Umwelt 17.02.2006, 18:42 Uhr

Und dann kamen die Kopfschmerzen  

Firmen aus neuen EU-Staaten bringen gefährliche Abfälle einfach ein Stück weiter in den Osten.

Kalt ist es in Bakta, einem Dorf in der ukrainischen Region Transkarpatien. Ein Hauch von Schnee bedeckt den gefrorenen Boden nah an der Grenze zu Ungarn.

Umweltschützerin Oxana Stankiewicz inspiziert mit Anwohnern die weißen Säcke auf dem Gelände des staatlichen Landwirtschaftsinstituts in Bakta. Bei den tiefen Temperaturen riecht es nur leicht nach Chemie, doch im Sommer ist das anders. „Dann ist hier sehr schlechte Luft, nach nur fünf Minuten beginnen die Kopfschmerzen“, weiß Stankiewicz vom Umweltverband Ecosphera in Uzhgorod, der Hauptstadt Transkarpatiens.

Der Geruch kommt aus den Säcken. Sie stammen aus Ungarn und enthalten feinen schwarzen und rötlichen Staub. „Premix“ steht auf den Etiketten.

Von 1999 bis 2005 soll die Firma Éltex aus dem ungarischen Debrecen – nach offiziellen Angaben – rund 1500 t Premix an die transkarpatische Firma Ozon verkauft haben. Dieser Staub sollte in der Herstellung von Gummi und Bremsen eingesetzt werden.

Doch diese Säcke fanden nie den Weg in eine Fabrik, sie blieben irgendwo liegen, verstreut in den Karpaten. An vier weiteren Orten wurden sie bisher gefunden – so auch im ukrainischen Schom auf dem Gelände der Dorfschule.

Es war im Jahr 2001, als die ersten LKW des Landwirtschaftsinstituts Säcke nach Bakta brachten und auf dem Areal des Instituts lagerten, erinnert sich Alexandr Matvijec, Agrarberater aus Bakta. 2002 und 2003 folgten weitere, 2004 noch einmal ein großer Schwung.

Es schien alles seine Richtigkeit zu haben und viele Bürger nutzten den Sackinhalt als Dünger. Warum auch nicht? Die Säcke standen ja auf dem frei zugänglichen Gelände des Institutes.

Seitdem aber hat sich in Bakta vieles verändert – zum Schlechten, klagt Jolana Sirenko, Mutter von zwei Mädchen: „Wir sind immer müde, haben Kopfschmerzen und die Gelenke schmerzen.“ Gemüse wachse nicht mehr und Obstbäume verlören Blätter bereits im Sommer, beobachtet Michail Babydorych, ehemals Wissenschaftler an dem Institut, „und in der Getreidekammer des Institutes wurden seit Jahren keine Mäuse mehr gesehen“.

Erst Anfang 2005 kam die Wahrheit langsam ans Licht. Sofronij Humenjuk wurde misstrauisch, als er Premix aufs Feuer stellte und es nicht wie organischer Dünger verbrannte. Der Mechaniker brachte daraufhin eine Probe ins Landwirtschaftsinstitut. Nach der Analyse sagte ihm ein Wissenschaftler: „Noch ein paar Jahre und in Bakta werde kein Mensch mehr leben.“

Danach war nichts mehr wie früher in dem friedlichen Dorf – Angst ging um. Doch die Bürger wehrten sich und informierten Zeitungen und Fernsehsender. Die Staatsanwaltschaft in Kiew schaltete sich ein und beauftragte zwei wissenschaftliche Institute, den Staub genauer zu untersuchen. Sie bestätigten das Ergebnis aus Bakta: Premix enthält organische Verbindungen, vor allem aber in großen Mengen giftige Schwermetalle wie Blei, Chrom, Kupfer und Nickel.

Nach ukrainischem Recht ist Premix damit Sondermüll und bedarf einer Sonderbehandlung. Ein schwacher Trost für die Bürger in Bakta. „Es war“, so Alexandr Matvijec, „die gleiche Informationspolitik wie bei Tschernobyl: nämlich gar keine.“

Doch die Bürger blieben aktiv: Sie organisierten im Sommer eine Dorfversammlung und alle kamen, bis auf die, die für den Dreck vor ihrer Haustür verantwortlich sind: Anush Baljan, die Direktorin des Landwirtschaftsinstituts, und Vertreter der Importfirma Ozon. Und noch immer versuchte man, die Dorfbewohner für dumm zu verkaufen, schimpft Sofrenij Humenjuk. „Die Bezirksregierung und auch das ukrainische Umweltministerium sagten uns damals, alles sei ungefährlich.“

Oxana Stankiewicz glaubt deshalb, dass die Bezirksregierung, die Firma Ozon und das Landwirtschaftsinstitut selbst nur Marionetten in einem großen Spiel sind. Sie vermutet, dass Ende der 90er Jahre politische Seilschaften aus ukrainischen und ungarischen Politikern den Deal zwischen der ungarischen Firma Éltex und der ukrainischen Firma Ozon eingefädelt haben.

Denn es geht um viel Geld. Im EU-Land Ungarn hätte Éltex mehrere hundert Euro pro Tonne für das sachgerechte Deponieren der Schwermetallmischung zahlen müssen. Doch Éltex kann beruhigt sein: Ungarische und ukrainische Behörden genehmigten offiziell die Ausfuhr von Premix.

Doch der politische Druck der Bürger lohnte sich: Die transkarpatische Regionalregierung stellte letzten Herbst umgerechnet gut 400 000 € bereit, um das Premix zu entfernen. Jetzt allerdings liegt der giftige Staub in Güterwaggons herum und niemand will ihn haben.

Auch in Kiew geht die Aufklärung voran. Staatsanwalt Michola Kulikovsky äußert sich zwar nicht zu den laufenden Verfahren, glaubt aber, beide Fälle bald abschließen zu können. Dem Schuldigen droht eine Gefängnisstrafe von bis zu zwei Jahren. Möglicherweise trifft es den Besitzer der Importfirma Ozon. Die aber ist offenbar bankrott. Es sieht so aus, als müsse die Ukraine das Gift auf eigene Kosten entsorgen.

Doch auch das Herkunftsland Ungarn kommt möglicherweise nicht ungeschoren davon. Dmytro Skrylnikov verweist auf das internationale Basler Übereinkommen über den Export gefährlicher Abfälle.

Wird Premix offiziell als Abfall anerkannt, sei auch Ungarn für die umweltfreundliche Entsorgung verantwortlich. „Das gilt auch, wenn eine Firma vorher Giftmüll trickreich als harmloses Produkt deklariert.“ Der Umweltdetektiv ist sich sicher, dass Ungarn Premix zurücknehmen und selbst entsorgen muss.

Für die Menschen in Bakta wäre das eine Erlösung. Denn bei der Aufräumaktion im letzten Herbst blieben einige Säcke einfach liegen. „Ich will, dass Premix vollständig weggeschafft wird. Ich will, dass die dreckige Erde gesäubert wird“, fordert leicht verzweifelt Jalana Sirenko und spricht den zurzeit bedeutendsten Trinkspruch unter den Frauen Baktas aus: „Weg mit Premix!“ RALPH AHRENS

Von Ralph Ahrens
Von Ralph Ahrens

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