Umwelt 13.11.2009, 19:43 Uhr

„Wechselwirkungen beim Klima nicht genau verstanden“  

Die klassischen Klimamodelle berücksichtigen die komplexen Wechselwirkungen zwischen Klima und den anderen Teilsystemen der Erde nur unzureichend, kritisierten Geowissenschaftler jetzt auf einer Tagung in Berlin. Sie fordern weit mehr Engagement als die Erfüllung des „2-°C-Ziels“, des kleinsten gemeinsamen Nenners der internationalen Klimapolitik. VDI nachrichten, Berlin, 13. 11. 09, ber

„Die Geowissenschaften haben das Thema Klima anfangs nicht ernst genug genommen“, gestand Prof. Reinhard Hüttl, Wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Geoforschungszentrums (GFZ), auf der Konferenz „Klima im System Erde“ Anfang November in Berlin. Die komplexen Wechselwirkungen zwischen Klima und den anderen Teilsystemen der Erde seien nur unzureichend verstanden. Was als Kritik an den klassischen Klimamodellen verstanden werden kann. Hüttls Ziel sei deshalb eine wirkliche Erdsystemmodellierung, „damit haben wir angefangen am GFZ“.

Der nächste Schritt wäre dann ein Erdsystemmanagement, das auch die biologischen Variablen berücksichtige, forderte Prof. Volker Mosbrugger, Direktor des Senckenberg-Forschungsinstituts. „Die Biosphäre ist ein wichtiger Steuerungsfaktor, der bisher vernachlässigt wurde, weil er zu komplex und zu schwer zu verstehen ist“, so Mosbrugger. Klimaänderungen führten zu Artensterben und zum Verlust von Ökosystemen, was wiederum Folgen für das Klima habe.

Eine weitere Forderung der Geowissenschaftler: Neben der Minderung der Klimagasemissionen dürfe man die Anpassung an zukünftige Klimaänderungen nicht übersehen. Denn die werde es auf jeden Fall geben, durch natürliche wie durch menschliche Einflüsse.

„Wenn wir heute aufhören würden CO2 zu emittieren, hätten wir trotzdem einen Temperaturanstieg“, sagte Prof. Karin Lochte vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung.

Wobei dieser aber regional sehr unterschiedlich ausfallen kann – deshalb brauche man mehr regionalspezifische Daten. Bisher konzentrierten sich Klimaforschung und Klimapolitik zu sehr auf globale Durchschnittsszenarien.

Aus diesem Grund lehnen die drei Institute auch das sogenannte „2-°C-Ziel“ ab, das Leitbild der internationalen Klimapolitik: Die Politik solle alles daran setzen, mehr als 2 °C Klimaerwärmung zu verhindern.

Das Leitbild internationaler Klimapolitik, das sogenannte 2-°C-Ziel, ist Geowissenschaftlern zu wenig

Für manche Regionen seien 2 °C schon zu viel, kritisieren allerdings die Geowissenschaftler. Und ein solcher starrer Grenzwert sei auch der Komplexität des Erdsystems mit seinen vielen Wechselwirkungen nicht angemessen.

Bringen die Geowissenschaftler mit ihrer Kritik eine Wende in der Klimaforschung? Tagungsteilnehmer, die nicht von einem der drei Institute kamen, waren anderer Ansicht. „Die Vorträge haben das Niveau von Einführungsvorlesungen an der Uni, manche sind nicht mal auf dem allerneuesten Stand“, meinte ein Atmosphärenphysiker. „Ich habe den Eindruck, dass die Institute vor allem um Forschungsmittel werben.“

Nichts Neues ist auch das Thema Anpassung: Dem widmen sich u. a. eine Arbeitsgruppe des IPCC und das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Das Thema Anpassung, gerade bei regionalspezifischen Maßnahmen, ist aber auch in der Praxis angekommen. „Wir haben eine Kooperation von Bayern mit Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, die sich mit den Klimaveränderungen und den Konsequenzen für die Wasserwirtschaft beschäftigt. Der Deutsche Wetterdienst ist als gemeinsamer Partner mit dabei. Unter anderem beraten wir über die künftige Wasserversorgung in Dürrezeiten“, erzählte Prof. Albert Göttle, Präsident des Bayerischen Landesamtes für Umwelt.

Hochwasserschutz und Niedrigwassermanagement stehen ebenso auf dem Programm wie Vorsorge für die Stabilität und Funktion der Ökosysteme in einem veränderten Klima. Die Erde als vernetztes System war deshalb für Göttle nichts wirklich Neues, auch er war enttäuscht von der Konferenz. Das von den Geowissenschaftlern so vehement kritisierte 2-°C-Ziel wird von anderen akzeptiert als das, was es ist: der kleinste gemeinsame Nenner der Klimapolitik, eine Leitplanke für die Verhandlungen.

Hochwasserschutz und Niedrigwassermanagement stehen nun auf dem Programm

Es drückt auch aus, dass nicht mehr viel Zeit bleibt, noch weitere Details des komplexen Wechselspiels zwischen Klima, Biosphäre, Ozean und den vielen anderen Teilen des Systems Erde zu klären – das wird vielleicht nie gelingen.

Jede neue Antwort erzeugt zwei neue Fragen, das ist nun mal das Wesen der Forschung. International akzeptiert sei allerdings, dass man genug wisse, um zu handeln. Oder wie Reinhard Hüttl es formulierte: „Man muss nicht erst das Auto an die Wand fahren um zu wissen, dass die Bremsen nicht funktionieren.“

RENATE ELL

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