Deutscher Ingenieurtag 08.05.2009, 19:41 Uhr

VDI-Präsident Braun: Wissen nutzen statt Rohstoffe verschwenden  

Von einer bevorstehenden neuen Epoche der Ressourceneffizienz sprach Bruno O. Braun, Präsident des VDI, während des Deutschen Ingenieurtages am Dienstag. So, wie in den 50er-Jahren das Wirtschaftswunder erarbeitet wurde, gelte es jetzt, die Chancen der Ressourceneffizienz zu nutzen. Nachfolgend Auszüge aus seiner Rede. VDI nachrichten, Düsseldorf, 8. 5. 09, rus

Ich wünsche mir, dass uns eine kaum vorstellbare Entwicklung bevorsteht: eine nie gekannte Effizienzsteigerung im Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen.

Ressourceneffizienz ist die Grundlage für ein ökologisch verantwortungsbewusstes Handeln. Und sie ist der Schlüssel für den Erfolg unserer Wirtschaft im globalen Wettbewerb.

Die Steigerung der Ressourceneffizienz hängt nicht nur von der Entwicklungsfreudigkeit der Ingenieure ab, sondern sie ist genauso abhängig von der Verfügbarkeit von Rohstoffen, deren Preise sowie bewusst gesetzten Anreizsystemen.

Ressourceneffizienz ist das entscheidende Stichwort, wenn es darum geht, wie wir den Klimawandel begrenzen können.

Drei wichtige Ressourcen will ich herausgreifen: Erdöl, Wasser und Boden. Ich will diesen Ressourcen vier Grundbedürfnisse der Menschheit gegenüberstellen – Nahrung, Kommunikation, Mobilität und Wohnen – und erläutern, wie wir in einer globalisierten Welt diese Bedürfnisse befriedigen, ressourceneffizienter wirtschaften und gleichzeitig dem Klimawandel begegnen können.

Erdöl: Die Frage ist für mich nicht, wann die Erdölvorräte erschöpft sein werden. Denn sicher ist, dass die weltweiten Reserven ausreichen, den Klimawandel über ein erträgliches Maß hinaus zu beschleunigen.

Die Frage ist, was machen wir mit den bekannten Reserven, die wir künftig klimaverträglich verbrauchen müssen.

Die derzeit bekannten Rohölvorräte können 576 Gigatonnen CO2 erzeugen und haben einen monetären Gegenwert von 80 Billionen $. Der wirtschaftliche Anreiz, die Rohölvorräte restlos auszuschöpfen, ist mit Sicherheit größer als die Angst vor dem CO2-Ausstoß.

Da 80 % des Erdöls für unsere Mobilität und die Industrie aufgewendet werden, müssen wir vor allem in CO2-freie Technologien für Auto, Bahn, Schiff und Flugzeug investieren.

Wasser: Seine Verfügbarkeit ist elementar, der Klimawandel wird diese Verfügbarkeit künftig jedoch rapide reduzieren. Gleichzeitig steigt der Wasserbedarf einer weiter wachsenden Weltbevölkerung an.

Schon in 15 Jahren werden 1,8 Mrd. Menschen in Regionen absoluter Wasserknappheit leben, zwei Drittel der Menschheit werden in Gebieten leben, in denen das Risiko von Wasserknappheit besteht.

Deutschland hat in den letzten 30 Jahren die Effizienz der Wassernutzung bereits um ein Drittel verbessern können. Doch Deutschland ist ein Netto-Importeur von Wasser. Warum? Weil wir viele wasserintensive Produkte einführen.

Boden: Weltweit leben eine Milliarde Menschen in Regionen, die von Bodenverschlechterung, Erosion, Versalzung und Produktivitätsverlust betroffen sind. Der Verlust von Boden ist deshalb so bedrohlich, da Boden eine nicht erneuerbare Ressource ist.

In 20 Jahren benötigen wir 50 % mehr Nahrungsmittel als heute. Selbst bei höherer Produktivität rechnet die Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen mit einer Ausweitung der Agrarflächen von 13 %.

Wachsende Megacitys und Flächen für den Anbau von Bioenergiepflanzen konkurrieren ebenfalls um die Ressource Boden.

Die Herausforderung ist, Böden effizienter zu nutzen und beispielsweise Naturschutz und Landwirtschaft in Megacitys möglich zu machen.

Der Mensch nutzt heute viel Fläche sehr einseitig. Zurzeit decken die drei Getreidearten Weizen, Reis und Mais zwei Drittel des globalen Kalorienbedarfs der Menschen. Und das, obwohl weltweit 75 000 Pflanzenarten essbar sind. Wir brauchen aber strukturreiche und standortangepasste Pflanzenbestände.

Das Wissen von Ingenieuren und deren Vernetzung weltweit bilden die Basis für die Lösung dieser beschriebenen Herausforderungen.

Treibhausgase nachhaltig senken:

Der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen, insbesondere CO2, nimmt seit der Industrialisierung stetig zu. Ursache hierfür ist das globale Wirtschaftswachstum.

Ziel der EU ist es, die Temperaturzunahme bis 2050 auf 2° zu begrenzen. Um das Ziel zu erreichen, muss die CO2-Effizienz der Weltwirtschaft alle zehn Jahre verdoppelt werden.

Demnach müssen bereits 2030 drei Viertel des Energiebedarfs aus CO2-armen Energien erzeugt werden, seien es erneuerbare Energien, Atomkraft oder CO2-reduzierte Kohlekraftwerke.

Das größte Minderungspotenzial für Kohlendioxid liegt zudem mit 70 % in den Entwicklungsländern – wegen deren großen Anteilen von Landwirtschaft.

Sämtliche Bemühungen zum Klimaschutz ohne eine weltweite politische Abstimmung werden scheitern, denn Länder wie China, Indien, Brasilien oder Südafrika haben die berechtigten Interessen ihrer Bevölkerung nach wirtschaftlichem Wachstum und steigendem Wohlstand zu erfüllen.

Mit einer Verzögerung von Maßnahmen zur nachhaltigen Reduzierung von Treibhausgasen ist das 2°-Ziel nicht zu halten.

Potenziale für die Effizienzrevolu- tion: Ressourceneffizienz bedeutet zum einen die Verringerung des Ressourceneinsatzes, also des Inputs, zum anderen aber auch die Verringerung stofflicher Emissionen, also des Outputs.

An den Grundbedürfnissen nach Nahrung, Kommunikation, Mobilität und Wohnen will ich kurz erläutern, wie das Notwendige mit wirtschaftlichen Chancen verbunden werden kann.

Nahrung: In den kommenden Jahrzehnten wird die Nachfrage nach Nahrungsmitteln um die Hälfte zunehmen. Um den Bedarf zu decken, müssen in der Landwirtschaft erhebliche Effizienzsteigerungen erreicht werden.

Drei Viertel des global genutzten Süßwassers fließen in die Landwirtschaft. Viele der Bewässerungssysteme arbeiten aber dramatisch schlecht. Auch durch unsachgemäße Düngung werden Grundwasser und Atmosphäre belastet.

Die Landwirtschaft in Deutschland emittiert fast ebenso viel Treibhausgase wie der Straßenverkehr – vor allem die Tierhaltung. Wir brauchen – wenn wir schon nicht Vegetarier werden wollen – ressourceneffiziente Verfahren in der Fleischproduktion.

Die Landwirtschaft insgesamt muss sich durch intelligente Systeme auf die „Grüne Revolution des 21. Jahrhunderts“ vorbereiten. Sie muss weniger input-intensiv, sondern vielmehr wissensintensiv sein.

Globale Kommunikation: Die Fortschritte seit es Computer gibt sind enorm. Keine andere Industrie macht solche Effizienzgewinne – allerdings ist sie auch ressourcenintensiv wie keine andere. Der gesamte globale Flugverkehr erzeugt weniger Treibhausgase als unsere Kommunikation via Computer und Internet.

Unter dem Label „Green IT“ beginnt in der Kommunikationsindustrie gerade die dramatische Steigerung der Effizienz ihrer Systeme. Ein Beispiel ist die Koppelnutzung der Abwärme in Rechenzentren, die bei der Kühlung der Server anfällt.

Ein anderer Ansatzpunkt ist das Verbraucherverhalten. Ein Beispiel: Nur die Hälfte der deutschen Beschäftigten schaltet ihren Rechner regelmäßig über Nacht aus.

Mobilität: Automotoren werden immer effizienter, aber nur zu einem geringen Anteil zugunsten des Flottenverbrauchs, sondern vielmehr zugunsten steigender Leistung und Sicherheit. Ein Lösungsansatz für die Korrektur dieser Entwicklung ist der Leichtbau. Auch die Art des Treibstoffs und der damit verbundene CO2-Ausstoß spielen in Zukunft eine wichtige Rolle.

Übrigens: Der größte Energieverbrauch beim Auto entsteht beim Fahren. Eine noch zu entwickelnde, fahrerunabhängige elektronische Unterstützung zum Sprit sparenden Fahren böte Einsparpotenziale von 30 %.

Wohnen: 40 % der Endenergie in Deutschland werden zum Heizen und Kühlen von Gebäuden verbraucht. Die größten Potenziale liegen hier nicht im Neubau, sondern in der Sanierung des Gebäudebestands.

Das Marktvolumen für die Bauwirtschaft in Deutschland für energetische Sanierungen wird auf 340 Mrd. € geschätzt. Diese Summe ergibt sich aus dem maximalen Einsparpotenzial von 63 Mio. t CO2- Äquivalent, von denen 90 % wirtschaftlich umsetzbar wären.

Häufig wissen Hausbesitzer gar nicht, wie viel Energie sie tatsächlich verbrauchen und welche Effizienzmöglichkeiten sie haben.

Die Kombination aus finanziellen Anreizen durch den Staat und Ingenieuren, die integrierte Lösungen entwickeln, sind hier das Zukunftsgeschäft.

Wissen nutzen statt Rohstoffe verschwenden: Die globale Herausforderung ist der Klimawandel. Wir können hier langfristig nur erfolgreich sein, wenn wir wirtschaftlich erfolgreich sind.

Naturwissenschaftler und Ingenieure jeder Fachrichtung werden und müssen technische Lösungen für die globalen Herausforderungen finden. Die Politik sollte die Rahmenbedingungen dafür schaffen und die gesellschaftliche Debatte führen.

Wir brauchen höhere Investitionen in die Forschung und die Entwicklung effizienter und CO2-armer Technologien und die konsequente Umsetzung des globalen CO2-Handels, um Investitionen in CO2-arme Technologien zu fördern.

Der Abbau von Handelsbarrieren für Umwelttechnologien wäre ebenso hilfreich wie die Förderung effizienter Wassersysteme.

Volkswirtschaften, die erfolgreich sein wollen, müssen künftig Wissen einsetzen und Ressourcen schonen. Das erfordert innovative Technologien und exzellent ausgebildete Fachkräfte, die in der Lage sind, über den eigenen Tellerrand zu blicken.

Deutschland hat die besten Voraussetzungen, zum Leitmarkt für Ressourceneffizienz zu werden.

BRUNO O. BRAUN

 

Ein Beitrag von:

  • Bruno O. Braun

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