Umwelt 11.02.2005, 18:36 Uhr

„Unmenschlicher Umweltschutz“

Die These von der Erwärmung der Erde sei eine Erfindung von Umweltschützern und von Wissenschaftlern.

Drei Jahre hat er sich nach eigener Aussage mit dem Treibhauseffekt befasst, 22 Seiten kommentierte Bibliographie dokumentieren seine Recherche. Im Mittelpunkt der Handlung steht die fiktive Umweltorganisation NERF, die Klimapolitik als Selbstzweck betreibt.
„Globale Erwärmung schafft eine Krise, einen Handlungszwang. Eine Krise muss untersucht werden, und dafür braucht man Gelder, man braucht weltweite politische und bürokratische Strukturen. Und im Handumdrehen wurden zahllose Meteorologen, Geologen, Ozeanografen zu ‚Klimaforschern“, die sich der weltweiten Krise stellten“, erklärt der PR-Manager von NERF.
Die Organisation will im Namen des Südsee-Inselstaates Vanuatu die USA verklagen, weil der CO2-Ausstoß der Amerikaner zu einem klimabedingten Meeresspiegelanstieg führen wird, so dass die flachen Inseln komplett überschwemmt würden. Ein Team junger Wissenschaftler untersucht die möglichen Argumente der Gegner – damit Michael Crichton die Gelegenheit hat, seitenlang Temperaturdiagramme von Orten zu präsentieren, in denen die Temperatur im 20. Jahrhundert nicht gestiegen ist und zu berichten, dass ja gar nicht alle Gletscher weltweit schmelzen.
Weil das eben leider alles gar nicht so günstig ist für eine Klage und die sonstigen Ziele von NERF, hat die Organisation Ökoterroristen gedungen, die mit Hilfe von Unwettern und einem Tsunami die Angst vor einer Klimaveränderung schüren sollen. Auf der Seite der Guten – offenbar als Identifikationsfigur für die Leser konzipiert – steht Peter Evans, ein junger, naiver Anwalt, der sein Wissen über die Klimaveränderung aus den von Organisationen wie NERF beeinflussten Medien bezieht.
Er muss sich vom Team der Vanuatu-Klage ebenso wie von dem „Risikoforscher“ und FBI-Agenten John Kenner regelmäßig belehren lassen, „wie es wirklich ist“. Der Kampf gegen die Ökoterroristen führt die Helden an Orte, an denen sich das trefflich demonstrieren lässt.
Der ganze Roman ist durchsichtig konstruiert (bis auf die Frage, was ein Tsunami mit dem Klima zu tun hat), die Figuren bleiben ohne Tiefenschärfe. Die Handlung bietet ebenso wenig Überraschendes wie die Argumente, die Crichton vortragen lässt. „Diese Standardargumente zirkulieren seit vielen Jahren im Internet und sind einfach nicht überzeugend. Crichton pickt z. B. einzelne Datenkurven heraus, die ihm ins Konzept passen, aber verschweigt dabei, dass die meisten Orte der Welt sich erwärmen“, sagt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.
Dasselbe gilt für die Gletscher. „Erhöhen wir die CO2-Konzentration, erwärmt sich das Klima, das ist simple Physik die der schwedische Nobelpreisträger Svante Arrhenius im Jahr 1896 bereits vorgerechnet hat“, erklärt Rahmstorf. „Man kann bislang regionale Auswirkungen noch nicht mit großer Zuversicht voraussagen, weil das Klimasystem zu komplex ist, aber der generelle Trend einer Klimaerwärmung lässt sich mit hoher Sicherheit heute schon absehen.“
Genau das bestreitet Crichton, und nimmt sich dafür bei seinen Lesungen eine ganze Stunde Zeit. Lesungen sind es eigentlich auch nicht, denn das Buch hat er gar nicht mitgebracht – er klappt stattdessen sein Notebook auf und startet eine Powerpoint-Präsentation. „Wir können die Zukunft nicht vorhersagen“, ist Crichtons Credo. Er untermauert es mit Passagen aus der Fachliteratur, an denen Klimaforscher die Unsicherheiten ihrer Ergebnisse und Prognosen beschreiben – die zu nennen ein Muss in der seriösen Forschung ist. (Meist sind es die „Klimaskeptiker“, die ohne solche Unsicherheiten auskommen).
Statt auf dieser wackeligen Grundlage Billionen Euro in den Klimaschutz zu investieren, sollten wir lieber abwarten. Weil wir in der Zukunft Technologien hätten, von wir jetzt noch nichts ahnen – ebenso wie man vor 50, 100 Jahren noch nichts von Computern und Handys ahnte. Weil wir in der Zukunft mehr Geld hätten, um uns die dann vielleicht nötigen Maßnahmen zu leisten – auch das zeige der Rückblick in die Geschichte. Und falls die Klimaveränderung doch komme, werde sie ohnehin nicht so schlimm, als dass wir uns nicht anpassen könnten.
Woher er das weiß, und ob das auch für alle Teile der Welt gilt, sagt er nicht. Michael Crichton beendet seinen Vortrag mit Bildern verhungernder afrikanischer Kinder und einem Appell: „Die globale Krise ist nicht in 100 Jahren, sie ist jetzt! Wir sollten uns darum kümmern – stattdessen betreiben wir weiter diesen reaktionären und inhumanen Umweltschutz und wenden uns ab von den Sterbenden, Hungernden und Kranken unserer einen Welt.“
Im Nachwort des Romans rückt Crichton die Diskussion über den anthropogenen Treibhauseffekt in die Nähe der Lehre von der Eugenik, die in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts viele Anhänger hatte: „Die Theorie der Eugenik besagte, dass eine Krise der Erbmasse, also des Genpools, zum Niedergang der menschlichen Rasse führen würde. Die besten Menschen pflanzten sich nicht so schnell fort wie die minderwertigen – die Ausländer, Einwanderer, Juden, die „Entarteten“, die Behinderten und die „Geistesschwachen“.“ Beides, Eugenik und Theorien über den Treibhauseffekt, sind für den Mediziner Crichton gelinde gesagt ein Irrglaube.
Eine Diskussion um die wissenschaftlichen Grundlagen der weltweiten Klimapolitik und des Kyoto-Protokolls, das am kommenden Mittwoch in Kraft tritt, wird kein Klimaforscher ablehnen. Aber sie sollte sachlich sein.
RENATE ELL
Michael Crichton: Welt in Angst. Karl Blessing Verlag, München 2005, 608 S., 24,90 €

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  • Renate Ell

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