Umwelt 16.02.2001, 17:28 Uhr

Was kostet das Zwangspfand?

Wie teuer wird das von der Bundesregierung geplante Zwangspfand? Die Schätzungen dazu gehen weit auseinander. Eine Rücknahme zum Nulltarif für den Handel verspricht der Logistik-Dienstleister VfW.

Für Handel und Abfüller kostenfrei“ sei das Rücknahmesystem, das sein Unternehmen anbieten will, wenn im nächsten Jahr das Zwangspfand kommt, kündigte Clemens Reif an. Reif ist Vorstandsvorsitzender der auf Logistik und Rücknahmesysteme spezialisierten VfW-Gruppe aus Köln. VfW betreut mit 480 Logistikpartnern derzeit rund 70 000 Sammelstellen für Altmedikamente, Batterien und Elektronikschrott.
Diese bestehende Infrastruktur wollen die Kölner ausbauen, um die Rücknahme der für 2002 geschätzten 15 Mrd. Verpackungen flächendeckend zu sichern. In der Nachbarschaft von mehr als 25 000 Discountern und größeren Lebensmittelgeschäften würden 70 000 Rücknahmeautomaten aufgestellt. Deren Stückpreis liegt bei 10 000 DM bis 12 000 DM. Die kalkulierten Kosten von rund 500 Mio. Euro will VfW übernehmen. An Kiosken, Tankstellen und anderen „Kleinstanfall-Stellen“ sollen die Verpackungen von Hand zurückgenommen werden. Finanzieren wollen die Kölner das System im Wesentlichen durch die Erlöse aus der Verwertung der Rohstoffe Metall, Glas und PET und durch Werbeflächen auf den Automaten. VfW kalkuliert eine Rücknahmequote von 95 %.
Eine ganz andere Rechnung machte dagegen vergangenen Dienstag das Duale System Deutschland (DSD) auf. Gläser und Dosen, die jetzt bepfandet werden sollen, machen einen guten Teil der Reststoffe in gelben Tonnen und Säcken aus. Die Einnahmeverluste durch die Pfandpflicht bezifferte das DSD, das 2000 rund 3,6 Mrd. DM umsetzte, auf 600 Mio. DM. Allerdings sind Wein- und Sektflaschen mittlerweile ausgenommen. Dennoch kassiert das DSD nach eigenen Angaben ab 2002 immer noch rund 500 Mio. DM weniger. Preiserhöhungen für die übrigen Verpackungen könnten die Folge sein, zumal bereits eine „Erosion“ bei den Grüne-Punkt-Zahlern festzustellen ist. Die Drogerie-Markt-Kette dm stieg mit ihren Hausmarken beim DSD aus und sammelt und entsorgt diese selbst. Immerhin sei es ein Erfolg, dass das Pfand nicht für Wein- und Sektflaschen gelte. „Sonst wäre die Altglaserfassung zusammengebrochen“, so DSD-Sprecher Achim Struchholz. Er rechnet damit, dass die Entsorgungskosten für bepfandete Gebinde sich verdreifachen werden.
Trotz aller Proteste sieht das DSD das Pfandgeschäft aber gleichzeitig durchaus als lukrativen Markt für sich selbst – schließlich würde sich außer dem Erheben der Gebühr am Sammeln und Verwerten der Dosen und Flaschen nichts ändern. In welcher Form das DSD in der Pfandlandschaft aktiv werden will, ist offen. „Es ist aber nicht auszuschließen“, so Struchholz, „dass Dosen und Einwegflaschen am Ende doch wieder bei uns landen.“
Definitive Zahlen über die Kosten des Zwangspfands wird es wohl auch im kommenden Jahr nicht geben. Ob das VfW-Versprechen der kostenlosen Rücknahme für Hersteller und Handel durchzuhalten ist, muss die Praxis erweisen. VfW ist ein relativ kleines Unternehmen, erwirtschaftete im vergangenen Jahr lediglich rund 50 Mio. DM Umsatz und will beim Zwangspfand innerhalb von zweieinhalb Jahren Gewinne erzielen. Die Bundesregierung selbst rechnet mit Zusatzkosten von 265 Mio. DM, der Handel unter dem Dach der Arbeitsgemeinschaft für Verpackung und Umwelt (AGVU) mit 4 Mrd. DM bis 5 Mrd. DM. Um wie viel teurer die Getränke für den Verbraucher letztendlich werden, ist offen. Produzenten wie Deutschlands führende Brauerei Warsteiner haben angekündigt, neue Gebindeformen auf den Markt zu bringen, die die Rücknahmeprozedur für Einwegdosen erleichtern und verbilligen: den Dosenkasten. M. ROTHENBERG

Berger: 1,5 Mrd. für Zwangspfand

In einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger werden die möglichen Kosten des Zwangspfands erstmals detailliert aufgeschlüsselt. Die Studie rechnet mit Gesamtkosten von 1,5 Mrd. DM, davon 762 Mio. DM für die Rücknahme in der Verkaufsstelle, 485 Mio. DM für Transport, Zählung und Sortierung, 141 Mio. DM für ein „Pfand-Label“, das vor Betrügereien schützen soll. 48 Mio. DM werden als Kapitalkosten und 30 Mio. DM für den Ausgleich zwischen den Verkaufsstellen (Clearing) veranschlagt. Zwar ist die Studie umstritten – so spricht der Bundesverband des Deutschen Getränkefachgroßhandels von einem „Gefälligkeitsgutachten“ für die Verpackungsindustrie, aber gleichzeitig gibt die Untersuchung erstmals Größenordnungen vor, die nicht von klaren Interessen geprägt sind und sicher die weitere Diskussion beeinflussen werden. ro

Ein Beitrag von:

  • Martin Rothenberg

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