Umwelt-Offensive im Oberallgäu 05.04.2002, 17:33 Uhr

Vom Stall in die Steckdose

Die Einwohner von Wildpoldsried reden nicht nur von Umweltschutz, sie handeln. Sie verwandeln selbst Sägespäne und Kuhmist in Energie und verdienen daran.

Bürgermeister Arno Zengerle steht die Symbiose zwischen Geschäftssinn und Gemütlichkeit ins Gesicht geschrieben. Über den rosigen Wangen blitzen kleine runde Brillengläser, darunter verzieht sich der Mund zu einem listigen Grinsen. Unterm Kordjankerl verschafft der geöffnete Hemdkragen dem Doppelkinn Luft. „Grad amoil zwei Wochen ist es her, da haben mich die Wildpoldsrieder wiedergewählt, mit 96 %“, sagt er.

Weil sie seit eh und je den Zengerle wählen, gell?

A geh – überhaupts net! Schließlich hat der 44-jährige Dorfvorsteher Wildpoldsried berühmt gemacht. Sogar das finnische Fernsehen und taiwanische Studenten waren schon da. Denn Arno Zengerle hat die Einwohner des 2400-Seelen-Dorfes eingeschworen: auf ungehemmtes ökologisches Engagement. Für das gab es unlängst den Bayerischen Umweltpreis. Vom Stoiber persönlich. Nirgendwo sonst erzeugen private Freistaatler so viel regenerative Energie auf einem Fleck.

Wildpoldsried, das liegt im Oberallgäu – gleich hinter „Einöde“, das noch kleiner ist, aber ähnlich idyllisch. Die liebenswerte Gemeinde könnte es in die erste Auswahl von „unser Dorf soll schöner werden“ schaffen. Im Gasthof Adler baumeln Schweinskopf-verzierte Maßkrüge über den wettergegerbten Gesichtern am Bauernstammtisch und in der einzigen Pension serviert Vroni das Helle zur Marschmusik.

Wasser, Wind, Sonne, Rindergülle und Sägespäne – nichts bleibt hier ungenutzt. Allein die vier Windkraftanlagen produzieren jährlich doppelt so viel Strom, wie die Gemeinde verbraucht. „Das entspricht 33 Tanklastzügen Öl und erspart der Luft 3 Mio. kg CO2“, weiß Zengerle. Und die öffentlichen Solaranlagen auf dem Feuerwehrhaus oder der Schule „san eh fast scho wieder an oider Huat“.

Der Bürgermeister unterstützt jeden, den der Öko-Geist packt. Wer einen Besuch beim Energieberater plant, bekommt ihn von der Gemeinde kostenlos. Dank der Subventionen des neuen Energie-Einspeisungsgesetzes, rechnet dieser dann vor, zahle sich eine Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach durch den Stromerlös von 20 Jahren selbst. Zwei Dutzend Privathaushalte haben sich inzwischen zum „Sammeleinkauf Solarenergie“ zusammengeschlossen. Da gibt es jede Solaranlage rund 100 ¿ billiger.

Auch jenseits der regenerativen Energie erweist sich das umweltfreundlichste Dorf Bayerns als pfiffig. Zur letzten Schneeschmelze überflogen einheimische Spione mit Kameras die Gemeinde im Heißluftballon. „Eigentlich wollten wir einen Düsenjäger mit Infrarotkamera vom benachbarten Bundeswehrstützpunkt anheuern“, sagt Zengerle. Doch auch so entlarvte die Vogelperspektive schlecht gedämmte Häuser, auf deren Dächern als erstes der Schnee geschmolzen war. Wer will, kann sein Foto im Rathaus begutachten.

In den 90ern mussten Umwelt-Pioniere wie der Ökobauer Wendelin Einsiedler eine ganze Menge Idealismus aufbringen, um die ersten beiden Windräder in Gang zu setzen. Und noch immer gibt es zu seinen Windrädern Fackelzüge aufgebrachter Landschaftsfreunde, die dadurch die Gegend verschandelt sehen – „selbstverständlich keine Wildpoldsrieder“, versichert er. Vier Mühlen drehen sich inzwischen in den Hügeln über dem Dorf, an denen 90 Wildpoldsrieder beteiligt sind. Geschäftsführer dieser Windkraft GmbH ist Einsiedler.

„Windpapst“ nennen sie ihn, weil er drei Jahre lang auf den Feldern von Wildpoldsried Messungen durchgeführt hat, um den idealen Standort für die Windkraftanlagen zu finden. Ihre Ausbeute: 9 kWh bis 10 Mio. kWh pro Jahr, deren Einspeisung ins Stromnetz rund 750 000 ¿ einbringt.

Auch ortsansässige Firmen haben ihre Finger im Umweltschutz. In den Werkstätten der Puppenmöbelfabrik Hennig werden sämtliche Holzabfälle direkt an der Maschine abgesaugt und durch eine unterirdische Leitung in einen Silo geblasen und in einer mit dem Silo gekoppelten Anlage verbrannt. Eine computergesteuerte Heizung wärmt die 6000 m2 Fabrikhalle, Büro und Trockenkammer für Schnittholz. „Wirtschaftlich rechnet sich das nicht“, erklärt Juniorchef Florian Hennig, „aber die Späne per Lkw in das nächstgelegene Spanplattenwerk in der Schweiz zu transportieren, wäre ökologischer Humbug“. Bei Landschaftsbau Schellheimer wird in einem Pilotprojekt der Klärschlamm des Dorfes in schilfbewachsenen Gruben zu Humus umgewandelt, anstatt ihn kostspielig zu entsorgen. Den Baugrund für die Becken steuerte die Gemeinde bei, der Humus geht an die Landschaftsbauer. Eine Hand wäscht die andere.

Für einen Wildpoldsrieder ist der Umweltpreis aber kein Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Schon geht“s weiter: Eine Dorfheizung soll gebaut werden, an die jedes zweite Haus angeschlossen werden soll. Dort sollen Holzabfälle von regionalen Sägewerken und Restholz, das beim Durchforsten des Waldes anfällt, verbrannt und das warme Heizungswasser unter der Dorfstraße zu den Gebäuden geleitet werden. Wann ist Wildpoldsried eine energieautarke Ortschaft?

„Wir werden immer abhängig von den öffentlichen Stromnetzen sein“, sagt Zengerle, „aber warum sollten wir die finanziellen Anreize nicht nutzen?“ Der Freistaat Bayern würde ein Drittel der Kosten für die Dorfheizung übernehmen, und wer Strom aus regenerativer Energie einspeist, bekommt pro kWh von Staat und Energieversorger mehr Geld, als er pro kWh Haushaltsstrom zahlen muss.

Nicht nur das Geld reizt die Wildpoldsrieder zum Umweltschutz. Ex-Bauer Ludwig Schinderle zum Beispiel: „Nachdem ich die Landwirtschaft aufgegeben habe, hab ich nach einer Beschäftigung gesucht.“ Er hat ein Wasserkraftwerk in seine alte Mühle eingebaut. Sensoren registrieren, wenn der Wasserspiegel im Dorfbach unter das erlaubte Niveau fällt und steuern die Schleusen in Schinderles Weiher. 7000 kWh bis 10 000 kWh bringt seine Anlage jährlich – nicht so viel wie die Biogas-Anlage von Freund Franz Kolb, die achtmal mehr Strom produziert. „Aber so eine Biogas-Anlage kann ganz schön Ärger machen“, weiß Schinderle. Auf dem Hof von Kolb steht ein Fermenter, in dem anaerobe Bakterien die Gülle zu Methan vergären, das dann verbrannt wird. Und wenn der Fermenter von Bauer Kolbs „dufter Anlage“ leckt, muss dieser drei Tage lang entlüften, bevor er reparieren kann.

Franz Kolb ist Mitglied beim Umweltstammtisch. Da bespricht man derartige Probleme in g“scheiter Runde zu einer zünftigen Brotzeit. Der Stammtisch kümmert sich auch um die 12 800 ¿ Preisgeld aus dem Umweltpreis. Eine Tankstelle für Biokraftstoff soll her und ein Zuschuss für jeden, der seinen Traktor auf Rapsöl umrüstet.

Hin und wieder lädt man sich zum Stammtisch einen Fachreferenten aus Kempten dazu. Der erzählt dann über die neuesten Trends beim Umweltschutz und erklärt, wo noch geschützt und gespart werden kann. Aber allzu viel kann der ihnen nicht mehr beibringen, da sind sie sich einig. Und was sie sonst noch wissen wollen, sagt Kolb, „dös fragn ma halt den Einsiedler.“

E. BODDERAS

Von Bodderas
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