Verkehrssicherheit 30.03.2001, 17:29 Uhr

Bessere Sitze retten den Hals

Die Folgen von Schleudertraumen kosten die Europäische Union jährlich bis zu 20 Mrd. Euro und rangieren damit auf Platz 1 der Versicherungsschäden. Verhindern ließe sich dieses Ausmaß nur durch bessere Kopfstützen und Sitze – doch etwa zwei Drittel aller zugelassenen Autositze taugen nicht für einen Heckaufprall. Jetzt soll ein neuer Teststandard her.

Nicht unbedingt bequem muss er sein, der ideale Sitz, aber auf jeden Fall sicher – selbst bei einem Heckaufprall. Darüber waren sich die Teilnehmer des Internationalen Kongresses über Schleudertrauma Mitte März in Bern einig. Die Folgen von Schleudertraumen sind nicht nur teuer, sie quälen die Betroffenen oft monatelang. Dabei lassen sich die Schäden verringern, wenn der Sitz die Energie beim Zusammenstoß aktiv aufnimmt. „Im Idealfall gehen beim Aufprall Oberkörper und Kopf gleichzeitig nach hinten“, erklärt der Biomechaniker Prof. Peter Niederer von der ETH in Zürich, „je geringer die Distanz zwischen Kopf und Oberkörper ist, desto besser.“
Bei einem Heckaufprall läuft immer derselbe Mechanismus ab. Die Sitzlehne stößt den Körper an, so dass dieser sich wie das Auto nach vorn bewegt. Der Kopf aber bleibt innerhalb der ersten Zehntelsekunde zurück. Das hat fatale Folgen: Der Rumpf wird schneller als der Kopf die Halswirbelsäule muss dem Körper nachgeben und verbiegt sich S-förmig. Dann dreht sich der Kopf nach hinten und wird überstreckt.
„Der kritische Moment ist die S-Verbiegung“, erläutert Kai-Uwe Schmitt, Biomechaniker an der ETH Zürich: „In diesem Moment kommt es zu einer Volumenzunahme im Wirbelkanal das Blut kann unter dem Einfluss einer Druckwelle aus den Venen kurzzeitig zum Gehirn zurückfließen.“ Im Tierversuch fanden schwedische Forscher heraus, dass die Druckwelle ausreicht, um Nervenzellen an den Schaltstellen neben dem Rückenmark zu verletzen. Außerdem können die kleinen Gelenke zwischen den Wirbelkörpern Schaden nehmen. In dem Moment, wo sich der Rumpf nach vorne bewegt und die Halswirbelsäule mitzieht, aber der Kopf noch geradeaus schaut, wirken Scherkräfte auf die kleinen Wirbelgelenke. Das kann ihre normale Funktion stören.
Schuld an dem Dilemma ist die mangelnde Sicherheit der Autositze. „Mindestens die Hälfte der Sitze ist verbesserungswürdig, wenn nicht zwei Drittel“, resümiert Niederer. Sein Team hat die Sitze von 37 Fahrzeugmodellen unter den Bedingungen eines Heckaufpralls getestet. Die Bilanz zeigt Handlungsbedarf: Zahlreiche Autositze wippen den Fahrer zusätzlich nach vorn, anstatt ihn abzufangen.
Lediglich drei Hersteller bieten innovative Systeme an. So drückt ein Hebelmechanismus die Kopfstütze bei einem Modell nach oben und nach vorne, um den Abstand zwischen Kopfstütze und Schädel zu verringern. Bei einem anderen ist ein energieabsorbierendes, verformbares Element zwischen Sitzfläche und -lehne eingebaut, das die Sitzlehne etwas nach hinten neigt. Dadurch wird die Relativbewegung zwischen Kopf und Torso minimiert, die S-Verbiegung wird geringer.
Die Spezialisten diskutierten zudem ein neues Konzept, mit dem sich alte Sitze auch nachrüsten lassen: den Anti-Whiplash-Seat. Hier wird ein Schablonengetriebe mit Deformationselement in den Lehnenversteller eingebaut, damit die Lehne beim Heckaufprall leicht rückwärts kippt. Das Unfallopfer sinkt mitsamt dem Sitz nach hinten und wird nicht zusätzlich nach vorn gefedert. Ein zweigeteiltes Luftkissen in Kopfstütze und Rückenlehne ergänzt das System. Es wirkt fast so, als ob sich jemand auf eine geteilte Luftmatratze setzt. Wenn der Körper bei einem Aufprall die Rückenlehne belastet, öffnet ein Ventil die unter Druck stehende untere Kammer und die Luft strömt in die obere Kammer der Kopfstütze. Diese nimmt an Volumen zu, legt sich näher an den Kopf und verringert dadurch wiederum die gefährliche S-Verbiegung der Halswirbelsäule.
Neue Ideen liegen also bei vielen Herstellern schon auf dem Tisch. Nur bis zum serienmäßigen Einbau in alle Fahrzeugmodelle dauert es offensichtlich einige Zeit. Wolfram Hell vom Institut für Fahrzeugsicherheit in München betont: „Wenn die Fahrzeughersteller nicht freiwillig ihre altmodischen Sitze umrüsten, müssen wir einen Teststandard schaffen, den sie erfüllen müssen.“ Dafür soll die bisherige Europanorm – sie ist 25 Jahre alt und geht von Fahrern aus, die kleiner als 1,72 m sind – durch eine neues Konzept ersetzt werden. Wenn es durchkommt, hätten die Autohersteller bei Heckaufprall-Tests immerhin eine Möglichkeit, Mängel ihrer Sitze unter Standardbedingungen aufzudecken. Bis dahin bleibt dem Autofahrer nichts anderes übrig, als die Einstellung der Kopfstützen zu überprüfen: Sie sollten hoch genug und nahe am Hinterkopf fixiert sein, um die schlimmsten Folgen eines Heckaufpralls zu vermeiden. SABINE GOLDHAHN

Ein Beitrag von:

  • Sabine Goldhahn

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