Verkehr 09.06.2000, 17:25 Uhr

Auto-Fahren mit Sonne und Wasser

Für die Industrie und den ADAC ist es selbstverständlich, jetzt bekennen sich auch – zumindest teilweise – die Grünen zu dem Satz „Das Auto garantiert individuelle Mobilität.“ Sie verbinden dies mit neun Thesen zur Zukunft des Verkehrs. Im folgenden dokumentieren wir diese Thesen in Auszügen.

Das Auto ist heute das Verkehrsmittel Nummer 1. Es ist für viele Transportbedürfnisse unverzichtbar. Mobilität ist insbesondere auf dem Land ohne Pkw oft nicht möglich. Für viele Menschen ist das Auto gleich bedeutend mit der Freiheit, jederzeit spontan entscheiden zu können, wohin man will.
Der Pkw ist oft auch Statussymbol, und für Jugendliche ist der Führerschein die Eintrittskarte ins Erwachsenenleben. Für Frauen bedeutet das Auto Sicherheit auf nächtlichen Straßen und die einzige Möglichkeit, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Für alte Menschen und Behinderte ist das Auto ein Synonym für unabhängige Bewegungsfreiheit.
Dies alles trägt dazu bei, dass die große Mehrheit der Bevölkerung auf jede Einschränkung des Pkw-Verkehrs ablehnend reagiert.
Daran werden auch die Grünen nichts ändern. Das Bedürfnis nach individueller Mobilität ist zu akzeptieren.
Das Auto der Zukunft muss emissionsfrei sein. Faszination und Verantwortung müssen zusammengeführt werden.
Es muss ein neuer Energieträger gefunden werden als Ersatz für Benzin und Diesel, der nicht so begrenzt und zugleich umweltverträglicher ist. Dafür muss in den nächsten Jahren und Jahrzehnten die Technologie bereitgestellt und eine neue Infrastruktur aufgebaut werden, damit ein flächendeckendes Versorgungsnetz in Deutschland und Europa zur Verfügung steht. Dies ist eine Herausforderung, der man sich nicht früh genug stellen kann.
Wasserstoff ist ein sauberer Energieträger. Er verbrennt völlig schadstofffrei zu Wasser. Die große Chance des Wasserstoffs liegt in seiner Speicherfähigkeit und in seiner Transportfähigkeit. Damit kann er Benzin, Diesel oder Kerosin ersetzen. Das Wasserstoffauto, aber auch das Schienen- oder Luftfahrzeug, das mit Wasserstoff betankt wird, löst die Probleme des Smogs in den großen Städten und bestimmter Schadstoffbelastungen in sensiblen atmosphärischen Schichten. Ob der Wasserstoff auch einen Beitrag zum Klima- und Ressourcenschutz leistet, hängt von der Art seiner Erzeugung ab.
Wasserstoff ist immer nur so ökologisch wie der Energieträger, der zu seiner Erzeugung eingesetzt wird. Wasserstoff, erzeugt durch Elektrolyse mit Hilfe von Atomstrom oder fossilen Kraftwerken, wäre von der Energiebilanz her gegenüber der direkten Verbrennung von Benzin im Ottomotor sogar ein Rückschritt. Auch die Gewinnung von Wasserstoff aus Erdgas kann höchstens eine Übergangstechnik darstellen. Nur solar bzw. regenerativ erzeugter Wasserstoff macht das Wasserstoffauto zum echten Null-Emissions-Fahrzeug.
Um Wasserstoff in großer Menge regenerativ zu erzeugen, ist eine grundlegend veränderte Infrastruktur der Energiewirtschaft nötig. Notwendig dafür ist nicht nur ein massiver Ausbau der regenerativen Energien im eigenen Land, sondern auch der Bau von Solarkraftwerken im Sonnengürtel der Welt und der Transport des damit erzeugten Wasserstoffs in die Industrienationen. Dabei sind noch eine Vielzahl von technischen Problemen zu lösen, u.a. beim Transport des Wasserstoffs, der sehr stark gekühlt werden muss, um flüssig zu bleiben, und zudem chemisch sehr aggressiv ist.
Die Anlagen für erneuerbare Energien müssen wirtschaftlicher werden. Insbesondere die Photovoltaik ist noch weit von der Marktreife entfernt. Das Wasserstoffauto ist deshalb nur ein Baustein der Wasserstoffvision, allerdings ein notwendiger. Der zweite Baustein ist die Weiterentwicklung der erneuerbaren Energien zum Hauptenergieträger. Erst beides zusammen macht nachhaltige Mobilität möglich. Die Umsetzung der Wasserstoffvision liegt in der Verantwortung von zwei Generationen. Doch jetzt müssen dafür die Weichen gestellt werden.
In der Industrie wird intensiv an der Wasserstofftechnologie gearbeitet. Shell und BP gehen davon aus, dass sie schon in wenigen Jahrzehnten mehr Gewinne mit erneuerbaren Energien erwirtschaften als im Mineralölgeschäft. Shell betreibt in Gelsenkirchen (NRW) die größte Photovoltaikfabrik der Welt. Und alle deutschen Automobilhersteller haben oder werden ein Wasserstoffauto in der Serienproduktion entwickeln.
Der Übergang vom fossilen zum solaren Zeitalter ist eine Jahrhundertherausforderung. Sie kann nur gelingen, wenn Wirtschaft und Politik die Kräfte zu einer gemeinsamen Anstrengung bündeln. Das ist der Kern eines neuen Energiekonsenses.
Darüber hinaus muss die Forschungspolitik noch deutlicher als bisher auf die Vision des Solarzeitalters setzen. Dazu gehören die Erforschung solarthermischer und photovoltaischer Stromerzeugung, die Weiterentwicklung der Elektrolyse zur Wasserstoffherstellung, die Gaserzeugung aus Biomasse als weitere relativ preisgünstige Quelle für Wasserstoff und die Erforschung der Techniken zur Speicherung und zum Transport von Wasserstoff.
Die Automobil- und Mineralölbranche müssen zudem beim Aufbau einer neuen Infrastruktur für Wasserstoff unterstützt werden. Umgehend sollte der Energiedialog durch einen Verkehrsdialog ergänzt werden. Alle gesellschaftlichen Gruppen müssen an den „Runden Tisch“. Ein Solarwasserstoffnetz kann und muss innerhalb eines Jahrzehnts stehen. Dann muss ein Teil der verkauften Neuwagen schon Wasserstoff tanken können. Die Politik muss bei der Entwicklung einer gemeinsamen, mit den europäischen Partnern abgestimmten Markteinführungsstrategie helfen.
Das Wasserstoffzeitalter wird Schritt für Schritt aufgebaut. Analog zur Stromwirtschaft muss deshalb auch in der Automobilherstellung eine Effizienzreform über die ganze Angebotspalette neuer Fahrzeuge durchgesetzt werden.
Das 3-Liter-Auto und eine erhebliche Verbrauchsreduktion aller Typen sind zeitnah umsetzbar. Die Flotten müssen auf einen geringeren Höchstverbrauch verpflichtet werden. Unabhängig davon ist die individuelle Mobilität, die in den letzten Jahrzehnten im rasanten Tempo zu immer mehr Verkehrswachstum geführt hat, nicht beliebig ausdehnbar. Schon jetzt begrenzt der Stau die faktische Bewegungsfähigkeit – obwohl der mit Abstand größte Investitionshaushalt von Bund, Ländern und Gemeinden seit Jahrzehnten für den Straßenbau aufgewendet wird.
Im Grunde muss die Antwort auf die zunehmende Globalisierung mit immer mehr Waren- und Personentransporten darin liegen, gleichzeitig dezentrale Strukturen zu stärken. Wohnen, Arbeiten und Freizeit müssen wieder stärker zusammenrücken. So alt diese Idee ist – sie hat nichts an Aktualität verloren. REZZO SCHLAUCH
Rezzo Schlauch, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag: Die Grünen müssen das Bedürfnis nach individueller Mobilität akzeptieren.

Ein Beitrag von:

  • Rezzo Schlauch

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