Bahn 10.10.2008, 19:37 Uhr

Chinas Defizit im Schienennetz  

VDI nachrichten, Hongkong, 10. 10. 08, wop – In China ist der Anteil der Bahn am Güter- und Personentransport klein. Im laufenden Fünfjahrplan stehen 183 Mrd. $, um das Schienennetz bis 2020 auf 120 000 km auszuweiten. Bei weitem zu wenig meinte Jin Xu, Analyst der Deutschen Bank in Hongkong, gegenüber den VDI nachrichten. Nicht 120 000 km würden benötigt, sondern knapp 189 000 km.

Die angewachsenen Verkehrsprobleme zeigen sich nicht nur in den überlasteten Städten, sondern vor allem im Schienentransport für Güter jeder Art. Hier klafft eine riesige Lücke zwischen Beförderungsbedarf und Beförderungskapazität – insbesondere bei der Kohle, die über 70 % zur chinesischen Stromproduktion beiträgt. 2,5 Mrd. t förderten Chinas Bergleute 2007, aber nur 1,5 Mrd. t rollten auf Schienen zu den Abnehmern.

Analyst Jin erklärte, dass nicht mehr als 52 % des benötigten Frachtwaggonbedarfs in China abgedeckt werde. Täglich benötigen die 18 regionalen Bahnzentralen des Landes nach offiziellen Angaben 179 000 Waggons, zum Einsatz stehen jedoch nur 93 000 bereit.

Ein Vergleich mit den USA macht das Ausmaß des Dilemmas deutlich. China verfügte 2007 über ein Schienennetz von 85 474 km Länge. In den USA, einem Land mit vergleichbarer Fläche, sind es dagegen rund 227 000 km, ein Viertel der Gleise weltweit. In Deutschland sind es immerhin 43 000 km.

Chinas Bahn erzielte im letzten Jahr einen Anteil am gesamten Gütertransport von 14 % (USA: 43 % Deutschland 8 %) und 6,2 % am Personentransport (Japan: 23 % Deutschland: ca. 3 %). Der Straßentransport belastet die gesamte Wirtschaft. Nach Angaben des Analysten der Deutschen Bank koste dies 1 % vom jährlichen Wachstum.

Vor zwei Jahren startete die Regierung in Beijing eine Kurskorrektur. Im bis 2011 laufenden elften Fünfjahrplan (FJP) sind Investitionen von 183 Mrd. $ vorgesehen, um das Schienennetz bis 2020 auf 120 000 km auszuweiten. Bei weitem unzureichend, urteilte Jin. Nicht 120 000 km würden benötigt, um mit dem steigenden Bedarf zurechtzukommen, sondern 188 889 km. Das wäre ein Plus von 57 %. Aber es müssten u. a. zusätzlich 20 000 km für den doppelgleisigen elektrifizierten Zugverkehr (FJP: 54 000 km) mehr gebaut werden, auch 6000 km mehr für Hochgeschwindigkeitsstrecken – im FJP stehen dafür 15 000 km, darunter die Verbindung Beijing-Shanghai, auf der in vier Jahren der schnellste Zug der Welt mit Tempo 380 km/h verkehren soll.

Chinas Schienenplanern schwante bereits vor zwei Jahren, dass ihre Projektion nicht übermäßig gut mit den wirtschaftlichen Realitäten zusammenpasst. Vorsichtig setzten sie das Wort „mindestens“ vor die geplante Netzlänge. Für die Hongkonger Analysten Jin Xu (Deutsche Bank), Alan Lam (Bank Julius Baer) und andere stellt das so gut wie sicher, dass schneller heraufgeschaltet wird.

Bereits in den ersten sieben Monaten dieses Jahres lagen die Investitionen laut dem chinesischen Eisenbahnministerium (Mor) mit 19,6 Mrd. $ um 37,5 % über dem Vorjahreszeitraum. Allerdings war das auch eine Aufholübung, denn die Ausgaben wie auch die Ausbauarbeiten der letzten zwei Jahre lagen hinter dem Plan zurück. Lam: „Alle Unternehmen, die sich am Bau der Strecken beteiligen und die rollendes Material herstellen, sind langfristig für Anleger äußerst attraktiv.“

Neben dem Mor treiben dazu auch die Provinzen an, so die Regierungen von Shanxi, Henan und Shandong. Diese lieferten vor einigen Tagen beim Superministerium National Development and Reform Commission (NDRC), ein 10 Mrd. € umfassendes Vorhaben ab, mit dem vor allem der rasch steigende Kohlebedarf in ihren Provinzen vernünftig abgedeckt werden soll. Am grünen Licht für das Projekt zweifelt keiner.

Ein Haken ist der Versuch der Provinzen, das Eisenbahnministerium so gut es geht außen vor zu halten. Nicht die 35 %, die automatisch dem Ministerium das letzte Wort einräumen, sondern nur 30 % der geplanten Gesellschaft soll dem bereits jetzt murrenden Mor zugestanden werden. Ihm wird ein guter Teil der Schuld am schlurfschrittigen Bahnausbau zugeschrieben.

Modell für das Projekt der drei Provinzen ist die 600 km lange Verbindung Suozhou-Huanghuagang das ist ein Joint Venture des Kohleproduzenten Shenhua, Provinz Hebei, mit dem Mor in einer untergeordneten Rolle. Es wird marktwirtschaftlich gemanagt und fährt dem Transporteur seit 2006 präsentable Gewinne ein. Jin: „Bei einer steigenden Teilnahme der Provinzen und anderen, wie Versicherungen und auch Banken, sollte die Finanzierung auch eines sehr viel rascheren Ausbaus der Schiene in China kein sonderliches Problem sein.“ JAN HÖHN/WOP

Von Jan Höhn/Wolfgang Pester
Von Jan Höhn/Wolfgang Pester

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