Verkehrssicherheit 09.12.2005, 18:41 Uhr

Airbags allein erhöhen nicht die Sicherheit  

40 % bis 50 % aller getöteten Autoinsassen in Deutschland waren nicht angeschnallt.

Showdown wie in einem Western: Auf der einen Seite des Platzes ein betagter gelber VW Golf der ersten Generation (gebaut 1974 bis 1980), auf der anderen ein nagelneuer Polo der Wolfsburger. High Noon auf dem Crashtestgelände der Winterthur-Versicherung im schweizerischen Wildhaus. In die spannungsgeladene Stille hallt plötzlich ein Kommando aus dem Lautsprecher: „Crash!“ Die beiden Autos beschleunigen und prallen mit jeweils 50 km/h frontal zusammen. Erschreckend das Resultat. Den unangeschnallten Beifahrern in beiden Pkw wird so gut wie keine Überlebenschance gegeben und der angeschnallte Golf-Fahrer muss mit lebensbedrohlichen Verletzungen kämpfen – aber halt, es waren keine Menschen im Fahrzeug, sondern Dummys, doch die Bedrohung von Fahrer und Beifahrer bei einem derartigen realen Unfall besteht.

Die durch Hochgeschwindigkeitskameras dokumentierten Bewegungsabläufe der Dummys und ihre gespeicherten Sensordaten zeigten die Ausmaße eines derartigen Unfalls: Die Aufprallwucht der unangeschnallten Beifahrertestpuppen gegen Frontscheibe und Instrumententräger entsprach einem Sturz aus dem vierten Stock eines Hauses. Der angeschnallte Golf-Fahrer hätte zumindest lebensbedrohliche Verletzungen davongetragen, da die Fahrgastzelle seines betagten Autos beim Zusammenstoß total kollabierte. Wesentlich geringer waren die Deformationen beim Polo, dessen Karosserie dem aktuellen Sicherheitsstandard entsprach. Dank Sicherheitsgurt, Airbag und weitgehend intakt gebliebener Fahrgastzelle hätte sein Fahrer gute Überlebenschancen gehabt.

Anschnallen rettet Leben, besonders bei wetterwidrigen Straßenzuständen. Die Pflicht dazu besteht seit 1976 in Deutschland – inzwischen bußgeldbewehrte auf den Vorder- und den Rücksitzen. Aber es gibt noch immer ein gravierendes Informationsdefizit über den Schutz des Sicherheitsgurts durch seine Wirkungsweise.

Offenbar führt vor allem die zunehmende Ausrüstung von Neufahrzeugen mit Front-, Seiten- und Kopfairbags zum fatalen Irrtum, diese „weichen Luftsäcke“ könnten als Insassenschutzsysteme das Anlegen des Gurtes überflüssig machen.

Sinkende Anlegequoten in fast allen Ländern Europas waren deshalb der Anlass für die Unfallforscher von Dekra und Winterthur-Versicherung, in einer Serie von Crashtests einmal mehr die tödlichen Risiken nicht angeschnallter Insassen schon bei Innerortsgeschwindigkeit anschaulich zu demonstrieren – dazu dienten Frontalzusammenstoß mit teilweiser Überdeckung, Kreuzungsunfall mit rechtwinkligem Aufprall und Fahrzeugüberschlag.

Größtmöglichen Schutz bietet der Sicherheitsgurt bei Frontalkollisionen und Überschlägen, während er beim Seitenaufprall seine Schutzfunktion konstruktionsbedingt lediglich eingeschränkt erfüllen kann. Wegen der Aufprallwucht können selbst angeschnallte Insassen auf die andere Fahrzeugseite geschleudert werden und ihren Sitznachbarn gefährden. „Abhilfe können in Zukunft neue Gurtsysteme schaffen, die einen Seitenanstoß elektronisch erkennen und die Gurte der Kollisionssituation entsprechend straffen“, erläutert Jörg Ahlgrimm, Leiter Analytische Gutachten der Dekra.

Erst das optimale Zusammenwirken der einzelnen Schutzsysteme gewährleistet größtmögliche Sicherheit. Gurtsysteme und Airbags gemeinsam reduzieren laut einer Studie des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) das Risiko, bei einem Unfall schwer verletzt oder getötet zu werden, um 65 %. Der Gurtstraffer wird bereits bei niedrigen Kollisionsgeschwindigkeiten aktiviert, während der Airbag erst bei höherer Unfallbelastung als zusätzlicher Schutz ausgelöst wird. Mit Gurt allein steigen die Überlebenschancen um 60 %, mit Airbag allein dagegen lediglich um 15 %.

Dass der Sicherheitsgurt noch immer das wirkungsvollste Instrument aktiver und passiver Schutzsysteme ist und unverändert der Lebensretter Nummer 1 bleibt, belege nachdrücklich die jährliche Unfallstatistik, berichtete kürzlich Unfallforscher Ahlgrimm: Denn „rund 40 % bis 50 % aller getöteten Autoinsassen in Deutschland waren nicht angeschnallt“. Die Rate liege in der Schweiz laut Aussage seines Kollegen Anton Brunner, Leiter der Winterthur-Unfallforschung, mit 41 % ähnlich hoch.

Dem psychologischen Phänomen rückläufiger Anschnallquoten (immerhin fahren noch 92 % in Deutschland Gurt-gesichert, aber nur 80 % in der Schweiz) ist offenbar auch mit verschärften Sanktionen kaum beizukommen. Während in Deutschland Bußgelder zwischen 30 € und 45 € drohen, werden Gurt-lose Franzosen mit 135 € und Portugiesen sogar mit 600 € zur Kasse gebeten. Deutsche und schweizerische Studien belegen, dass rund 60 % der Kinder unsachgemäß oder gar nicht gesichert sind.

Groß ist aber auch die Gefahr für nicht angeschnallte Passagiere auf den Rücksitzen. Sie haben nicht nur bei einem Unfall ein zwei- bis zweieinhalbfach größeres Verletzungsrisiko als die vor ihnen Sitzenden, sie gefährden diese auch massiv, selbst wenn diese dank Gurt und Airbag unverletzt geblieben wären.

„Logische Konsequenz wäre der Einbau von Gurtwarnern auch in die Fondsitze, was wir sehr begrüßen würden“, meinte Ahlgrimm: „Die Fahrzeughersteller sehen das vor allem aus Kostengründen verständlicherweise anders und zitieren die Statistik. Danach bleiben in der großen Mehrzahl aller Fahrten die Rücksitze unbelegt.“

Die Erkenntnisse von Polizei, Rettungsdiensten und Unfallforschern geben Aufschluss über Alter, Geschlecht und Mentalität des typischen Gurtmuffels und dessen so genannte soziodemografische Risikofaktoren. Danach schnallen sich Männer seltener an als Frauen, junge Insassen weniger oft als ältere. Wer raucht, trinkt und auch sonst seine Gesundheit für unzerstörbar hält, stellt seine Risikofreudigkeit im Auto gerne durch Gurtverzicht unter Beweis. Bei einem Crash trägt er dann immerhin als lebender Dummy zum Erkenntnisgewinn von Unfallmedizinern und Biomechanikern bei. HANS W. MAYER/WOP

Ein Beitrag von:

  • Hans W. Mayer

    Hans W. Mayer ist Fachjournalist für Automobilthemen. Er u.a. für die FAZ und verschiedene andere Tageszeitungen und Magazine über Fahrzeugbau und Verkehrsthemen.

  • Wolfgang Pester

    Ressortleiter Infrastruktur bei VDI nachrichten. Fachthemen: Automobile, Eisenbahn, Luft- und Raumfahrt.

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