Umwelt 05.03.1999, 17:20 Uhr

Zwischen Angst und Katastrophen-Tourismus

Mehr als zwei Dutzend Menschen rissen die Lawinen in den Tod. Die Schneemassen walzten Häuser, Ställe und Liftmasten nieder: Auf 300 Mio. Franken schätzen Experten den Schaden.

Dumpf dröhnen die Rotoren. Der Lärm zerschneidet die eisige Luft, verliert sich in der Weite des Tales. Dann zieht es den Hubschrauber in den Himmel. Der Flugplatz Interlaken wird immer winziger, verschwindet aus dem Blick. Eine leichte Biegung nach Südost und das Fluggerät steuert Grindelwald an.
Auf dem Boden sind die Spuren der ins Tal gerasten Lawinen noch sichtbar. Umgeknickte Bäume, eingerissene Ställe: Schneisen der Verwüstung. Die Straße in den bekanntesten Wintersportort des Berner Oberlandes ist noch gesperrt.
Entsetzen über die Gewalt der Natur zeichnet sich auf den Gesichtern der sechs Passagiere ab, nur der Pilot wirkt entspannt und routiniert. Zehn Minuten dauert der Flug durch das Gebirge, dann landet der Heli in Grindelwald.
Eine Momentaufnahme vom vergangenen Wochenende. Seit Montag ist die Lawinengefahr gebannt, die Zufahrtswege sind wieder passierbar – in der Region um Grindelwald und in fast allen Wintersportgebieten der Schweiz. Entwarnung gibt aber nur die Natur. Für die erfolgsverwöhnten Schweizer Hoteliers werden die Umrisse der Katastrophe sichtbar.
„Normalerweise sind unsere 11 000 Betten in dieser Jahreszeit voll belegt, jetzt ist nur noch ein Fünftel der Gäste hier“, klagt Godi Bohren, der Gemeindepräsident von Grindelwald. Für den Rest der Saison erwartet der Bürgermeister keine Rückkehr zu den gewohnten lukrativen Verhältnissen.
Marco Hartmann, Direktor von Schweiz-Tourismus, spricht in Interviews von Millionenschäden für die Hotelbranche. Allerdings „ist in dieser Situation kaum der Moment, um über Auf- oder Abschwung zu debattieren“. Von einem Imageverlust für die Schweizer Urlaubsgebiete will der oberste Tourismusfunktionär der Eidgenossen nichts wissen. Jedem Gast wäre die Ausnahmesituation in der Bergwelt bewußt gewesen, gibt Hartmann trotzig zu Protokoll.
Tatsächlich aber haben die Bilder der alpinen Ereignisse die potentiellen Feriengäste verunsichert. Mehr als 700 Lawinen rasten mit Geschwindigkeiten bis zu 350 km/h in den vergangenen Tagen zu Tal. Mehr als 28000 Eingeschlossene flogen die Helikopter über Luftbrücken aus. Seit Beginn der schweizerischen Wintersaison fanden 28 Menschen in den Lawinen den Tod.
Vorläufig letzte Opfer sind zwei Lawinenexperten und der Pilot ihres Helikopters: Sie starben während ihres Kampfes gegen den weißen Tod, als ihr Fluggerät an einem steilen Hang des Mattertals zerschellte.
Viele Wintersportorte bieten ein Bild der Verwüstung. Plattgewalzte Ställe, eingedrückte Dächer, eingestürzte Mauern, umgeknickte Liftmasten. Experten schätzen die Schäden auf bis zu 300 Millionen Franken.
Noch zu Beginn der Saison herrschte Jubelstimmung: Die Hoteliers meldeten volle Häuser. Jetzt breitet sich Resignation aus.
In den meisten Tourismuszentren ist der Auslastungsgrad auf 30 % abgesackt. Für die Umsatzeinbußen müssen die Hoteliers selbst aufkommen – zu viel Schnee gehört zum Betriebsrisiko und ist nicht versicherbar. Auch die Betreiber der Skilifte stöhnen.
In der Region Grindelwald nehmen sie normalerweise mehr als 300 000 Franken pro Tag ein. Jetzt aber sind die Pisten verwaist. „Obwohl wir nahezu ideale Skibedingungen haben“, betont Bürgermeister Bohren.
Bohren und sein Krisenstab halten sich zugute, daß sie während der Winterkatastrophe schnell handelten: „Es war absolut richtig, alle Zufahrtsstraßen sofort zu sperren.“ Grindelwald selbst „ist absolut lawinensicher“. Weder Menschen noch Gebäude kamen in dem Ort zu Schaden.
Langjährige Gäste wie der Baseler Bankier Bruno Baumann wollen auch im nächsten Jahr wiederkommen: „Die Behörden hier haben die Lage jederzeit im Griff gehabt.“ Baumann ärgert sich jedoch über die teilweise „dramatisierende“ Berichterstattung in den Medien. Selbst das Schweizer Fernsehen hätte verzerrte Filme gesendet.
Dabei herrschte in Grindelwald während der Schneeblockade fast „Fastnachtsstimmung“. Der Bürgermeister: „Die meisten Gäste und Einheimischen hatten eine derartige Isolation in den Bergen noch nicht erlebt.“ Es wären sogar Neugierige mit den Helikoptern hereingeflogen, „nur um das Abgeschlossensein einmal live zu erleben“.
Doch die meisten Gäste, rund ein Drittel von ihnen Deutsche, wollten nur noch raus. Über 8000 Wintersportler bezahlten die 100 Franken für den Flug mit dem Helikopter nach Interlaken, von wo aus viele per Bahn die Heimreise antraten. Für Kinder bis zu zwölf Jahren kostete der Flug 50 Franken. Kaffee und Bonbons gab“s gratis. Das Gepäck beförderten die Hubschrauber auch.
Das Schneechaos brachte die Branche ins Rotieren. 120 Piloten privater Firmen befreiten rund 22 000 Personen aus den eingeschneiten Gebieten. Die vereinzelt laut gewordenen Vorwürfe der Geldmacherei gegen die Retter aus der Luft weist Daniel Hofer, der Geschäftsführer der Berner Oberländer Helikopter AG, entschieden zurück: „Wir haben gekämpft bis zum Umfallen. Aber natürlich müssen wir als Unternehmer darauf achten, daß wir die Kosten decken.“
Die Schweizer Armee hätte zum Einsatz gratuliert. Selbst das Züricher Boulevardblatt „Blick“ hätte die Retter und ihre „fairen“ Preise gelobt: „Das will schon etwas heißen“, betont Hofer. „Wir sind froh, daß jetzt alles vorbei ist.“
Doch auf die Alpenregion lauert schon die nächste Gefahr: Überschwemmungen und Hochwasser. Fast alle Stationen meldeten Schneehöchstwerte für die Jahreszeit.
In Davos türmte sich der Schnee gleich 40 cm über der letzten Rekordmarke. Und der Winter ist noch lange nicht vorbei. Das Schmelzen der riesigen Schneeberge in den Alpen könnte zusammen mit weiteren Niederschlägen eine Jahrhundertflut auslösen.
JAN DIRK HERBERMANN
Das Ende eines Winterurlaubs, der in der Katastrophe endete: Touristen lassen sich aus lawinengefährdeten Orten ausfliegen. Aber es gab auch die anderen, die sich mit den Helikoptern in die vom Schnee verschütteten Orte bringen ließen, um „einmal das Gefühl des Eingeschlossenseins“ zu erleben.

Von Jan Dirk Herbermann
Von Jan Dirk Herbermann

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