Umwelttechnik 27.06.2008, 19:35 Uhr

Urban Mining: Auf Rohstoffsuche mitten in der Stadt  

VDI nachrichten, Köln, 27. 6. 08, rok – Letzte Woche hat das Europaparlament die neue Abfallrichtlinie verabschiedet, damit den wachsenden Müllbergen den Kampf angesagt. Gleichzeitig werden zahlreiche Rohstoffe immer knapper werden, während das „anthropogene“ Lager an Rohstoffen um uns herum wächst, weiß Stefan Schreiter, Chef des Dualen Systems Deutschland. Er rät in seinem folgenden Beitrag, die Rohstoffe zu nutzen, die wir schon einmal bezahlt haben.

Meldungen über Rohstoffdiebe sind immer häufiger zu lesen. Diebe demontieren, was nicht niet- und nagelfest ist: Eisenbahngleise, Transformatoren, Starkstromkabel oder auch schon mal eine tonnenschwere Skulptur aus Kupfer und Bronze. Die Ursache dafür liegt in den Rohstoffmärkten. In wenigen Jahren sind die Kosten für importierte Rohstoffe in der EU um über 80 % gestiegen. Nahezu explodiert sind seit 2006 die Preise für Metalle. Der Kupferpreis hat sich mehr als verdoppelt, der Stahlpreis kletterte um über 50 %. Selbst Schrott ist kostspielig geworden. Er notierte im Frühjahr 2008 bei knapp 300 €/t und ist damit so teuer wie neuer Stahl noch vor wenigen Jahren.

Stahlschrott bringt mittlerweile so gutes Geld, dass die Recyclingbranche über mangelnden Nachschub klagt. So kaufen Händler aus Nachbarländern deutsche Altautos auf, um die Bleche gewinnbringend zu vermarkten. Der Ölpreis von über 100 $ je Barrel hat den Handel mit gebrauchten Kunststoffen aufblühen lassen.

Daran wird auch der Einsatz von Bioplastics, also Kunststoffen aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais oder Kartoffeln, vorerst nichts ändern. Derzeit stellen sie noch ein Nischenprodukt dar und ihr Potenzial wird auf absehbare Zeit begrenzt bleiben.

Fakt ist: Um uns herum schlummern riesige Lager an wertvollen stofflichen Ressourcen. Wir verteilen durch die globale Massenproduktion von Computern, Fahrzeugen, Maschinen oder Gebäuden eine Vielzahl von Materialien bis in die hinterste Ecke des Landes. Die meisten Rohstoffe sind begrenzt und müssen aufwändig gewonnen werden. Bis vor einigen Jahren konnten wir uns das leisten. Doch seit der wirtschaftliche Aufschwung der Schwellenländer die Nachfrage und damit die Preise für viele Ressourcen in die Höhe treibt, werden Rohstofffrage und Energiekosten zum Risiko für das Wirtschaftswachstum.

In Mitteleuropa verbraucht jeder Einwohner rein rechnerisch täglich etwa 40 kg Bodenschätze und Rohstoffe: Sand und Kies, Erdöl, Gas und Kohle, aber auch Holz, Kunststoff und Metalle. Diesen natürlichen Ressourcen verdanken wir unseren hohen Lebensstandard. Der alltägliche Konsum aber sorgt dafür, dass die Lagerstätten an natürlichen Rohstoffen kontinuierlich schrumpfen, während gleichzeitig der Materialbestand um uns herum rasant zunimmt. Fachleute sprechen vom wachsenden „anthropogenen Lager“. Das vom Menschen angelegte Deputat von Kupfer, so warnt der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung, ist heute schon größer als die verbleibenden weltweiten natürlichen Reserven.

Solche Fakten werfen naheliegende Fragen auf.

Warum besinnen wir uns nicht auf die Rohstoffe, die wir bereits bezahlt haben? Warum nutzen wir nicht verbaute Materialien erneut und immer wieder? Und können wir nicht noch mehr tun, um die großen Mengen an Abfällen sinnvoll zu verwerten?

Experten sprechen längst von Urban Mining. Dieser Begriff steht für die Tatsache, dass jede dicht besiedelte Stadt in einem industrialisierten Land eine riesige Rohstoffmine ist. Ob Gebäude oder Geräte, Fahrzeuge oder Infrastruktur, Haushaltsabfälle oder Bauschutt – überall stecken Sekundärrohstoffe, die recycelt, verwertet und wieder genutzt werden können.

Einiges aus dieser Mine wird tatsächlich schon gefördert: Stahl- und Aluminiumschrotte verarbeitet die Industrie seit Jahrzehnten immer wieder zu neuem Metall. Auch aus Bauschutt entsteht erneut Material für andere Bauzwecke. Und seit über 15 Jahren recyceln wir in Deutschland gebrauchte Verpackungen aus Glas, Papier und Kunststoff. Abfälle sind generell ein lukratives Feld für Urban Mining.

Forscher an der Universität Wien entwickeln derzeit ein Konzept, wie Großstädte ihre Rückstände aus der Abfallverbrennung künftig sinnvoll nutzen können. Beispielsweise soll der in den Aschen vorhandene Phosphor wieder zu Dünger umgewandelt werden. Aus den Schlacken lassen sich Metalle wie Kupfer, Zink oder Blei zurückgewinnen.

Urban Mining hat eine Menge guter Seiten. Zum einen spart es Geld. Die Entsorgungs- und Recyclingunternehmen entlasten die deutsche Volkswirtschaft durch das Recycling schon jährlich um rund 3,7 Mrd. €. Das hat das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Entsorgungswirtschaft unlängst ermittelt.

Zum anderen verringert es die Abhängigkeit von weiter steigenden Rohstoffpreisen und Importen: Durch das Recycling von Abfällen werden laut IW bereits heute die Kosten für Metallrohstoffe um rund 20 % und die für Energieimporte um 3 % reduziert. In aller Regel werden deutlich weniger Mengen an Energie verbraucht, wenn Rohstoffe zurückgewonnen statt der Natur entnommen werden.

Urban Mining mindert außerdem die Umweltbelastungen, die bei der Gewinnung und Verarbeitung neuer Rohstoffe entstehen. Und nicht zuletzt schont es das Klima. So haben Wissenschaftler im Auftrag des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) errechnet, dass das Recycling unterschiedlicher Abfälle seit 1990 über 46 Mio. t Kohlendioxid eingespart hat. Das ist rund ein Viertel dessen, was ganz Deutschland insgesamt seither an Treibhausgasen eingespart hat.

Ein besonders großes anthropogenes Lager in jeder Stadt sind die Gebäude. Bauen und Wohnen verschlingen enorm viele Ressourcen, eine große Menge an Material ist hier gleichsam „zwischengelagert“. In diesem Sommer wird der Energiepass eingeführt, der Mietern und Käufern verrät, wie viel Energie Wohnung oder Haus verbrauchen. Dieser Ansatz ließe sich erweitern: Ein Ressourcenpass könnte Aufschluss darüber geben, wie viel Material zum Bau eines Hauses oder einer Wohnung verwendet wurde, ob schadstoffhaltige Materialien verbaut wurden und ob und wie die Baustoffe recycelt werden können. Damit ließe sich ein Bewusstsein für die Wertigkeit von Ressourcen schaffen, bei Mietern und Käufern genauso wie bei Architekten, Planern und Baufirmen.

Wir stehen bei der Nutzung des gigantischen Materiallagers, das wir um uns herum errichtet haben, erst am Anfang. Zwar hat die Politik begonnen, Strategien zum effizienten und intelligenten Umgang mit Ressourcen zu erarbeiten. Ressourceneffizienz erfordert aber die Innovationskraft von allen Beteiligten. Die Industrie, und dabei gerade auch die Entsorgungswirtschaft, muss Technologien entwickeln, wie Rohstoffe besser genutzt und verwertet werden können.

Die Hochschulen sollten Inhalte in die Ausbildungsgänge für Designer und Architekten aufnehmen, die den Studenten vermitteln, schon beim Entwurf von Produkten und Gebäuden an deren spätere Wiederverwertung zu denken. Die Politik muss beim Verbraucher das Bewusstsein fördern, dass langlebige Produkte nicht out sind, ganz im Gegenteil.

Urban Mining trägt dazu bei, unseren Lebensstandard zu halten und den Motor für eine echte Kreislaufwirtschaft auf Touren zu bringen. Der intelligente Umgang mit Rohstoffen ermöglicht es aber auch Menschen in weniger entwickelten Regionen der Welt, ihren Lebensstandard nachhaltig zu verbessern. Prof. Friedrich-Wilhelm Wellmer, langjähriger Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, hat einen eindrucksvollen Vergleich gefunden: „Wir sollten Ressourcen wie menschliche Talente behandeln. Keines darf man aufgeben, jedes muss man fördern.“ Eines allerdings unterscheidet Ressourcen und menschliche Begabungen: Bei Talenten weiß man nie, wie sie sich entwickeln. Für die meisten Rohstoffe dagegen gilt, dass es davon morgen weniger geben wird als heute.

STEFAN SCHREITER

Der Autor ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Grüne Punkt – Duales System Deutschland GmbH, Köln.

  • Stefan Schreiter

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