Umwelt 26.03.1999, 18:20 Uhr

Streit um Dioxin in Duisburg

In Duisburg entwich in der vergangenen Woche mehr als eine Tonne dioxinhaltiger Zinkstaub aus einem Recyclingbetrieb. Umweltministerium und Firma streiten nun weniger um Gesundheitsgefahren als vielmehr um die Meldepflicht des Unfalls.

Sonntag, 14. März, gegen 21.15 Uhr. Auf dem Werksgelände der B.U.S. Metall GmbH in Duisburg-Hüttenheim sollen Rückstände einer niederländischen Kupfer- und Messingschmelze aufgearbeitet werden. Beim Einblasen des Staubs in die Anlage reißt an einer Förderanlage ein Filter. Dioxinhaltiger Zinkstaub steigt in einem 24 m hohen Metallschornstein von etwa 25 cm Durchmesser hoch. Die Druckluft bläst zwischen 1 t und 1,2 t des schwarzen Staubes in die Luft. Eine rund 1 cm dicke Staubschicht geht auf einem Gebiet von rund 20 000 m2 nieder, in dem 4000 Menschen leben.
Erst drei Tage später erhält NRW-Umweltministerin Bärbel Höhn am Abend die Information, daß mit dem ausgetretenen Staub Dioxine das Werk verlassen haben. Höhn: „Wenn die Verantwortlichen der Firmen uns gleich gesagt hätten, daß der ausgetretene Staub hoch mit Dioxin belastet ist, hätten wir schon am Montag die Bevölkerung gewarnt.“ Im betroffenen Unternehmen war laut Höhn bekannt, daß der aus Holland angelieferte Zinkstaub bis zu 4,5 mg Dioxin pro kg enthält.
In den folgenden Tagen eskaliert die Diskussion um den Vorfall. „Dioxin-Skandal von Duisburg“ titelt eine Boulevard-Zeitung. „Diese Dreckschleuder muß endgültig stillgelegt werden“, fordern Anwohner. Am vergangenen Montag demonstrieren sie mit Gasmasken vor den Werkstoren.
Dabei ist das Geschäft der B.U.S. Metall Alltag in der Recyclingbranche: Die Firma arbeitet in der Schwerindustrie angefallene Metallstäube zur Wiederverwendung auf. Eines der Kerngeschäfte ist die Wiederaufarbeitung von Zinkstäuben, die aus früheren Produktionsprozessen vielfach mit Dioxin belastet sind. „Schon seit längerem ein Sorgenkind“ sei die Anlage von B.U.S. Metall, erklärt ein Sprecher der Gewerkschaft IG Metall. Die Staatsanwaltschaft leitet Ermittlungen gegen die Recyclingfirma B.U.S. Metall GmbH ein. Sie prüft den Straftatbestand der Luftverunreinigung. „Wir haben Anhaltspunkte, daß die für den Störfall verantwortliche defekte Filteranlage nicht vorschriftsmäßig installiert oder kontrolliert worden ist“, so Oberstaatsanwalt Karl Heinz Loch.
Erste Meßwerte des NRW-Umweltamtes stellen 4000 ng bis 5000 ng (milliardstel Gramm) Dioxin pro kg Staub fest. Nachträglich präzisiert das Amt die Meßergebnisse auf maximal 2100 ng Dioxin pro kg Staub. Eine Probe im Wohngebiet ergibt eine Belastung mit von 820 ng pro kg Staub.
Es sind eben diese Meßwerte, die die Diskussion um die Bewertung des Unfalls auslösen. Bei der Hauptversammlung der B.U.S. Berzelius AG – der „Mutter“ der B.U.S. Metall GmbH – bestritt Firmenchef Günter Okon, daß es sich in Duisburg um einen „Störfall“ gehandelt habe. Vielmehr sei es eine „Betriebsstörung“ gewesen und die sei nicht meldepflichtig.
Auch sind die Darstellungen über die Belastung unterschiedlich. Während NRW-Umweltministerin Bärbel Höhn den Prüfwert für Spielplätze um das Achtfache übertroffen sieht – der Richtwert für Dioxine auf Kinderspielplätzen liegt in Nordrhein-Westfalen bei 100 ng/kg -, weist B.U.S. darauf hin, daß zulässige Werte für Wohngebiete bei 1000 ng/kg liegen. Mithin sei die gemessene Belastung von 820 ng/kg vertretbar.
Ähnlich kompliziert wie die Frage nach den zumutbaren Dioxinbelastungen ist die Frage, ob B.U.S. den Unfall früher hätte melden müssen. So sind Metallhütten gar nicht in der Störfallverordnung aufgeführt, „da sie formal gar keinen schweren Unfall verursachen können“, erläutert ein Experte des Berliner Umweltbundesamts. Allerdings unterscheidet der Gesetzgeber nicht nur zwischen den Kategorien des meldepflichtigen „Störfalls“ und der stillen „Betriebsstörung“, sondern kennt auch die „meldepflichtige Betriebsstörung“. Danach müssen „Störungen im bestimmungsgemäßen Betrieb“ gemeldet werden, wenn „Gefahren für die Nachbarschaft nicht ausgeschlossen werden dürfen“. Genau dies war in Duisburg der Fall, argumentiert das NRW-Umweltministerium. Nach einer landeseigenen Regelung, nämlich der Schadensanzeigenverordnung des Landes NRW, ist der Unfall meldepflichtig gewesen, konstatiert Claudia Fasse, Sprecherin des NRW-Umweltministeriums. B.U.S. Metall wäre demnach verpflichtet gewesen, den Ausstoß des dioxinhaltigen Zinkstaubes selbständig anzuzeigen.
Inzwischen ist die Metallschmelze bei B.U.S. Metall zum Teil stillgelegt. Es sollen keine hochbelasteten Stäube mehr verarbeitet werden. Die Stillegung allerdings war eh geplant, da im Sommer eine modernisierte Anlage mit zusätzlichen Elektrofiltern in Betrieb gehen soll. Ob die Planungen Realität werden, ist offen: Höhn will prüfen, ob das nun bekanntgewordene Handling hochbelasteter Stäube überhaupt mit der bestehenden Betriebsgenehmigung zu vereinbaren ist.
MARTIN ROTHENBERG
Eines der Kerngeschäfte der Duisburger B.U.S. Metall GmbH ist die Wiederaufarbeitung von Zinkstaub aus der Schwerindustrie. Nach dem Dioxinunfall der vergangenen Woche will das NRW-Umweltministerium die Betriebsgenehmigung der Firma überprüfen.

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  • Martin Rothenberg

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