Umwelt 06.03.2009, 19:39 Uhr

Umweltdetektive in Vietnam auf der Suche nach Altlasten  

Asiatische Länder wie Vietnam wachsen schnell. Sie brauchen Platz und Wohnraum für ihre Menschen. Doch viele Landstriche sind verseucht, nicht nur als Folge des Krieges, sondern auch durch Jahre unkontrollierten Wirtschaftens. Mit deutscher Hilfe versucht das Land, systematisch Altlastenkataster anzulegen – eine mühselige, aber unvermeidliche Arbeit. VDI nachrichten, Köln, 6. 3. 09, moc

Eng ist es in Hanois Zentrum, wo 3 Mio. Menschen leben. Oft drängen sich zehn Personen aus drei Generationen in Wohnungen von kaum 70 m². Aus Platzmangel wird auf dem Bürgersteig gekocht. Das ist zwar gesellig, aber ungesund. Unzählige Autos und Mopeds lärmen im Rhythmus der Ampeln und verpesten die Luft.

Zwei Autostunden weiter südlich in Nam Dinh schlägt der Puls langsamer. Mitten in der Provinzhauptstadt mit ihren 300 000 Bewohnern steht die 120 Jahre alte Textilfabrik Natexco. Bisher leitete sie ihre Abwässer ungeklärt in die Kanalisation, deshalb muss sie jetzt in ein Gewerbegebiet umziehen. Die neue Kläranlage wird bereits gebaut.

Und die Stadt drängt: Auf dem Fabrikgelände sollen Wohnungen entstehen – die Nachfrage ist groß in Nam Dinh. Doch noch weiß niemand, welche Altlasten im Boden der Fabrik lagern.

Die Fabrikhallen der Textilfabrik sind frisch gestrichen, wenn auch Jahrzehnte alt. Rund 5000 Menschen verdienen hier ihr Geld – im ehemaligen Textilkombinat waren es 20 000. Auch der Fabrikvilla aus französischer Kolonialzeit – heute das Verwaltungsgebäude der Fabrik – sieht man das Alter an.

Im Besprechungszimmer hängt ein Bild von Ho Chi Minh. Unter dem Bild treffen Dr. Harald Mark von der Bochumer Spezialfirma MSP GmbH zur Erfassung von Altlasten und Michael Zschiesche vom Unabhängigen Institut für Umweltfragen in Berlin auf Fabrikdirektor Vinh Ha.

Vinh Ha sucht Käufer für das 40 Hektar-Areal der Textilfabrik, mit dem Erlös will er den Umzug ins Gewerbegebiet finanzieren. Zwei Interessenten, so Vinh Ha, gebe es schon. Doch die zögern: Weil der Verkaufspreis zu hoch ist, vor allem aber, weil das Fabrikgelände ein Sanierungsfall ist.

Wie hoch die Sanierungskosten sind, wird Vinh Ha bald wissen. Denn Mark und Zschiesche haben in den letzten vier Jahren den Behörden geholfen, das erste Altlastenkataster des Landes zu erstellen. Dieses Kataster enthält allein in Nam Dinh mehr als 30 sanierungsbedürftige Industriestandorte – die Textilfabrik ist der größte von ihnen.

In den letzten Jahren waren die deutschen Experten oft hier und sie kennen das Gelände der Textilfabrik genau. Auf den ersten Blick sieht alles sauber aus. Die Wege werden gefegt, die Beete gepflegt, vor der Fabrikvilla leuchten Rosen in der Sonne.

Wenig ist zu sehen von der schmutzigen Vergangenheit der Textilfirma, in den Hallen wird gearbeitet, Arbeiter transportieren riesige Wollballen auf ihren Lastfahrrädern.

Doch der Schein trügt. Hinter einer Fabrikhalle stehen Mark und Zschiesche plötzlich vor einer Geröllwüste, einem ehemaligen Galvanikwerk, das auch auf dem Gelände der Textilfabrik stand. Mauertrümmer liegen dort, wo einst Metalle beschichtet wurden, bis die Galvanik abgerissen wurde. Ein paar Meter weiter das verrottete Kohlekraftwerk.

Kataster sind Neuland in Vietnam. Im Jahr 2003 schickte die Landesregierung Mitarbeiter des frisch gegründeten Umweltministeriums nach Deutschland, das nordrhein-westfälische Landesumweltamt zeigte ihnen, wie alte Industrieflächen saniert werden. Doch die Gäste aus Indochina mussten umdenken. „Sie wollten anfangs sofort auskoffern, auffüllen und Häuser bauen“, erinnert sich Mark. „Sie mussten erst lernen, dass man Kosten sparen und das Sanierungsergebnis deutlich verbessern kann.“

Schließlich stellte auch das Bundesforschungsministerium noch 440 000 € bereit, genug, damit Mark, Zschiesche und das Umweltbundesamt anfangen konnten, den Vietnamesen ihr erstes Altlastenkataster zu erstellen.

Am Anfang stand Detektivarbeit. Will man das Gelände der alten Textilfabrik kostengünstig sanieren, muss man wissen, wo der Boden belastet ist. Etwa dort, wo Baumwolle gefärbt, Leder gegerbt wurde oder wo die Galvanik stand.

Doch in der kommunistisch geprägten Gesellschaft Vietnams, in der Informationen oftmals systematisch zurückgehalten werden, waren solche Daten schwer zu finden.

Abhilfe kam in der Person des 70-jährigen Ingenieurs Pham Ngoc Han, der an der Geröllwüste hinter den Fabrikhallen auf sie wartet und sie wie alte Freunde begrüßt. „Ohne ihn hätten wir das Projekt nicht erfolgreich beenden können“, sagt Zschiesche.

Der Ingenieur Han leitete die Recherche vor Ort. „Ich hatte das Glück, dass meine vietnamesischen Partner meine Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit anerkannten.“ Die Folge: Viele Vietnamesen trauten dann auch den deutschen Partnern von Han.

Dabei war das Alter von Han entscheidend. Zum einen kannte er aus seiner Zeit als Verfahrensingenieur viele Behörden und Institute und konnte schnell die richtigen Kontakte knüpfen.

Zum anderen verschaffte ihm allein sein Alter Respekt und öffnete ihm Türen zu verstaubten Archiven. Mitarbeiter der Umweltbehörde in Nam Dinh hielten plötzlich Luftbilder aus den 50er und 70er Jahren in den Händen, von denen sie nie glaubten, dass sie sie überhaupt besitzen dürften.

Als Mark, Zschiesche und Han erstmals 2005 das Betriebsmuseum des Textilwerks im Obergeschoss der Fabrikvilla besuchten, hing dort ein Betriebsplan von 1928. Auf dem Plan war ein Wasserbecken als Teil der ursprünglichen Befestigungsanlage von Nam Dinh eingezeichnet. Das Becken wurde verfüllt, heute sind dort Wege angelegt und stehen Hallen der Textilfabrik.

Zu den Informationen vor Ort kamen solche aus Europa. Die einstigen Kolonialherren aus Frankreich hatten die Textilfabrik mehrfach kartiert. Diese Karten liegen in der Nationalbibliothek in Paris. „Die Dokumente kamen dann als pdf.“

Schritt für Schritt hat das Katasterteam historische Daten über die Textilfabrik und ein nahe gelegenes Pestizidlager zusammentragen – die Lagerhallen der Pestizide, den Standort der Färberei, wo Gräben aufgefüllt wurden und wo Öl aus Tanks gelaufen sein könnte. Die Daten in den Computern der Umweltbehörde von Nam Dinh werden abgeglichen und koordiniert.

Plötzlich bleibt Mark vor einem Fleck im Asphalt stehen. „Hier war das Wasserbecken der Zitadelle.“ Und hier führte die Umweltbehörde im August 2007 eine von sieben Probebohrungen durch. „Aber wir hatten uns die Arbeit einfacher vorgestellt.“ Nirgendwo konnten die Arbeiter den Bohrstock einfach in die Erde drehen. Die Arbeiter mussten erst mit Schaufeln – heftig schwitzend bei Tropenhitze – Bauschutt, Metallschrott, Textilien, Asche sowie Produktionsabfälle aus der alten Galvanik entfernen.

Erst danach konnten sie den Bohrstock in die Erde drehen. Die Analysen brachten verheerende Ergebnisse: Der Boden enthält zum Teil sehr hohe Belastungen an Zink, Nickel und Blei: Ohne Sanierung war das Fabrikgelände so gut wie unverkäuflich. Doch manches ging auch von ganz allein: Der frisch zutage geförderte Metallschrott war schon am nächsten Morgen verschwunden.

Die Umweltdetektive haben gute Arbeit geleistet. „Jetzt kann die Sanierung beginnen“, sagt Mark. Auf dem Gelände der Textilfabrik sollen im Sommer weitere Proben gezogen werden, dann wird saniert. Fabrikdirektor Vinh Ha schaut zuversichtlich über das Gelände, in Gedanken schon bei der neuen Fabrik im Industriegelände.

Und das Beispiel hat Schule gemacht. Immer neue Industrieflächen wurden inzwischen ins Kataster aufgenommen und bearbeitet – eine Drahtfabrik, eine Brauerei, ein Metallverarbeiter mit Galvanik, ein Schlachthof, ein Nähwerk, eine Pharmafabrik und ein Öllager.

Auf dem Gelände der Textilfabrik könnten bald die ersten Wohnungen entstehen. Obwohl das Projekt nun schon seit gut fünf Jahren läuft, weiß Pham Ngoc Han, hätte es ohne Hilfe noch länger gedauert. „Ohne die Deutschen“, sagt er und stochert in dem aufgerissenen Boden, „wüssten wir noch immer nicht, was hier so alles in der Erde steckt.“ RALPH AHRENS

Ein Beitrag von:

  • Ralph H. Ahrens

    Chefredakteur des UmweltMagazins der VDI Fachmediengruppe. Der promovierte Chemiker arbeitete u.a. beim Freiburger Regionalradio. Er absolvierte eine Weiterbildung zum „Fachjournalisten für Umweltfragen“ und arbeitete bis 2019 freiberuflich für dieverse Printmedien, u.a. VDI nachrichten. Seine Themenschwerpunkte sind Chemikalien-, Industrie- und Klimapolitik auf deutscher, EU- und internationaler Ebene.

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