Umwelt 17.10.2008, 19:37 Uhr

„Wir wollen nicht mehr nur Messknechte sein“  

VDI nachrichten, Frankfurt/Main, 17. 10. 08, swe – Umweltanalytiker weisen selbst kleinste Mengen bedenklicher Stoffe in Gewässern, Boden und Luft oder Tieren, Pflanzen und Menschen nach. Mit dem reinen Nachweisen, der Analyse, sind die Spezialisten längst nicht mehr zufrieden. Sie wollen ihr Fachwissen beratend einsetzen, vor allem bei neuen Chemikalien, deren Verhalten in der Umwelt noch wenig erforscht ist.

Wir wollen nicht mehr nur Messknechte sein“, sagt Wilhelm Püttmann, Professor für Umweltanalytik an der Universität Frankfurt/Main. Umweltchemie sei mehr als nur Messen von Schadstoffen und Verstehen, wie sie wirken.

Immer mehr Umweltchemiker und Ökotoxikologen wollen sich an der Suche nach Lösungen für erkannte Probleme als Gesprächspartner beteiligen. Dies zeigt das Motto der Tagung „Neue Problemstoffe in der Umwelt: Erfassung, Wirkungen, Lösungen“, die die Fachgruppe Umweltchemie und Umwelttoxikologie in der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) und die Schweizer Organisation Society of Environmental Toxikology and Chemistry (SETAC) gemeinsam Ende September in Frankfurt veranstalteten.

Keine Frage: Umweltchemiker weisen Gifte wie DDT, Lindan, Dioxine und polychlorierte Biphenyle auch heute noch nach – zum Teil in bedenklichen Mengen. Daneben treten aber neue Stoffe ins Rampenlicht, deren Schadstoffpotenzial nicht immer ausreichend geklärt sei, so Püttmann. Dazu zählen etwa Benzotriazole, die auf Flughäfen als Korrosionsschutzmittel eingesetzt werden, bromierte Flammhemmer und auch das Tensid Tetramethyldecindiol (TMDD).

Umweltanalytiker Püttmann hält zum Beispiel chlorierte Phosphorsäureester, die etwa als Flammschutzmittel in Schaum- und Dämmstoffen auf Polyurethanbasis eingesetzt werden, für bedenklich. „Ich staune, wie dünn die Datenbasis über das Verhalten der chlorierten Phosphorsäureester in wässrigen Systemen ist.“ Dabei lassen sich diese Verbindungen, von denen in der EU jährlich rund 36 000 t zum Einsatz kommen, inzwischen überall nachweisen.

Umstritten ist, wie giftig diese Phosphorsäureester sind. Das Umweltbundesamt (UBA) empfiehlt, Trinkwasser sollte nicht mehr als 0,1 µg/l davon enthalten. Weil chlorierte Phosphorsäureester in Kläranlagen aber nur geringfügig abgebaut werden, ist der UBA-Zielwert für viele Wasserwerke, die ihren Rohstoff über Uferfiltration aus Fließgewässern beziehen, schwer einzuhalten. Sie müssen das Rohwasser aufwendig mit Ozon behandeln und anschließend mit Aktivkohle filtern. Diese End-of-pipe-Technologie, bekannt als Düsseldorfer Verfahren, ist zwar effizient, verursacht den Wasserwerken – und damit dem Steuerzahler – aber erhebliche Kosten.

Das lässt sich nicht von heute auf morgen ändern. Aber Analytiker Püttmann hat begonnen, sich einzumischen. Er weist immer wieder darauf hin, wie wenig über die Wirkungen dieser Ester bekannt ist. Überrascht war er auch, dass Hersteller der chlorierten Phosphorsäureester die Frage nicht beantworten, in welchem Maß diese Substanzen aus Schaum- oder Dämmstoffen ausgasen. Aus Vorsorgegründen rät Püttmann diesen Unternehmen daher, weniger flüchtige und wenn möglich, anorganische Flammhemmer einzusetzen – statt die Kosten auf End-of-pipe-Technologien zu setzen.

Für Jörg Oehlmann, Professor für aquatische Ökotoxikologie und der gleichnamigen Abteilung an der Frankfurter Universität, verändert sich das Selbstverständnis vieler Schadstoffexperten. Er selber ist vor zehn Jahren dabei gewesen, als das UBA einen Test entwickelte, um die östrogene Wirkung von Chemikalien testen zu können.

Ein Ergebnis: Bisphenol A fördert bei 22 °C die Eiproduktion der so genannten Paradiesschnecken (Marisa cornuarietis), Süßwasserschnecken aus Amerika. Die Industrie wiederholte diesen Test bei 25 °C – und fand keine Effekte. Oehlmann streitet seitdem mit den Herstellern der Chemikalie über die Umweltauswirkungen des Kunststoffweichmachers. „Man kann es sich deutlich einfacher machen, als seine Ergebnisse in Gegenwart der Industrie zu verteidigen.“

Die Fachleute würden gerne weniger bedenkliche „PBT-Stoffe“ (P für persistent, B für bioakkumulierend, T für toxic) in der Umwelt nachweisen, meint Jörg Oehlmann. Er sieht die Chemieindustrie in der Pflicht. „Es geht um intelligentes Moleküldesign.“ Synthetische Substanzen, die in die Umwelt gelangen, sollten gut abbaubar sein.“

Die Umweltchemiker und Ökotoxikologen blickten in Frankfurt aber auch zurück. Denn viele chemische Altlasten bereiten immer noch Probleme. So untersucht das sachsen-anhaltische Landesamt für Verbraucherschutz in Stendal seit 1995 entlang der Mulde regelmäßig, wie belastet Wildtiere mit Chemikalien aus dem Chemiekombinat Bitterfeld sind.

Über das Ergebnis berichtet der Analytiker Fritz Voigt vom Landesamt: Zwei von drei gejagten Wildschweinen und jedes vierte geschossene Reh enthalten zu viel der Substanz ß-HCH. Dies schwer abbaubare Isomer von Lindan, das bei dessen Herstellung als giftiges Nebenprodukt anfällt, ist immer noch zu finden, obwohl das Insektengift Lindan in Ost- und Westdeutschland seit 20 Jahren nicht mehr in der Umwelt eingesetzt werden darf, sagt Voigt.

Die Schadstoffexperten in Frankfurt konnten hier keine Lösung anbieten. Jäger müssen die Folgen tragen: Sie müssen Tiere, die sie die entlang der Mulde erlegen, untersuchen lassen, bevor sie sie verzehren oder verkaufen. Zu hoch belastete Tiere werden in der Tierkörperverwertung verbrannt.

Manchmal seien langlebige Chemikalien jedoch erwünscht, weiß der Biologe Oehlmann und verweist auf Arzneimittel, die von der Leber abgebaut werden sollten, bevor sie wirken. Doch er meint, auch Pharmafirmen sollten wenn möglich Substanzen entwickeln, die sich im Körper oder draußen in der Umwelt schnell abbauen.

Oehlmann hofft hier auf Transparenz und verweist auf Schweden, wo Arzneimittel in einem Modellversuch in der Region Stockholm seit 2005 nach ihren Umweltauswirkungen klassifiziert werden. Die Idee: Stehen mehrere Arzneimittel für eine Behandlung parat, sollte das mit geringeren Umweltauswirkungen genommen werden. Doch noch ist es zu früh zu bewerten, ob diese Einstufung Wirkung zeigt. RALPH AHRENS

  • Ralph H. Ahrens

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