Umwelt 28.01.2005, 18:36 Uhr

Unsere Landschaft braucht die Landwirte

VDI nachrichten, Berlin, 28. 1. 05 -Zu billige Lebensmittel können uns teuer zu stehen kommen. Denn bisher übernehmen Bauern einen Großteil der Landschaftspflege. Wo sie den gnadenlosen Preiskampf aufgeben, müssen neue, teurere Wege gefunden werden, um das Landschaftsbild und die ländliche Kultur zu erhalten.

Bauern und Bäuerinnen sind ebenso Kulturschaffende wie Opernintendanten und Theaterdirektoren. Ohne ihre Landschaftspflege gäbe es die Vielfalt unserer Kulturlandschaft nicht – keine Almen, keine Heide und keine Marschlandschaft.“ Dr. Jürgen Fröhling, der Geschäftsführer der Fördergemeinschaft Nachhaltige Landwirtschaft (FNL), ist sich seiner zunächst befremdenden These bewusst. Doch je mehr Bauern hierzulande die Segel streichen, und je mehr Felder ungenutzt bleiben oder dem Flächenfraß der Städte zum Opfer fallen, desto klarer wird, wie sehr Landwirte über die Jahrhunderte unsere Landschaft geprägt haben.
Nur wo sie regelmäßig mähen und ihr Vieh weiden lassen, bleiben Wiesen erhalten. Weil sie zu ihren Feldern und Weiden gelangen müssen, halten sie Wege in Schuss. Ohne bäuerliche Wiesen- und Weidewirtschaft würden Grünflächen bald verbuschen und verwalden. Fröhling gab kürzlich in Berlin zu bedenken, dass heute 1,5 % der Bevölkerung über die Hälfte der Gesamtfläche Deutschlands bewirtschaften und dabei weitgehend unentgeltlich pflegen und bewahren. Doch dieser volkswirtschaftliche Beitrag der Bauern finde wenig Beachtung. Und so sei unklar, wer die Landschaft pflegen soll, wenn sich die Landwirtschaft weiter aus der Fläche zurückzieht.
Derzeit gibt es zwei gegenläufige Entwicklungen, die jeweils das gewohnte Landschaftsbild bedrohen. Einerseits frisst der Häuser- und Straßenbau in Deutschland Tag für Tag 100 ha landwirtschaftliche Nutzfläche – also drei Höfe von durchschnittlicher Größe. Andererseits ziehen sich die Landwirte von ertragsschwachen Flächen zurück. Vielerorts entstanden in den letzten Jahren Brachen. Vor allem in den Flächenländern im Osten schreitet der Prozess schnell voran. Mit den Höfen, die aufgeben, geht dort auch immer ein Stück ländlicher Kultur verloren. Wenn der Präsident des Landesbauernverbandes Brandenburg, Udo Folgart, über die Dörfer fährt, sehe er dort wenig Menschen. Die Jugend geht in die Städte oder in den Westen, Landwirtschaft bietet keine Perspektive mehr.
Das ist unter dem Aspekt der Lebensmittelversorgung nicht weiter problematisch. Die Regale in den Supermärkten bleiben prall gefüllt. Doch die gewachsene ländliche Struktur geht verloren. Felder und Dörfer veröden. Deshalb bemüht man sich nicht nur in Brandenburg, Landwirte mehr in die Aufgaben des Naturschutzes einzubinden. So soll etwa im Zuge der Agrarreform bis 2013 die Agrarförderung umgeschichtet werden statt Produkten will man künftig Flächen fördern, und daran die „Cross-Compliance-Auflagen“ knüpfen: Landwirte sollen für die Prämien bestimmte, gesellschaftlich gewünschte Leistungen, wie etwa Landschaftspflege und Naturschutz erbringen.
Der neue Geist lässt Landwirte und Naturschützer zusammenrücken. Galten beide vor Jahren noch als unversöhnliche Gegner, so betont heute Prof. Dr. Hartmut Vogtmann, Präsident des Bundesamtes für Naturschutz (BfN): „Ohne die landschaftspflegerischen Maßnahmen der Landwirtschaft wird Deutschland sein landschaftliches Gesicht verlieren.“ Dadurch, so Vogtmann, wäre dann nicht allein die Natur in ihrer biologischen Vielfalt betroffen, sondern auch der Inlandstourismus und die regionale Entwicklung.
Wie bei Vogtmann setzt sich bei immer mehr Naturschützern der Gedanke durch, dass man die Bauern braucht, um Naturschutz tatsächlich umzusetzen. Im Gegenzug weiß auch Folgart um die Bedeutung einer intakten Natur für Landwirte und ihre Regionen.
In Brandenburg haben deshalb die intensiven Bemühungen großen Stellenwert, Naturschutz und (wirtschaftliche) Interessen der Bauern miteinander zu vereinen, indem man gemeinsam plant und die Ausgleichszahlungen für die Bauern in Naturschutzgebieten nicht mit der Gießkanne vornimmt, sondern nach den tatsächlichen Auswirkungen auf ihre Höfe differenziert auszahlt.
Tatsächlich zeigt ein Modellprojekt im Havelland, wo es um den Schutz von Großtrappen geht, wie unterschiedlich sich die Schutzauflagen für die Landwirte auswirken. Das Naturschutzgebiet ist zu 98 % landwirtschaftlich genutzt. Die meisten Betriebe dort halten Rinder, teils produzieren sie Milch, teils halten sie Mutterkühe – zwei Betriebe widmen sich der Schafzucht.
Um zu ermitteln, wie sich die Schutzauflagen für die Trappen auswirken, wurde analysiert, wie viel Energie aus Gras-Silage und Weide den Höfen etwa durch verspätetes Mähen verloren geht, und was es kostet, sie durch Futterankäufe zu ersetzen.
Die Analyse ergab, dass einzelne Höfe trotz der Ausgleichszahlungen empfindliche Einbußen zu erwarten hätten, während andere durch den Ausgleich mit der Gießkanne weit besser gestellt wären, als ohne das Naturschutzgebiet.
Fazit des Projekts: Eine naturschutzgerechte landwirtschaftliche Produktion sei nicht durch moralische Appelle oder hoheitliche Zwangsmaßnahmen zu erreichen. Vielmehr müssen konfrontative Situationen gelöst und es ernst genommen werden, wenn Landwirte wirtschaftliche Einbußen beklagen. PETER TRECHOW/WOP

 

Ein Beitrag von:

  • Peter Trechow

    Peter Trechow ist Journalist für Umwelt- und Technikthemen. Er schreibt für überregionale Medien unter anderem über neue Entwicklungen in Forschung und Lehre und Unternehmen in der Technikbranche.

  • Wolfgang Pester

    Ressortleiter Infrastruktur bei VDI nachrichten. Fachthemen: Automobile, Eisenbahn, Luft- und Raumfahrt.

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