisierung im Wirtschaftswunderland hatte zu ersten Verstopfungserscheinungen in den Innenstädten geführt. Fußgängerzonen gab es noch nicht, die Leute fuhren mit ihren Wagen in die engen Innenstädte und parkten, wo immer sich eine Lücke bot. Mithilfe der Parkuhren sollten die Fahrer dazu gebracht werden, ihren Aufenthalt zu begrenzen und ihre Autos möglichst außerhalb der Innenstädte abzustellen. Zugleich witterten die Stadtkämmerer eine neue Möglichkeit, ihre Kassen zu füllen.
Die Firma Kienzle, die seit 1928 Taxameter, Zählwerke für Zapfsäulen und Fahrtenschreiber herstellte, hatte den Markt früh erkannt. Zunächst baute man Parkuhren in amerikanischer Lizenz nach. Doch schnell entwickelten die schwäbischen Ingenieure eigene Modelle. Renner war die PU 4, die weltweit 300 000 Mal verkauft wurde. Bis zu 20 Leute arbeiteten in der Fertigung, mitunter mussten sie 2000 Uhren im Monat ausliefern.
Doch Anfang der Achtziger waren die Parkuhren zu teuer geworden, sie warfen einfach nicht genug ab. Mehr als 300 DM durfte eine Uhr nicht kosten, brachte sie doch nie mehr als einige wenige Groschen in der Stunde. Zugleich wuchsen aber auch die Ansprüche vor allem in puncto Sicherheit. Hatten doch etwa in Köln Bösewichte die Uhren abgesägt, geleert und in den Rhein geworfen.
Die Lösung des Kostenproblems war die Parkuhr aus Kunststoff – eine anspruchsvolle Aufgabe für die Kienzle-Ingenieure. Sie sollte robust und stoßfest sein, die Zahnradkonstruktion und die dreifach gesicherte Münzkassette sollten sich ebenso sicher im Inneren verbergen wie bei der Hülle aus Metall. „Unsere Vorgabe war, dass man mindestens fünf Minuten brauchen muss, um die Uhr mit Hammer und Meißel zu öffnen“, erklärt Wokök. „Diebe, die so lange brauchen, würden doch auffallen.“
Woköks Qualitätsarbeit kam zu spät. Heute, zwei Jahrzehnte später, hat sich alles verändert. Die Uhrenfabrik in Villingen heißt nicht mehr Kienzle, sondern Hectronic. Der aktuelle Renner heißt PA 2 und ist ein Parkscheinautomat mit eingebautem Tresor. Und deutschlandweit sind die Parkuhren fast überall abgebaut. In Berlin etwa verschwanden die letzten bereits vor etwa zehn Jahren. Dafür gibt es in besonders frequentierten Stadtquartieren nun Parkscheinautomaten und Anwohnerparkzonen.
Ein technologischer Wechsel, der der Zahlungsmoral der Autofahrer aber nicht bekommen ist. Das meint zumindest Bärbel Geisler, und die muss es wissen. Seit 30 Jahren fahndet die Hilfspolizistin auf den Straßen von Steglitz und Schöneberg nach Parksündern. „Wenn in der Parkuhr die rote Scheibe leuchtete, war es den Leuten noch richtig peinlich“, sagt sie. „Heute müssen sie, auch wenn sie nur kurz parken, erst zum Automaten laufen, dann wieder zurück zum Auto. Der doppelte Weg ist komplizierter, viele lassen es deshalb drauf ankommen.“
Was den Wandel der Technologien aber überdauert hat, ist der oft rüpelhafte Ton derjenigen, die beim Übertreten der Parkzeit erwischt werden. „Die Leute werden immer aggressiver“, meint die erfahrene Politesse. „Viele Männer wollen sich von einer Frau nichts sagen lassen.“ Dabei waren die Bußgelder, als es noch Parkuhren gab, ziemlich mild veranschlagt – fünf DM für ein Knöllchen, bei häufigeren Wiederholungen 50 DM.
Das charakteristische Schnarren der Parkuhren ist endgültig durch das monotone Druckersirren des Parkscheinautomaten ersetzt worden. Wer sich nach der Parkuhr zurücksehnt, der wird im Internet fündig. Im Auktionsportal Ebay sind ständig Parkuhren im Angebot, Anfangsgebot ein Euro. Auch die Stadt Detmold bietet demontierte Parkuhren aus dem eigenen Bestand in ihrem Online-Shop an. Früher wollte die Stadt satte 50 € für eine Uhr haben, heute nur noch die Hälfte. Die Nachfrage hält sich in Grenzen.
JOHANNES WENDLAND

 

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Ein Beitrag von:

  • Johannes Wendland

    Johannes Wendland ist freier Journalist und schreibt für überregionale Magazine, Zeitungen und Online-Medien u.a. über Wirtschaftsthemen, Raumfahrt und IT-Themen.

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