Bahn 27.09.2002, 18:21 Uhr

Bauhaus-Stadt lebt von der Schiene

Bauhaus, Wörlitzer Gartenreich, Junkers – Dessau lebt noch heute vom Pionier- geist vergangener Jahrhunderte. Geblieben ist den Anhaltinern vor allem die Fahrzeugtechnik, in der sie Innovatives zu bieten haben. Bleiben wird aber auch die Erinnerung an die Jahrhundertflut, die den Ort glücklicherweise nur teilweise unter Wasser setzte.

Leicht verspätet erscheint Manfred Piotrowsky zum Gesprächstermin: „Das Hochwasser.“ Ein Wort, das in Dessau seit Wochen ausreicht als Entschuldigung. Nach 32 Tagen Katastrophenalarm sind zwar die meisten Sandsack-Trutzburgen abgeräumt, doch der örtliche IHK-Geschäftsführer Piotrowsky muss nun Anträge sichten und über finanzielle Hilfen entscheiden.
Dennoch sagt Piotrowsky: „Es ist alles wieder normal.“ Aber das Wasser hat seine Spuren hinterlassen. Nicht nur im überfluteten Stadtteil Waldersee. Die Sandsäcke am Parkplatzrand der Fahrzeugtechnik AG lassen ahnen, was noch hätte passieren können. Der kaufmännische Leiter Thomas Pabel kann mittlerweile wieder lächeln, wenn er feststellt, „einen halben Meter höher“ und „wir wären für drei bis sechs Monate arbeitsunfähig gewesen“.
Norbert Jeske von der DIM Blech- und Edelstahltechnik brachte seine Schaltschränke in Sicherheit. Eine Woche hingen sie an Kranhaken unter der Decke. Nur rund 100 m trennten den Betrieb von der Flut.
Glück hatte auch der größte private Arbeitgeber am Ort, das Reichsbahn Ausbesserungswerk der Deutschen Bahn AG. Das Werksgelände liegt weit ab von Elbe und Mulde. Dennoch sind 4000 Arbeitsstunden ausgefallen. Rund 400 der 1000 Beschäftigten waren als Helfer im Einsatz oder versuchten das eigene Haus zu retten. Die Teststrecke der E-Lok-Reparateure war überflutet.
Drei Firmen, die mit einem blauen Auge davon kamen. Alle Unternehmen haben Arbeitsausfälle. Sie schickten ihre Mitarbeiter ins Katastrophengebiet, stellten Technik und Fahrzeuge zur Verfügung. Bis heute sind die Belegschaften nicht wieder komplett an den Arbeitsplätzen. Sie werden gebraucht, um wieder aufzubauen, was die Flut zerstört hat.
„Dessau ist eine Hochwasserregion, was wir in den letzten 50 Jahren fast vergessen haben.“ Dieter Zimmermann, Werksleiter des Ausbesserungswerks, erinnert an Fürst Leopold I. von Anhalt-Dessau. Der „Alte Dessauer“ hatte die Stadt vor rund 250 Jahren mit Deichen und Auenflächen sichern lassen. Der Regent der frühen Neuzeit förderte auch die Industrieansiedlung.
Für den IHK-Geschäftsführer beginnt die Erfolgsgeschichte des Wirtschaftsstandortes im 19. Jahrhundert, als die anhaltinischen Landwirte auf den Anbau von Zuckerrüben umstellten. Der Erfolg in der Landwirtschaft brachte die ersten Maschinenbauer und Zuckerfabrikanten nach Dessau. Parallel dazu wurde die Infrastruktur ausgebaut. Um 1860 hatte die Stadt das dichteste Eisenbahnnetz seiner Zeit.
Das zweite wirtschaftlich erfolgreiche Standbein kam mit dem Niederrheiner Hugo Junkers. Der Wärmetechniker und Flugzeugingenieur baute ab 1895 Gasgeräte. Um sein Firmenreich siedelten sich die Zulieferer an – vorzugsweise aus der Mess- und Regeltechnik. Weitere Firmen kamen mit Junkers erster Patentanmeldung für ein Nurflügelflugzeug.
Neben dem Flugzeug- und Gasgerätebau entwickelte sich ein weiterer Schwerpunkt: der Fahrzeugbau. Wirtschaftlich stand Dessau mit seinen Markenfirmen und ihren Zulieferern an der Spitze in Deutschland. Die Einwohnerzahl kletterte von rund 50 000 auf über 100 000.
Die Flugzeugtechnik wurde von den Sowjets demontiert. Die DDR-Planwirtschaft hat Dessau um den Anschluss an die Zukunft gebracht. „Nach drei großen Innovationsphasen haben wir die Transistor- und Halbleitertechnik verpasst“, bedauert Schienenbautechniker Piotrowsky. Die DDR-Regierung zog für die neuen Technologien den Raum Dresden vor. Nun plant die Stadt noch 2002 ein IT-orientiertes Technologie- und Gründerzentrum. In Kooperation mit der Bauhaus-Fachhochschule und dem Umweltbundesamt, das Ende 2004 nach Dessau umzieht, sollen Arbeitsplätze entstehen.
Geblieben über all die Jahre ist der Schienenfahrzeugbau. Zu DDR-Zeiten bauten rund 3500 Beschäftigte beim „Waggonbau Dessau“ Container. Wichtigster Absatzmarkt: die Sowjetunion.
Heute fährt der in Dessau gebaute „Metropolitan“ der Deutschen Bahn AG zwischen Köln und Hamburg. Eine Visitenkarte der Fahrzeugtechnik AG. Ein Glücksfall für die AG mit ihren knapp 180 Beschäftigten. Der 14-Wagen-lange Metropolitan war der Konkurrenz zu klein und kam den Dessauern gerade recht. Er liegt voll im Trend des Konzeptes von Firmenchef Joachim Pfannmüller: „Wir wollen der ‚Schienen-Porsche’ sein.“ Ein Top-Anbieter von Entwicklungs- und Fertigungsleistungen.
Pfannmüller kam 1995 von Hamburg nach Dessau, um als Interimsmanager der damaligen Treuhand die „Waggonbau Dessau GmbH“ abzuwickeln. Abgewickelt wurde. Aber – anders als von Pfannmüller selbst geplant – entstand ein neues Unternehmen. Rückblickend sagt der Manager: Das „ungeheuer ausgeprägte fachliche Potenzial“ habe ihn überzeugt. Der Hamburger legte ein überzeugendes Konzept vor: Das Unternehmen gehört den Mitarbeitern. Alle haben 1995 ein Drittel ihrer Abfindung in das Unternehmen gesteckt und sind heute Aktionäre.
Mittlerweile liegt der Umsatz bei knapp 27 Mio. € (2001). Die Dessauer sind hochspezialisierte – und schnelle – Systemzulieferer und Dienstleister für Konzerne wie Siemens, Bombardier und Alstom. Das Programm umfasst die Fertigung und Entwicklung von Wagenkästen, Fahrzeugköpfen und -türen sowie Antriebssystemen. Mittlerweile sucht der Betrieb dringend Ingenieure der Fachrichtungen Maschinen- und Fahrzeugbau sowie Elektrotechnik.
Ein weiterer Zulieferer von Siemens und Bombardier sitzt fast in Rufweite: Die Dessauer Instandhaltungs- und Montage GmbH, ein Management-Buy-out der ehemaligen Zementanlagen- und Maschinenbau GmbH. Der geschäftsführende Gesellschafter der DIM Blech- und Edelstahltechnik, Norbert Jeske, ist nur bedingt zufrieden mit der wirtschaftlichen Entwicklung. Mit einem Umsatz von derzeit 4 Mio. € hat er zwar die Vorjahreszahlen um 16 % übertroffen, aber „mit weniger Mitarbeitern“. Die DIM arbeitet auf Zuruf. „Wir haben leider kein eigenes Produkt“, bedauert der Ingenieur. Eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung kann sich der Betrieb nicht leisten. Größere Stückzahlen auch nicht, weil ihn die Konkurrenz aus Osteuropa unterbietet. Die Geschäfte laufen nicht schlecht, aber die DIM würde gerne mehr Leute einstellen. Der 20-Mann-Betrieb könnte mehrschichtig arbeiten – wenn die Auftragslage es zuließe.
Auftragsmangel kennt Dieter Zimmermann nicht. Nachdem das Reichsbahn Ausbesserungswerk 1994 von der Deutschen Bahn übernommen wurde und für die nächsten fünf Jahre noch eine Bestandssicherung hat, kann der Werksleiter mit seinen rund 1000 Beschäftigten beruhigt in die Zukunft schauen. Die Klinkergebäude im Süden Dessaus stammen von 1929. Der Ausbesserungsbetrieb war zur Gründungszeit das einzige E-Lok-Werk. Bis heute sind die Experten des Maschinenbau- und Elektrotechnikers Zimmermann auf E-Loks spezialisiert. Die Flut-Ausfallzeiten müssen jetzt durch Überstunden kompensiert werden. „Wir schaffen das“, sagt der Chef, „wir sind ein starkes Team“, die Arbeitsrückstände „haben wir bis Oktober aufgeholt“.
Nicht ganz so sicher ist sich Manfred Piotrowsky, wie lange es noch dauern wird, bis alle Betriebsschäden geprüft und die Hilfsgelder verteilt sind. Eine Soforthilfe würde sich der IHK-Chef zusätzlich wünschen: Die Touristen sollen wieder kommen. Zum Schloss Luisium, aber auch ins Wörlitzer Gartenreich, in dem es sich schon wieder trockenen Fußes lustwandeln lässt.
N. WOHLLAIB/ B. BÖHRET
www.dessau.de

Dessau
Das kulturhistorische Juwel zwischen Elbe und Mulde glänzt mit Meisterhäusern aus der Bauhaus-Ära, die Walter Gropius in den 20er Jahren als Laboratorium der Moderne hier gegründet hat. Weitere UNESCO-Weltkulturerbe sind das Biosphärenreservat „Mittlere Elbe“ und das Dessau-Wörlitzer Gartenreich. Über die BAB 9, die Bahnlinie Berlin-Leipzig ist Dessau gut erreichbar. Dazu kommen aus Junkers Zeiten Flughafen und Flusshäfen. Mit dieser hervorragenden Infrastruktur hofft Dessau auf neue Investoren. Noch 1989 betrug die Industriearbeitsquote knapp 55 %, heute sind es 20 %. Von den damals über 100 000 Einwohnern sind nur 80 000 geblieben. Die Arbeitslosenquote (21 %) liegt über dem Landesdurchschnitt von 19,7 %. wobö
Bisher erschienen:
Neumarkt in der Oberpfalz (Nr. 25, 21. 6. 02);
Saarbrücken (Nr. 26, 28. 6. 02)
Die Region um Kiel (Nr. 27, 5. 7. 02);
Luckenwalde (Nr. 29, 19. 7. 02);
Greifswald (Nr. 30, 26. 7. 02);
Aurich (Nr. 31, 2. 8. 02);
Minden-Lübbecke (Nr. 32, 9. 8. 02)
Melsungen (Nr. 33, 16. 8. 02);
Künzelsau (Nr. 35, 30.8. 02)
Montabaur (Nr. 36, 6. 9. 02),
Eisenach (Nr. 37, 13. 9. 02)

Von N. Wohllaib/B. Böhret
Von N. Wohllaib/B. Böhret

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