Klima 01.09.2006, 19:23 Uhr

Vom Eismeer in die Wüste  

VDI nachrichten, Bremerhaven, 1. 9. 06, moc – In Bremerhaven können Touristen ab 2008 zu einer virtuellen Reise durch die Klimazonen der Erde starten. Das Science-Center „Klimahaus Bremerhaven 8° Ost“ gilt wegen seiner Technik und Exponate als Prototyp zukunftsweisender Freizeit- und Erlebniswelten.

Über die Betonplatte von der Größe einiger Fußballfelder pfeifen starken Böen, dichte Regenschauer prasseln auf den Rohbau der zweigeschossigen Tiefgarage am Weserdeich in Bremerhaven. Manch einer mag solch ein Wetter, es sollen sogar schon mal Touristen aus dem Süden kommen, um Sturm und Küstenklima aus erster Hand zu erleben.

Ab 2008 werden sie in Bremerhaven so gut wie sämtliche Klimazonen erleben können, hofft Arne Dunker. Für 80 Mio. € lässt er am Weserdeich gerade ein Science-Center errichten, das zur Messlatte einer ganz neuen Generation solcher Zentren werden soll: das Klimahaus Bremerhaven 8° Ost.

Das Klimahaus, dessen Geschäftsführer Dunker ist, will jährlich 600 000 Besucher auf eine Reise durch die Klimazonen der Erde schicken, ihnen die Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels nahe bringen und unser tägliches Wetter erklären.

Dort, wo jetzt noch der Regen auf die Betonplatte peitscht, soll nach den Vorstellungen des Bremer Architekten Thomas Klumpp künftig „wie eine Wolke“ das Klimahaus schweben.

„Ursprünglich galt der Entwurf als nicht realisierbar“, erinnert sich Wolf Bartuszat, Projektleiter beim Architekten-Generalplaner Niederberghaus (AGN) in Ibbenbüren. Die Skepsis galt nicht dem in klassischer Stahlbetonweise errichteten, 125 m langen Gebäudekern, sondern der davor gesetzten Glasfassade. 3800 Glasscheiben sollen auf den 75 bis zu 24 m hohen geschwungenen Spanten angebracht werden, jede Scheibe mit anderen Formen und Maßen, alle in sich gebogen. Jetzt wird man sehen, ob es klappt.

Das eigentlich Neuartige ist nach Darstellung der Planer jedoch das, was sich hinter der Glasfassade abspielen wird.

Kernattraktion ist eine interaktive Reise durch die typischen Klimazonen unserer Erde. Entlang des 8. östlichen Längengrades führt sie die Besucher in die schroffe Landschaft der Schweizer Alpen, in die Gluthitze der Sahelzone, von Afrika in die Antarktis, über die Südsee nach Alaska und schließlich durch das Wattenmeer zurück nach Bremerhaven, wo derzeit das Klimahaus auf 8°34“ östlicher Länge entsteht.

Die Klimahaus-Besucher werden über eine Alm kraxeln, die Gluthitze der Sahelzone erleben, im Dschungel von Kamerun schwitzen und im Eis der Antarktis frieren. Im einem zweiten Ausstellungsbereich, „Elemente“ genannt, experimentieren sie mit Blitz und Sturm, erzeugen Hagel und Regen, fühlen die Kraft der Sonne.

Doch die Ingenieure, die diese Ideen in die Praxis umsetzen, raufen sich schon jetzt die Haare. 30 000 Tischtennisbälle werden alle halbe Stunde im Exponat „Blümlisalp“ gegen Original-Steinschlagschutzgitter aus der Schweiz prasseln, um so die wachsende Zahl der Gerölllawinen in den Alpen zu symbolisieren. „Aber wie bekommt man die Bälle binnen kürzester Zeit wieder aus dem Raum, ohne dass ein Riesenradau entsteht oder die Bälle kaputtgehen?“, fragt sich der für die Realisierung der Exponattechnik verantwortliche Frido Meger. Er hofft auf Anregungen von tüftel-begeisterten Ingenieuren.

Andere Exponate sind bereits fertig: Für die Darstellung der Sahelzone bauten die Architekten ein 13 m x 13 m großes Stück Land aus dem Niger detailgetreu nach. Und für das Leben auf einer Nordsee-Hallig bei Sturmflut steht eine Grasinsel mit zehn Meter Durchmesser bereit – ein Blasebalg drückt binnen Sekunden riesige Wassermassen in den Graben um das Eiland, dessen Durchmesser auf fünf Meter schrumpft: Jedes Exponat, so die Planer, soll die Empfindungen auslösen, die man auch an den Originalschauplätzen haben könnte.

Für die Ingenieure, die die Klimatechnik des Klimahauses entwickeln, steckt darin eine bislang nicht gekannte Herausforderung: Nicht nur, dass sie sechs unterschiedliche Klimazonen von -2 °C (trockene Polarluft) bis +30 °C und 80 % Luftfeuchtigkeit (Tropenklima) darstellen müssen: „Das Klimahaus selbst ist ganzjährig, also auch im Winter, ein Kühlfall“, so Christian Oberdorf, Planer beim Münchner Klimatechnik-Spezialisten Transsolar.

Neben Lampen, Bildschirmen und anderen Elektronikgeräten bringen, so die Sorge von Oberdorf, vor allem die bis zu 5000 Besucher pro Tag Wärme ins Haus: „Der Tagesmaximalwert liegt zwischen 30 kW im Winter und 260 kW an einem Spitzentag im Sommer.“

Weite Teile des Bedarfs an Kälteenergie gewinnt das Klimahaus aus regenerierten Ressourcen und ausgeklügelten Belüftungssystemen. Die kühleren Nachtzeiten werden zudem zur Temperaturminimierung von Kühlflüssigkeiten genutzt.

Doch der Clou steckt 35 m tief unter der Tiefgarage des Klimahauses. Die Hälfte der rund 900 Gründungspfähle enthält Rohrregister, in denen die Kühlflüssigkeit aus der Decken- und Fußbodenkühlung des Ausstellungsbereiches auf 15 °C bis 19 °C abgekühlt wird. Pro Jahr können so mehr als 100 MW/h an Kälteenergie bei einer maximalen Kälteleistung von 300 kW bereitgestellt werden.

Dies ist nicht zuletzt auch das Ergebnis immer wieder überarbeiteter, vor allem aber ganzheitlicher Planungen. So gelang es den Planern, berichtet Oberdorf, in einem mehrjährigen Entwicklungsprozess den Gesamtenergiebedarf des Klimahauses auf ein Viertel der ursprünglich angenommenen Werte zu senken.

Viel von der Technik – die Oberdorf als zukunftsweisend für neue Museumsplanungen ansieht – werden die Besucher des Klimahauses nicht sehen. Aber sie werden sie überall spüren.

So ist etwa der 22 m hohe Stahlturm im Ausstellungsbereich „Elemente“ technisch gesehen der Abluftschacht des Gebäudes, aus dem Blickwinkel der Besucher ist er jedoch die Wetterküche, in der sie mit Blitz, Sturm, Regen und Hagel spielen können.

Nur wenige Meter weiter wollen die Planer 40 25-Watt-Birnen der Raumbeleuchtung so auf einer 1 m2 großen Fläche anordnen, dass ihre Wärmestrahlung aus 3 m Höhe genau dem Wärmeeintrag der Sonne in Mitteleuropa entspricht.

„Draußen in der norddeutschen Natur ist dies ja eher selten zu spüren“, meint Friedo Meger und blickt traurig aus der Baubarracke auf die Regenschauer, die auf die Klimahaus-Baustelle prasseln. WOLFGANG HEUMER

Von Wolfgang Heumer
Von Wolfgang Heumer

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