Umwelt 16.05.2008, 19:34 Uhr

„Vielfalt zu erhalten ist positiv, es ist eine Art Lebensversicherung“  

die Biodiversität zu erhalten. Nur, was bringt es der Industriegesellschaft oder einem Unternehmen, die Natur zu schützen? Eine Menge, denn Biodiversität ist existenziell, erläutert Prof. Andreas Troge, der Präsident des Umweltbundesamtes, im Interview mit den VDI nachrichten.

Troge: Deutsch übersetzt „biologische Vielfalt“, und die hat im Wesentlichen drei Dimensionen. Als erste die Vielfalt der Lebensräume, in denen sich Arten entwickeln können. Die Vielfalt der Arten ist der zweite Aspekt.

Der wohl wichtigste Bereich der biologischen Vielfalt ist die genetische, denn die Evolution hängt davon ab, dass es immer Individuen gibt, deren genetisches Potenzial von dem anderer abweicht. Diese können dadurch auf neue äußere Umstände in konstruktiver und produktiver Art und Weise reagieren, wenn man so will in naturingenieurwissenschaftlicher Weise, sich dann durchsetzen und zur Arterhaltung beitragen. Die genetische Vielfalt ist nicht als Bankguthaben wichtig, sondern wegen ihrer Anpassungsfähigkeit und macht das aus, was auf Dauer den Reichtum der Natur darstellt.

VDI nachrichten: Warum lohnt es sich, biologische Vielfalt zu erhalten?

Troge: Vielfalt zu erhalten ist positiv, weil es eine Art Lebensversicherung für uns ist. Wir haben immer noch einen Pfeil im Köcher, wir können immer noch reagieren.

Der Mensch ist eine hegemoniale Art, die drauf und dran ist, ihr Naturkapital aufzuzehren. Das merkt man daran, wie der Mensch ehemalige Naturräume in Anspruch nimmt. Im 14. Jahrhundert war Deutschland zu 90 % von Wald bedeckt, heute liegt der Waldbestand bei 30 %.

Wir greifen auf Wildpflanzen zurück, um eine stabilere Ernährungsgrundlage zu haben. Wenn wir unsere gesamte biologische Umgebung gefährden, würden wir unser eigenes Leben gefährden. Das haben auch Unternehmen in der Initiative Business & Biodiversity erkannt.

Allen Unternehmen bringt ihr Einsatz für die Biodiversität zunächst einmal einen höheren Reputationswert. Darüber hinaus ist Biodiversität konkret wirtschaftlich nötig: Wenn wir keine Biodiversität hätten, könnten wir beispielsweise nicht züchten, auch keine Gentechnik betreiben.

VDI nachrichten: Gibt es noch andere Beweggründe für Unternehmen, sich am Erhalt der Biodiversität zu beteiligen?

Troge: Erstens: Ein Unternehmen würde natürlich mit dem Einsatz für die Biodiversität keine Reputationswertsteigerung erreichen, falls es die Mitarbeiter schlecht behandelte oder die Umwelt erheblich belastete.

Zweitens: Für alle Unternehmen ist es ein Vorteil, dass verlässliche natürliche Rahmendingungen bestehen, weil sich die Natur wegen ihrer Vielfalt den äußeren Umständen anpasst. Das heißt zum Beispiel, dass biologische Vielfalt nötig ist, um den Kohlenstoff, den wir in Form von CO2 freisetzen, auf Dauer zu binden – etwa in wieder vernässten Mooren, um ein Projekt dieser Business- und Biodiversity-Initiative zu nennen.

Wir Menschen sind von unserer Wahrnehmung her nur selten in der Lage, Tsunami-Phänomene zu erkennen: Die Welle läuft, wir können sie nicht wahrnehmen, kommt sie aber an der Küste an, ist sie nicht mehr aufzuhalten und in den Folgen nicht zu beherrschen.

Genauso ist es mit der biologischen Vielfalt: Wenn Lebensräume zusammenbrechen und Arten sowie genetische Kombinationen verschwinden, dann werden wir das erst wesentlich später merken, ohne die Chance zu haben, in menschlich angemessenen Zeiträumen reagieren zu können. Wir wissen zudem zumeist zu wenig über die vielfältigen Funktionen und Beziehungen, die die Lebewesen untereinander haben und so die Stabilität des Ökosystems erhalten. Deshalb ist es wichtig, Ökosysteme zu erhalten und die Forschung hierzu voranzubringen, um das Risiko eines Tsunamis bei der biologischen Vielfalt zu verringern.

Ein Beispiel für die Folgen einer Überforderung natürlicher, von biologischer Vielfalt getragener Prozesse ist der Zusammenbruch des Ökosystems von überbelasteten Flüssen, wie dem Rhein in den 60er Jahren: Dies führte dazu, dass Industrieunternehmen und Kommunen Kläranlagen bauen mussten. Wir Menschen versuchen so, die wesentlichen Reinigungsvorgänge in biochemisch arbeitenden Anlagen nachzuahmen, um die Flussökosysteme nicht zu überbelasten. Zudem müssen wir Arbeit und Kapital einsetzen, um die Natur nachzuahmen und dafür z. B. alle Abwassergebühren bezahlen.

VDI nachrichten: Gibt es einen konkreteren Nutzen der Biodiversität für verschiedene Arten von Unternehmen?

Troge: Ja. Die wirklichen Abhängigkeiten ergeben sich bei technischen Innovationen in der chemischen Industrie und dem großen Bereich der Nahrungsmittelindustrie. Wir sind eine der führenden Nationen bei hochqualitativen Lebensmitteln. Da hängt eine erhebliche Wertschöpfung dran. Die chemische Industrie setzt 10 Gewichtsprozent ihres Materials aus biogenen Rohstoffen ein – heute schon. Sie produziert auch bioabbaubare Kunststoffe.

Die pharmazeutische Industrie profitiert von der Biodiversität: Weltweit schätzt man, dass 10 000 bis 20 000 Pflanzenarten pharmazeutischen Produkten dienen. Die Waschmittelhersteller setzen auf Enzyme. Sie nutzen grob 30 von Zehntausenden.

Weiße Biotechnik ist ebenfalls ganz stark von der biologischen Vielfalt abhängig. Es gibt viele Unternehmen, die lassen vor jeder Re-Investition prüfen, ob sich – anstelle eines hochkalorischen Prozesses mit hohen Drücken – dasselbe Produkt in einem biochemischen Reaktor bei Raumtemperatur und Normaldruck erzeugen lässt.

VDI nachrichten: Welche Technologiegebiete profitieren von Biodiversität?

Troge: Als Erstes die Bionik. Das fängt bei der physikalischen Nachbildung der Natur, etwa bei Schiffsrümpfen, an. Jetzt sind wir dabei, die Schiffsrümpfe in ihrem Mikroaufbau so glatt zu bekommen, dass der Reibungswiderstand und damit der Treibstoffverbrauch reduziert werden können.

In der Nanotechnik stellt die biologische Vielfalt ein breites Spektrum der Vorbilder zur Verfügung, der Funktionen, die wir heute als Menschen noch gar nicht herstellen können. Und der Trend zu Nanotechnik strahlt aus: Je kleiner die technischen Artefakte sind, mit denen wir die gegebenen Funktionen erfüllen, desto weniger Material müssen wir verwenden. Prinzipiell heißt weniger Material auch weniger Ressourcennutzung und weniger Energieverbrauch.

VDI nachrichten: Was sollte bei der UN-Naturschutzkonferenz in Bonn herauskommen?

Troge: Ein zentrales Thema ist: Wie sorgen wir dafür, dass aus Eigeninteresse biologische Vielfalt erhalten wird? Die allgemeine Antwort heißt, dass derjenige, der die biologische Vielfalt nutzt, demjenigen ein Entgelt zahlt, der die biologische Vielfalt besitzt. Das nennen die Verhandlungsmatadore Cost-Benefit-Sharing, Kosten-Nutzen-Teilung.

Wir haben ein Bewusstsein dafür dass es Unrecht ist, wenn jemand unser geistiges Eigentum nimmt nehmen Sie die Diskussion um China. Aber bei der biologischen Vielfalt haben wir uns daran gewöhnt, dass wir in den Industrieländern einfach zugreifen – auch in anderen Ländern. So geht das nicht, sondern das Völkerrecht muss gleichartige Sachverhalte bei allen gleich behandeln.

Dann gibt es noch ein Thema, das Klimaschutz und Biodiversität verbindet. Ein Beispiel: Es wird gefordert, die Regenwälder zu erhalten. Angenommen, jemand fände unter dem brasilianischen Urwald Erdöl und Erdgas. Jetzt ist die Frage: Ist die industrialisierte Welt bereit, dafür eine hinreichende Kompensation zu zahlen, dass Brasilien zum Erhalt der biologischen Vielfalt auf die Nutzung dieser Erdölfelder verzichtet? Außerdem sind diese Wälder Kohlenstoffsenken, binden also das Treibhausgas CO2. Wir werden in die Situation kommen, diese Frage beantworten zu müssen.

VDI nachrichten: Welches Leitbild brauchen wir für unserer Gesellschaft, damit sie Biodiversität schützt und erhält?

Troge: Leben und leben lassen – schon, weil wir nicht wissen, was uns biologische Vielfalt heute und morgen nutzt. STEPHAN W. EDER

Troge zur Nutzung von Biomasse

VDI nachrichten: Eine intensive Biomassenutzung – auch in Form von Biosprit –, wie passt die mit Biodiversität zusammen?

Troge: Nehmen wir den Status Quo, dann haben wir fünf Pflanzen für biogene Kraftstoffe. Man verwendet diese Pflanzen, die wir eigentlich als Nahrungsmittel- oder Futtermittelpflanzen nutzen, jetzt als nachwachsenden Energierohstoff.

Die konstruktive Aufgabe besteht darin: Wie könnten Pflanzen aussehen, die möglichst weitgehend energetisch verwertbar sind, und nicht nur deren ölhaltige Körner. Wie könnten Kulturtechniken aussehen, Anbautechniken und Erntetechniken, um dies auf Dauer, Boden- und Landschaft schonend zu machen? Da gibt es Vorschläge.

Wir brauchen immer eine Vereinbarkeit nachwachsender Rohstoffe mit der biologischen Vielfalt. Deshalb ist unstreitig in der Bundesregierung, dass Schutzgebiete nicht Anbauräume für nachwachsende Rohstoffe werden dürfen – weltweit. Die Bundesregierung hat für die EU eine so genannte Nachhaltigkeitsvereinbarung vorgelegt, in der das verbindlich gemacht werden soll für alle Importe von Biomasse.

Alles, was angebaut wird an nachwachsenden Rohstoffen, muss außerdem die gute fachliche Praxis der Landwirtschaft einhalten. Sofern die speziellen Rohstoffe Kulturtechniken, Bodenschutz, Gewässerschutz, Ökosystemschutz nicht hinreichend gewährleisten, muss die gute fachliche Praxis auch fortentwickelt werden.

Schließlich muss die energetische Dienstleistung, also zum Beispiel der Kraftstoff, mindestens 30 % Ersparnis über die gesamte Wertschöpfungskette an Treibhausgasemissionen bringen. Für 2011 schlägt die Bundesregierung vor, 40 % Ersparnis zu fordern. Das UBA geht eher in die Richtung 50 %.

  • Stephan W. Eder

    Stephan W. Eder

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Energie, Energierohstoffe, Klimaschutz, CO2-Handel, Drucker und Druckmaschinenbau, Medien, Quantentechnologien

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