Umwelt 10.04.2009, 19:40 Uhr

Standards für Selbstreinigendes  

Produkte, die sich von alleine sauber halten, drängen auf den Markt. Sie sollen Weinflecken beseitigen oder gar Smog abbauen. Im Baumarkt finden sich selbstreinigende Fliesen, Steine sowie Farben für drinnen und draußen. Alle namhaften Betonhersteller bieten Produkte an, die Schmutz, Vogeldreck und Algen abweisen. Jetzt werden Qualitätsstandards erarbeitet. VDI nachrichten, Leverkusen, 9. 4. 09, ber

Von 250 000 t verkauftem Titandioxid sind bei Sachtleben zwar nur wenige fotokatalytisch aktiv. Der größte Teil des Pigments wird künstlich „passiviert“. „Trotzdem ist es ein zunehmend lukratives Geschäft, weil das Spezialprodukt wesentlich teuerer ist“, so Proft.

Auch Konkurrent Kronos sieht in den lichtaktiven Pigmenten ein zukunftsträchtiges Geschäftsfeld. Als erster Hersteller weltweit hat er ein neuartiges Titandioxid im Portfolio, das mit Kohlenstoffatomen durchsetzt ist. Es wirkt bereits bei sichtbarem Licht, nicht erst unter UV-Strahlung, und verspricht noch mehr Reinigungskraft als bisher.

Horst Kisch von der Uni Erlangen-Nürnberg hat das Titandioxid erfunden und erhielt dafür 2008 den Innovationspreis der deutschen Wirtschaft. Schon bald sollen zwei Produkte mit dem neuen Titandioxid auf den Markt kommen. Pünktlich zur Messe „Bau“ im Januar stellte Farbenproduzent Sto die Außenfarbe PhotosanNOX vor, die Stickoxide und Ozon aus der Luft abbauen soll. Die Firma Menk Beton kündigte den dauersauberen Pflasterstein AquaTitan an.

Einfallsreich ist auch die zugehörige Werbung. Ein Teppich soll laut Erfinder die Raumluft verbessern. Ein Fliesenfabrikant verspricht ein Bad, „das sich selbst sauber hält“. Ein Hersteller von Gehwegplatten wirbt speziell für Schulen und Kindergärten mit luftreinigenden Steinen, damit die Kinder sauberere Luft atmen.

„Eine solche Aussage kann man fachlich nicht stützen“, kritisierte Detlef Bahnemann, Chemiker an der Uni Hannover. Obwohl die Steine lokal tatsächlich Stickoxide und Ozon abbauen, wird der Effekt wahrscheinlich durch den Luftaustausch zunichte gemacht. Er warnt davor, den Verheißungen auf der Verpackung blindlings zu glauben.

Bahnemann ist bemüht, „Ordnung in den Wildwuchs“ zu bekommen, wie er sagt. Er selbst betreibt ein Prüflabor am Institut für Technische Chemie: „Innerhalb mancher Produktkategorien können wir Unterschiede in der Wirkung von bis zu 30 % feststellen. Es tauchen aber auch Produkte auf, die gar keine fotokatalytische Aktivität zeigen.“

Der Forscher kämpft deshalb für Qualitätsstandards. In Europa hat sich vor wenigen Wochen erstmals ein Gremium getroffen, um Normen für das boomende Segment aufzustellen.

Dabei können die Experten von den Asiaten lernen, die bereits auf internationaler Ebene vier Normen verabschiedet haben. Kein Wunder, herrscht in Japan doch ein regelrechter Hype der Selbstreiniger. Sogar Kunststoffblumen zur Luftverbesserung gibt es dort. „Das Problem ist, dass die Umsetzung der internationalen Normen freiwillig ist. Eine europäische oder nationale Norm dagegen könnte bindend vorgeschrieben werden“, erklärte Bahnemann.

Ein Anfang ist gemacht. Ende 2008 trat die erste Norm (DIN 52980) in Deutschland in Kraft. Sie beschreibt, wie Methylenblau im standardisierten Experiment unter UV-Licht auf einer fotokatalytisch aktiven Testoberfläche zersetzt wird. Die Farbe Methylenblau steht exemplarisch für Wein- und Tomatenflecken.

Proft hat diese Norm im Gremium zu Papier gebracht. Er schildert die Schwierigkeiten: Die Oberfläche des Materials kann so porös sein, dass Flecken schon von alleine im Laufe der Zeit verbleichen, weil die Substanz sich in die Poren zurückzieht. Deshalb werde dasselbe Testsubstrat einmal im Dunklen und einmal mit Belichtung verglichen.

Mit der Norm im Rücken können Hersteller nunmehr getrost auf das Etikett drucken: „Entfernt Flecken drei Mal so schnell wie üblich“. Dennoch: Bei einem hartnäckigen Weinfleck können rund drei Monate vergehen, bis das Rot weicht. Enthält der edle Tropfen viele Mineralien, bleibt zudem ein gelblicher Rand zurück. Denn anorganischen Salzen rückt Titandioxid nicht zu Leibe.

„Ein weiteres Manko ist, dass wir derzeit noch keine Wirkschwelle festgelegt haben“, gestand Bahnemann. Das sei umso gravierender, als selbst „passiviertes“ Titandioxid im DIN-Test eine geringe fotokatalytische Aktivität an den Tag legt. Gänzlich unterdrücken kann man die Reinigungskraft des Minerals nämlich nicht. Deshalb stelle sich die Frage, wo man die Grenze ziehe, so Bahnemann: „Ich würde sagen, dass ein Produkt mindestens doppelt so aktiv sein muss wie ohne Fotokatalysator.“

Andererseits ist eine besondere hohe Wirksamkeit sogar unerwünscht. Dann greift das Titandioxid das Bindemittel in den Farben an und zerstört das Produkt. Der Anstrich blättert ab oder kreidet. Optimal für die Qualität wäre deshalb eine hohe Reinigungswirkung bei langer Lebensdauer, resümierte Bahnemann.

In eine Norm wurden seine Ansprüche noch nicht gegossen. Zurzeit feilt das deutsche Gremium an einer Prüfvorschrift für luftreinigende Materialien.

Bahnemann rät trotz seiner Kritik durchaus zum Kauf selbstreinigender Artikel. „Verbraucher sollten die Ware von etablierten und renommierten Firmen bevorzugen“, rät er schließlich. SUSANNE DONNER/ber

Selbstreinigende Oberflächen

Die meisten Produkte werden durch Titandioxid selbstreinigend, das organische Substanzen mit UV-Licht in Wasser und Kohlendioxid zersetzt.

Fassadenfarbe soll Stickoxide und Ozon aus der Luft abbauen.

Pflastersteine bleiben dauerhaft selbstreinigend.

Teppiche verbessern die Raumluft.

Badfliesen halten sich selbst sauber.

Gehwegplatten entfalten luftreinigende Wirkung. ber

Von Bettina Reckter
Von Bettina Reckter

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