Umwelt 26.03.1999, 18:20 Uhr

Umweltschutz wird Chefsache

Wachsende Müllberge und Verschmutzung von Wasser und Luft bedrohen die Ernährung der Menschen in China. Die Regierung gelobt Besserung, Hunderte Umweltprojekte stehen auf dem Papier. Bei der Realisierung ist westliches Know-how unverzichtbar.

Dieser süßliche Modergeruch ist Petra Kiel vertraut. „Immer der Nase nach“, sagt die studierte Sinologin und zeigt über eine rote Backsteinmauer: Dahinter stapeln sich Berge aus Plastik und Essensresten, Möwen kreischen über dem Müll, alte Lkw schaukeln über die weichen Wege. Die Müllkippe im Süden von Beijing reicht an den Horizont, aber in der Mischung aus Dunst und Smog, die heute wieder über der Stadt liegt, sind die Ausmaße nicht genau auszumachen. Viel Zeit bleibt auch nicht, dann vertreibt uns der Wächter. Er mag keine Besucher aus dem Westen. „Die Müllberge soll keiner sehen“, sagt später der Taxifahrer.
Die Umwelt, das stellt inzwischen auch die chinesische Regierung fest, ist der große Verlierer des chinesischen Wirtschaftswachstums. Im staatlichen Umweltbericht für 1997 heißt es: „Die natürlichen Ressourcen sind durch das Wirtschaftswachstum schwer belastet.“ Und das soll sich ändern. 1 600 Einzelprojekte zur Abwasserreinigung, gegen Luftverschmutzung und wilde Müllkippen listet der „Grüne Plan“ – Chinas staatliches Umweltschutzprogramm – auf. Bis 2010 sollen laut „Staatlicher Umweltbehörde“ umgerechnet 150 Mrd. DM oder 1,3 % des BSP für Umwelt ausgegeben werden.
Zu tun gibt es genug: 70 % der chinesischen Flüsse sind laut einer Weltbankstudie vergiftet weil höchstens ein Drittel aller Abwässer behandelt wird – oft mit 30 Jahre alten Verfahren. Die Abgase aus alten Fabriken kommen schwarz wie Sojasoße aus roten, viel zu niedrigen Backsteinkaminen und vergiften die Luft gemeinsam mit 1,3 Millionen Autos, mit Kohlekraftwerken, Industrieanlagen und den Ladenbesitzern, die Abend für Abend ihren Müll auf dem Gehsteig verbrennen.Von den weltweit zehn Städten mit der höchsten Luftverschmutzung liegen fünf in China, darunter Beijing und Shanghai. Jedes Jahr, so die Bundesstelle für Außenhandelsinformationen (BfAI), sterben 178 000 Menschen an den Folgen der Umweltverschmutzung.
Inzwischen läßt die chinesische Regierung eine öffentliche Umweltdiskussion zu. Die staatlichen Zeitungen nehmen kein Blatt mehr vor den Mund: „Bleihaltiges Benzin bedroht die Gesundheit unsere Kinder“, warnt der „Shanghai Star“. „China Daily“ veröffentlicht einen wöchentlichen Index, der die Luftverschmutzung der 30 größten chinesischen Städte bewertet, und wenn westliche Delegationen China besuchen, räumen die Blätter neuen Kooperationen im Umweltschutz besonders viel Platz ein.
Chinesische Fachleute sehen den Grund für das Interesse der Regierung weniger in einem plötzlich erwachten Umweltbewußtsein. Der Grund ist eine anderer: Abnehmende Ackerflächen und vergiftete Flüsse gefährden mittlerweile ernsthaft die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Trinkwasser. Schon heute kann China nur 30 % der Bevölkerung mit gutem Trinkwasser versorgen. Die Erträge der Fischer gehen wegen verunreinigtem Wasser zurück. Sollte dadurch die seit 1982 erfolgreich verlaufenden Wirtschaftreformen leiden oder es gar zu Hungersnöten kommen, würde dies direkt die Macht der kommunistischen Regierung gefährden.
„Die notwendigen Gesetze sind inzwischen vorhanden“, berichtet Petra Kiel, die für die Berliner Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und die chinesische Partnerfirma Hongtek in Beijing einen Pool kleiner und mittlerer Firmen aufbaut. Aber es hapert an der Umsetzung. Die Behörden kontrollieren die Einleitungen und Abgase kaum, Korruption ist verbreitet, und den meisten Firmen mangelt es am Geld für Umweltmaßnahmen.

Gegen die Emissionen der Industrie haben die Behörden noch kein Rezept

Dabei belasten besonders die Papier-, Lebensmittel- und Lederindustrie, Chemiefirmen, Eisen- und Stahlunternehmen und Kokereien die Flüsse und Seen mit hohen Konzentrationen an Schwermetallen, Ammoniak und Stickstoff, aber auch organischen, leicht abbaubaren Substanzen.
Die Betriebe haben Bedarf an Abwasserreinigungstechniken aller Art – von der Fest-Flüssig-Trennung über biochemische Verfahren bis hin zur Meßtechnik und Prozeßsteuerung. Einheimische Produkte seien oft 20 Jahre hinter dem Stand der westlichen Technik zurück. Das hat sich zum Beispiel die deutsche KSB Gruppe, Frankenthal, zu Nutze gemacht. Gemeinsam mit dem chinesischen Staatsbetrieb Shanghai Pump Works produziert das Unternehmen Speise- und Prozeßwasserpumpen in einem Shanghaier Werk mit 1200 Mitarbeitern. Die KSB machte, wie Sprecher Christoph Pauly betont, 1998 einen Umsatz von 45 Mio. DM und damit bereits leichte Gewinne.
Während die KSB sich auf hochtechnisierte Spezialprodukte konzentriert, exportieren die Berliner Wasserbetriebe (BWB) Ingenieur-Know-how. Sie beteiligen sich an Planung, Finanzierung und Betrieb eines Wasserwerkes in der Stadt Xi´an in Zentralchina. Bei der Anlage mit einer Kapazität von 500 000 m3 pro Tag stellten die BWB etwa 20 Mio. DM der Gesamtkosten von 55 Mio. DM. Ende des Jahres sollen die Bauarbeiten beginnen, bis dahin begleiten die BWB-Mitarbeiter die Ausschreibungen und bereiten die Schulung chinesischer Mitarbeiter vor, die Anlage soll Ende 2001 in Betrieb gehen. Dann sollen die Investition und ein vereinbarter Gewinn über einen Zeitraum von 20 Jahren zurückgezahlt werden. Das Geld wollen die Wasserwerke von Xi´an über Gebühren von Bürgern und Betrieben erwirtschaften.
Firmen wie KSB und BWB kommen den Chinesen gerade recht. Abwasserreinigung und Wasseraufbereitung sind derzeit Umweltproblem Nummer 1. Zur Zeit entsteht 30 km außerhalb von Shanghai unter Führung eines koreanischen Contractors Chinas erstes Klärwerk nach westlichem Muster. Aus deutscher Produktion stammen neben den Pumpen auch die Schlammzentrifuge und Teile der Meß-, Regel- und Analysetechnik. Hier sollen ab diesem Jahr täglich über 70 000 m3 kommunales Abwasser mechanisch und biologisch geklärt werden. 70 % der Kosten von rund 15 Mio. US-Dollar trägt die Weltbank. Gänzlich unbekannt ist eine Abwasserklärung außerhalb der Riesenmetropolen. So will der Ruhrtalverband mit Unterstützung des Bundesforschungsministeriums Konzepte für die Wasserversorgung „kleinerer“ Kommunen mit zwei bis fünf Millionen Einwohnern erarbeiten.
Gut 10 Mrd. DM hat die Regierung im Neunten Fünfjahresplanes bis zum Jahr 2000 zusätzlich für die Abwasserreinigungstechnik vorgesehen. Während moderne Technik in der Abwasserreinigung langsam Fuß faßt, ist das beim Abfall noch nicht in Sicht. Selbst in der Hauptstadt sind Mülltonnen die Ausnahme. Viele Menschen werfen ihren Müll auf die Straße, Straßenkehrer fegen ihn zusammen, Lasträder bringen den Abfall zu Sammelstellen, wo er auf Lkw umgeladen und auf die Deponien im Umland gekarrt wird. Weil deren Kapazitäten bald erschöpft sind, wächst der Bedarf an Recyclingtechnik: Reifen- und Kunststoffrecycling stehen im Vordergrund. Aber auch Komposttechnik ist gefragt.
In dem Firmenpool der GIZ, Eschborn, haben sich daher drei Berliner und Brandenburger Unternehmen zusammengetan, die Entstaubungsanlagen, Abwasser- und Recyclingtechnik anbieten. Die ständige Repräsentanz in China lassen sie sich jeweils 22 000 DM im Jahr kosten, abzüglich Fördermittel des Landes Brandenburg. Zwei weitere Firmen sollen noch hinzukommen. Um ihre Produkte bekannt zu machen, haben sich die Firmen kürzlich an der Umweltmesse ITEP in Peking beteiligt. Insgesamt 187 Unternehmen waren hier vertreten. Obwohl die Firmen laut einer Befragung durch den Mitveranstalter Deutsche Messe AG in Hannover kaum Verträge abschließen konnten, waren sie zufrieden: Für mögliche Kunden sind Ansprechpartner vor Ort wichtig, im Reich der Mitte gelten persönliche Kontakte als der Schlüssel zum Erfolg.
Noch liegt der Müll rechts und links der Ausfallstraßen der 11-Millionen-Metropole. Mit der Hand sortieren die Armen Kronkorken und Papier aus den Müllbergen. Eine Frau trocknet in der blassen Wintersonne gebrauchte Pappbecher eines amerikanischen Fast-Food-Konzerns. 20 Pfennig gibt es beim Müllhändler für jedes Kilo Kronkorken, zwei bis vier Pfennige für ein Kilo Papier. „Eigentlich braucht man gar nicht groß irgendwohin zu fahren“ kommentiert der Taxifahrer in Beijing die Tour seiner deutschen Passagiere. „Die ganze Stadt ist doch ein einziger Müllhaufen.“
M. FRANKEN/C. FRIEDL
Von den weltweit zehn Städten mit der höchsten Luftverschmutzung liegen fünf in China. Und der Verkehr, wie hier in Peking, wächst ständig.
Abwasserreinigung ist in China Umweltproblem Nummer 1. Shanghai erhält derzeit Chinas erstes Klärwerk nach westlichem Muster.
Das Riesenreich erzeugt Riesenberge Abfall, die meist außerhalb der Städte abgekippt werden. Damit die Innenstädte sauber bleiben, sind unzählige Straßenkehrer unterwegs, die sich mit Tüchern vor der schlechten Luft zu schützen versuchen.

Von Franken/C. Friedl
Von Franken/C. Friedl

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