Umwelttechnik 25.08.2000, 17:26 Uhr

Schwierige Geschäfte mit schmutziger Ware

Europas erste Recyclinganlage für Plastikwindeln sucht nach „Rohstoff“. Ein Modellversuch zeigt, wie schwierig das dezentrale Sammeln von Windelmüll ist.

Andrea Stracke-Knitsch hat nicht nur drei verschiedenfarbige Mülltonnen vorm Haus und einen Komposthaufen im Garten seit einem Jahr entsorgt die Lehrerin aus Erkrath bei Düsseldorf auch noch die Windeln ihres zweijährigen Sohnes Leon getrennt vom restlichen Abfall. Da jetzt nur noch eine kleinere Restmülltonne nötig ist, spart ihre Familie immerhin 46 DM im Jahr.
Den blauen Sammelsack holt ein Fuhrunternehmer alle 14 Tage ab. Aufbereitet werden die Höschenwindeln in Europas erster Recycling-Anlage für so genannte Inkontinenz-Produkte im holländischen Arnheim. Dort gewinnt der Anlagenbetreiber Knowaste Zellstoff und Plastik aus Senioren-Windeln und Bettunterlagen zurück, die aus Alten- und Pflegeheimen in Holland und Nordrhein-Westfalen stammen.
Ein Recycling der Windeln könne die Umwelt schonen und für die Heime billiger sein als die Entsorgung über die Hausmülltonne, lockt Knowaste potenzielle Zulieferer. Nach einer Analyse des niederländischen Ingenieurbüros Haskoning werden pro Tonne aufbereiteten Inkontinenzabfall 8700 l Wasser, 145 m3 Erdgas und 400 kg Holz eingespart, wenn statt frischer Ware der Recycling-Zellstoff für neue Papierprodukte eingesetzt wird. Die Recyclingkosten pro t Windelmüll liegen bei 250 DM, hinzu kommen 75 DM bis 100 DM für die Anlieferung. Rund 25 t Windel-Abfälle pro Woche karren Müllautos aus dem Rheinland nach Holland, dort kommen noch 130 t hinzu. Doch der Müll der rund 500 angeschlossenen Heime lastet die Recycling-Anlage mit ihrer Jahreskapazität von 70 000 t nach einem Betriebsjahr erst zu etwa 11 % aus.
Ein Grund dafür ist, dass Knowaste bei Vertragsabschlüssen mit Altenheimen nur „schleppend“ vorankommt, klagt Tarek Unis vom Düsseldorfer Ableger des Unternehmens. Nordrhein-westfälische Kommunen gestatteten Altenheimen nur widerwillig kleinere und billigere Müll-Container, mit denen diese bei Getrenntsammlung auskämen. Manche Kommunen brauchten den Müll für ihre nicht ausgelasteten Verbrennungsanlagen, heißt es bei Knowaste. Um das zu ändern, sucht die Firma weiter nach interessierten Altenheimen.
Dabei ist das Material durchaus vorhanden. Für Deutschland schätzt der rheinische Hygiene-Artikel-Hersteller SCA das Müllaufkommen durch Inkontinenz-Produkte für Alte und Kranke auf jährlich etwa 200 000 t. Dazu kommen nach Angaben des deutschen Marktführers Procter and Gamble jedes Jahr rund 3,6 Mrd. verunreinigte Babywindeln – auf einem Haufen wögen sie etwa 720 Mio. t. Aber anders als Müll in Altenheimen fallen Babywindeln dezentral an – sie getrennt bei den Haushalten einzusammeln, kostet Zeit und Energie.
Ein Jahr lang hat die Stadt Erkrath inzwischen getestet, ob sich verschmutzte Baby-Windeln getrennt vom übrigen Hausmüll mit vertretbarem Aufwand sammeln lassen. Die Ergebnisse sind nicht berauschend. Die städtische Abfallberaterin Helga Willmes geht davon aus, dass 600 bis 700 Haushalte in Erkrath zum Getrenntsammeln von Windeln motiviert werden könnten, am Test beteiligen sich etwa 350 Haushalte.
Insgesamt wurden im gerade abgelaufenen ersten Testjahr rund 50 t Windelmüll nach Holland gefahren. Die ursprüngliche Schätzung von Knowaste, dass pro Tag 1 kg Müll anfällt, ließ sich nicht bestätigen: „Wir gehen nur noch von 0,4 kg bis 0,5 kg aus“, sagt Willmes. Denn bei weitem nicht jede Windel fällt auch am Wohnort an, also nahe beim Sammelsack.
Die Hersteller der Inkontinenz-Produkte halten von dem ganzen Aufwand wenig. Ihr Lobbyverband namens „Forum Hygiene& Umwelt“ sieht nicht nur Absatzprobleme bei dem wiedergewonnenen Zell- und Kunststoff aus Windeln er bezweifelt auch, dass eine Recyclinganlage mit der raschen Innovation bei Windelprodukten Schritt halten könne. Detlef Schermer von Procter & Gamble, gleichzeitig Vorsitzender des Forums, hält es für unsinnig, Plastikwindeln über weite Strecken zu transportieren, die „zu drei Vierteln aus Urin und Fäkalien bestehen“. Bis zu einer „abschließenden Bewertung“ nach Vorlage einer Öko-Bilanz hält das Forum „ein integriertes Sammeln des städtischen Hausmülls mit anschließender Verbrennung“ für die beste Methode zum Entsorgen von gebrauchten Höschenwindeln. Die geforderte Öko-Bilanz will Knowaste Mitte September präsentieren. WALTER SCHMIDT

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  • Walter Schmidt

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