Klima 08.01.1999, 17:20 Uhr

„Wir können die globale Erwärmung nur noch bremsen“

Für viele gilt als sicher, daß der Mensch an der Klimaschraube dreht. Zu ihnen gehört Prof. Hartmut Graßl, Direktor des Weltklimaforschungsprogramms. Auf Fragen, die noch strittig sind, hofft er, daß neue Technologien und Meßmethoden bald klare Antworten liefern.

VDI nachrichten: 1998 war global gesehen das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Ist das der anthropogene Treibhauseffekt?
Graßl: Seit Beginn der globalen Messungen um 1860 hat sich die Erdatmosphäre um etwa 0,7 Grad erwärmt. Daran ist die Menschheit mit hoher Sicherheit beteiligt.
VDI nachrichten: Kann man den menschlichen Anteil an dieser Temperaturerhöhung angeben?
Graßl: Nein, wenn Sie mich nach Prozenten fragen, ja, wenn Sie mich nach den Einflußfaktoren fragen. Heute wissen wir, daß das globale Klima durch ganz unterschiedliche Prozesse geprägt wird. Die zusätzlichen Treibhausgase und die durch natürliche Zyklen stärker strahlende Sonne haben Erdoberfläche und untere Atmosphäre erwärmt. Dagegen dämpfen die Sulfataerosole über den industrialisierten Regionen der Erde die Erwärmung. Zusätzlich hat der Ozonschwund in Höhen von 12 bis 40 km die dort durch den erhöhten Treibhauseffekt auftretende Kühlung kräftig verstärkt.
VDI nachrichten: Was macht Sie so sicher, daß damit die entscheidenden Mechanismen erfaßt sind?
Graßl: Das Weltklimaforschungsprogramm läuft seit 1980. In dieser Zeit haben wir viel gelernt. Entscheidend dabei waren neue Beobachtungssysteme im Ozean und im Weltraum für Atmosphäre und Erdoberfläche, die die Daten für die Verbesserung der Klimamodelle liefern. Dadurch konnten wir nachweisen, daß die Menschheit zu den beobachteten Klimaänderungen der letzten Jahrzehnte einen Beitrag geleistet hat. Die Wahrscheinlichkeit eines Irrtums ist nur noch gering.
VDI nachrichten: Können Sie ein Beispiel geben für wesentliche Ergebnisse der Klimaforschung?
Graßl: Ein gutes Beispiel sind die Fortschritte beim Verständnis des El-Niño-Phänomens. Das ist eine unregelmäßige, starke Erwärmung des östlichen tropischen Pazifiks, die weltweit Klimaanomalien für etwa ein Jahr auslöst. Ein vom Weltklimaforschungsprogramm eingerichtetes Meßsystem im tropischen Pazifik liefert hierfür die Daten. Verankerte und driftende Bojen sowie Handelsschiffe bestimmen recht genau Temperatur, Strömung und Druck im Ozean und liefern die Werte über Satellit in das globale Netz der Weltorganisation für Meteorologie.
VDI nachrichten: Welchen Nutzen hat das?
Graßl: Mit diesen Daten können Forscher und Vorhersagedienste die Anfänge der Temperaturanomalien im Entstehungsgebiet des El Niño fast in Echtzeit in ihre gekoppelten Ozean/Atmosphäre-Modelle eingeben. So sind El Niño und seine globalen Folgen bis zu einem Jahr vorhersehbar geworden. Das ist für viele Länder in Südamerika, Asien und Afrika von existentieller Bedeutung. Deshalb wird das Meßsystem inzwischen als ein operationeller internationaler Dienst betrieben. Die nächste Herausforderung sind bessere Prognosen zu Beginn und Stärke des asiatischen Monsuns. Davon sind schließlich Wohl und Wehe von drei Fünftel der Menschheit abhängig.
VDI nachrichten: Wie sicher läßt sich die weitere Entwicklung voraussagen?
Graßl: Eine der wichtigsten noch offenen Fragen ist der Einfluß der Wolken. Zur Zeit kühlen sie Erdoberfläche und Atmosphäre. Die Frage ist: Werden sie bei weiterer globaler Erwärmung diese Wirkung zum Teil aufgeben und somit den Treibhauseffekt verstärken oder wird das Gegenteil zutreffen?
VDI nachrichten: Wie will man zu einer Antwort auf diese Frage kommen?
Graßl: Um die Wolken zu verstehen, brauchen wir die dreidimensionale Verteilung von Eis und Wasser in der Atmosphäre. Die kennen wir noch nicht. Die neueste Radar- und Lasertechnik macht aber nun Satelliten-Sensoren möglich, mit denen sich diese Beobachtungslücke schließen läßt. Ich gehe davon aus, daß wir im Jahr 2005 die Empfindlichkeit des Klimasystems gegenüber äußeren Störungen, wie erhöhte Sonnenaktivität und mehr Treibhausgase, besser abschätzen können. Hochrechnungen zu Klimaänderungen durch den Menschen werden damit sicherer.
VDI nachrichten: Welche Temperaturerhöhungen sind noch zu verkraften?
Graßl: Ein oft genannter Schätzwert, an den sich die Ökosysteme noch anpassen können, lautet 0,1 Grad pro Jahrzehnt im globalen Mittel. Dieser würde jedoch überschritten, wenn das Kioto-Protokoll in seiner jetzigen Form das Maß für die Klimapolitik bliebe. Darin haben sich die Industrienationen verpflichtet, innerhalb der kommenden zehn Jahre ihre Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 um durchschnittlich 5,2 % zu mindern.
VDI nachrichten: Reicht das aus?
Graßl: Nein. Die Industrienationen müssen eine rasche Effizienzsteigerung beim Umgang mit Kohle, Erdöl und Erdgas herbeiführen und mehr regenerative Energien nutzen. Aber selbst dann werden die Österreicher die meisten ihrer Gletscher verlieren. Die bereits emittierten Treibhausgasmengen sind so groß und langlebig, daß die Klimaänderungen nur noch gedämpft werden können.
VDI nachrichten: Das starke Bevölkerungswachstums und der wirtschaftliche Nachholbedarf werden in Entwicklungs- und Schwellenländern zu einem starken Anstieg des Energieverbrauchs und der CO2-Emissionen führen. Müßten sie nicht auch ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten?
Graßl: Vor wesentlichen Verpflichtungen für die Industriestaaten und vor ersten Erfolgen bei ihrer Einhaltung wäre es nicht gerechtfertigt, Chinesen oder Indern, deren Emissionen pro Kopf nur ein Zehntel bzw. ein Zwanzigstel eines US-Amerikaners betragen, schon jetzt etwas abzuverlangen. China kann zum Beispiel auf eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Energieeinsatz hinweisen. Das ist den USA in diesem Ausmaß bisher nicht gelungen.
VDI nachrichten: Kann Aufforstung einen Beitrag zum Klimaschutz leisten?
Graßl: Gegenwärtig nimmt die Biosphäre von den rund 7 Mrd. t Kohlenstoff, die durch fossile Brennstoffe und Entwaldung freigesetzt werden, etwa 1 Mrd. t wieder auf. Vor allem geschieht das in den Wäldern auf der Nordhalbkugel. Sicher vergrößert großflächige Aufforstung die Aufnahmefähigkeit für einige Jahrzehnte, wirksamer aber ist in jedem Fall die Reduktion der Emissionen.
VDI nachrichten: Deutschland stellt sich gern als Vorreiter der Klimapolitik dar. Zeigt sich das auch in der Forschung?
Graßl: Bis vor wenigen Jahren war das der Fall. Unter Minister Rüttgers wurde die Projektförderung jedoch leider zurückgenommen. Wenn die neue Regierung ihre Versprechen einlöst, sollte Deutschland mindestens wieder an früheres Niveau anknüpfen können.
Mit Prof. Hartmut Graßl sprach Hans Dieter Sauer

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