Umwelt 28.07.2000, 17:26 Uhr

„Wir brechen das Monopol des Dualen Systems“

Seit zehn Jahren profitiert das Duale System quasi von einem Entsorgungsmonopol. Jetzt sorgt die Mainzer Landbell AG für Unruhe. Landbell-Chef Wolfgang Schertz will mit einem eigenen System Verpackungsabfälle preiswerter sammeln und verwerten.

VDI nachrichten: Herr Schertz, Sie wollen das Monopol des Grünen Punktes brechen. Was sind Ihre Hauptargumente gegen das Duale System Deutschland, das DSD?
Schertz: Es ist immer ungesund, wenn ein Monopol den Markt beherrscht. Das gilt für die Telekommunikation ebenso wie für den Energiemarkt und erst recht für die Entsorgungswirtschaft.
VDI nachrichten: Was können Sie Verbrauchern und Kommunen finanziell bieten?
Schertz: Zunächst zahlen wir allen Gebietskörperschaften eine Konzessionsabgabe in Höhe von bis zu 10 DM pro Einwohner und Jahr. Das ist quasi eine Belohnung dafür, dass wir die Restmülltonne mitbenutzen und entsorgen dürfen. Es ist eine Sondervergütung für die Systemeinführung, die allerdings bis zum 31. 12. 2003 befristet ist. Finanzieren wollen wir das durch ein preiswerteres Wirtschaften bei der Entsorgung. Wir verteilen sozusagen die Gewinne, die das DSD jetzt macht, unter anderem an die Kommunen.
VDI nachrichten: Was hat der Verbraucher davon?
Schertz: Da wir um 30 % bis 50 % preiswerter sind, können wir den Verpackungsunternehmen Lizenzentgelte anbieten, die entsprechend niedriger liegen als die Gebühren für den Grünen Punkt. Als sichtbares Zeichen haben wir bereits ein eigenes Logo weltweit schützen lassen. Wenn ein Produkt über seine Verpackung billiger wird, profitiert der Verbraucher als erstes davon.
VDI nachrichten: Wie wollen Sie es anstellen, den Restmüll preiswerter zu entsorgen und gleichzeitig die Wertstoffe einem vernünftigen Recycling zuzuführen?
Schertz: Die Haupteinsparung ist der Wegfall der viel zu aufwendigen Sortierung. Wir lösen den Gelben Sack auf und ersetzen ihn durch den blauen Landbell-Sack. Darin sammeln wir nur noch Plastik-Flaschen mit einer Mindestgröße von 150 ml. Alles andere geht in die normale Restmülltonne. Papier sammeln wir so, wie es in den einzelnen Gemeinden bisher üblich war – per Tonne oder über Sammelcontainer. Das Gleiche gilt für Glas. Das Material aus unserem blauen Sack wird dann nur noch grob gereinigt und direkt bei den werkstofflichen Verwertern sortiert – das ist weit billiger als die bisherige aufwendige DSD-Sortierung.
VDI nachrichten: Unter ökologischen Gesichtspunkten ist es ein Rückschritt, tonnenweise Kunststoffe im Restmüll zu belassen. Wie wollen Sie das dem Verbraucher klar machen, der nach Jahren endlich begriffen hat, wie und warum er zu sortieren hat?
Schertz: Ob das ein ökologischer Rückschritt ist, müssen Sie den Gesetzgeber fragen. In der Novelle der Verpackungsverordnung von 1998 wird die energetische Verwertung ausdrücklich gewünscht – und nichts anderes machen wir. Wir kippen nichts auf die Deponie, sondern beschränken uns auf Regionen, in denen ausschließlich energetisch verwertet wird – wie im Lahn-Dill-Kreis. Hier steht eine Anlage, bei der Hausmüll getrocknet und zu so genanntem Trockenstabilat verarbeitet wird. Dieses Material kann als Ersatzbrennstoff in der Zementindustrie und zum Teil im Sekundärrohstoff-Verwertungszentrum der Schwarzen Pumpe vergast bzw. zur Methanolherstellung verwendet werden.
VDI nachrichten: Wird der Verbraucher denn mitmachen?
Schertz: Ja. Wir sagen ihm erstmals, wie unsinnig es ist, für 3000 DM pro Tonne mit einem riesigen personellen und technischen Aufwand die Inhalte der Gelben Tonne zu trennen, zu reinigen, kilometerweit zu transportieren und sie dann doch als Mischkunststoff zu vergasen, im Hochofen zu verfeuern oder gar als Sortierreste zu verbrennen.
VDI nachrichten: Im Lahn-Dill-Kreis sammeln Sie im Landbell-Sack kein Plastik, sondern nur Papier und Verbundverpackungen. Große Plastikverpackungen sollen die Bürger in die Wertstoffhöfe bringen – doch ist die Resonanz eher schwach und die Bürger ziehen es vor, weiterhin ihre Gelben Säcke zu füllen. Wie können Sie sich das erklären?
Schertz: Der Lahn-Dill-Kreis ist in mehrfacher Hinsicht ein Sonderfall. Es ist korrekt, dass wir dort keinen Sammelsack für Plastik verteilt haben. Es ging nämlich ursprünglich darum, eine effektive Papier- und vor allem Papierverbundsammlung zu realisieren, weil der dortige Entsorger zur Zusammenarbeit nicht bereit war. Papierfasern können in einer Trockenstabilat-Anlage nicht aussortiert und stofflich verwertet werden. Die Plastik-Sammlung größerer Gebinde ist in dem Kreis für uns von geringerer Bedeutung schließlich haben wir auf 260 000 Einwohner nur 40 Sammelbehälter aufgestellt. Außerdem haben wir unser System auch recht wenig beworben – ganz im Gegensatz zum DSD.
VDI nachrichten: Wie wollen Sie Ihr Sammelsystem finanzieren?
Schertz: Bislang zahlt Landbell die gesamten Systemkosten aus seiner Portokasse, da wir keinerlei Lizenzgebühren kassieren. Das soll sich aber ändern, denn wir haben in Hessen eine sogenannte Freistellung beantragt. Wenn das hessische Umweltministerium uns diese erteilt – womit ich übrigens trotz juristischer Querschüsse seitens des DSD sehr bald rechne -, dann sind wir berechtigt, von Verpackungsherstellern und Handelsunternehmen Lizenzentgelte zu kassieren, sofern wir entsprechende Verwertungsnachweise erbringen und die Unternehmen von ihrer Rücknahmepflicht befreien.
VDI nachrichten: Was heißt das?
Schertz: Das heißt, wir müssen nicht unbedingt die Verbundverpackungen eines bestimmten Herstellers verwerten, sondern es genügt der Nachweis, dass wir prozentual einen bestimmten Teil der gesamten lizenzierten Menge verwerten. Das DSD muss uns dann einen Teil seiner Einnahmen abtreten. Bis diese Einnahmen kommen, werden wir sinnvollerweise etwas kürzer treten.
VDI nachrichten: Wer steckt eigentlich hinter Landbell und wer sorgt für eine gefüllte „Portokasse“?
Schertz: Einer unserer Hauptaktionäre ist Frank Binder, der gleichzeitig größter Aktionär des Pharmaunternehmens Merck in Darmstadt ist. Dank seiner Unterstützung und durch Geldmittel anderer konnten wir bislang gut 30 Mio. DM in unser Landbell-System investieren.
VDI nachrichten: …das aber in Deutschland außer im Lahn-Dill-Kreis nirgends realisiert ist.
Schertz: Das wird sich mit Sicherheit bald ändern. Wir sind bereits in den Ring gestiegen und bieten dem DSD bundesweit Paroli: Noch in diesem Jahr werden wir vermutlich in den Ländern Rheinland-Pfalz und im Saarland Freistellungsanträge stellen. 2001 sollen die Länder Bayern, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein folgen. Mit Wolfgang Schertz sprach Martin Boeckh Landbell-Chef Wolfgang Schertz: „Da wir bis zu 50 % preiswerter sind, können wir Lizenzentgelte weit unter den Gebühren für den Grünen Punkt anbieten.“ Foto: Landbell Hat seit zehn Jahren ein Monopol auf gebrauchte Verpackungen: die Gelbe Tonne des DSD. Die Landbell AG will ein neues Sammelsystem etablieren.

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