Zukunftswelten 16.01.2009, 19:39 Uhr

Schnee wird ein immer selteneres Gut  

Ein Winter wie der bisherige täuscht über die dramatischen Folgen des Klimawandels gerade in der kälteren Jahreszeit hinweg. Wenn künftig weniger Schnee fällt und die Gletscher weiter schrumpfen, wird das Leben nicht nur in Mitteleuropa ein anderes sein. vdi nachrichten, Bonn, 16. 1. 09, moc

Schnee und Eis in Deutschland, geschlossene Schneedecke selbst in Großstädten und das auch noch tagelang – man muss weit zurückdenken, um sich an ähnliche Verhältnisse zu erinnern. Und man muss schon über vierzig sein, um Winter erlebt zu haben, in denen man selbst in Mittelgebirgen fast in jedem Januar oder Februar Schlitten fahren konnte.

Und in den Alpen waren im Winter Orte, die höher als etwa 1000 m lagen, nahezu schneesicher. Doch damit ist Schluss – trotz aller winterlichen Ausreißer wie in der vergangenen Woche.

Meteorologen der Universität Wien haben errechnet, dass allein im vergangen Vierteljahrhundert die Schneefallgrenze in den Alpen durchschnittlich um etwa 150 m angestiegen ist. Dieser Wert sei „gewaltig für diesen im meteorologischen Sinn recht kurzen Zeitraum“, urteilt Professor Reinhold Steinacker, der Leiter des Instituts für Meteorologie und Geophysik an der Uni Wien.

Wissenschaftler am Eidgenössischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos gehen davon aus, dass Orte unterhalb von 1500 Höhenmetern kaum noch eine Zukunft als Wintersport-Stätten haben – zumindest ohne künstliches Weiß aus Schneekanonen, aber selbst die brauchen frostige Luft. „Falls die globale Erwärmung auf circa 2 0C begrenzt werden kann – und dies bedeutet für die Alpenländer ein Plus von circa. 4 0C bis 5 0C -, muss tatsächlich damit gerechnet werden, dass die Höhenzone mit genügend Schnee für Wintersport zwischen Dezember und März um etwa 500 m ansteigt“, so Christoph Marty von der SLF-Forschungsgruppe Permafrost und Schneeklimatologie. Dies sei bis etwa zum Jahr 2100 zu erwarten.

„Durch die Erwärmung werden die Winterniederschläge häufiger als Regen denn als Schnee fallen“, fügt Marty hinzu – und das begünstige Frühjahrshochwässer entlang des Rheins und anderer Alpenflüsse. Zudem schmelze die Schneedecke „schneller wieder weg“. Insgesamt werde die Schneemenge „überall abnehmen“, ganz gleich, ob in der Schweiz oder in Deutschland – wenn auch umso stärker, je tiefer ein Ort liege.

Das ist nicht nur für Wintersportler und die Tourismusindustrie ein harter Schlag. Auch für die Ökologie der Alpen, die dortige Landwirtschaft und die Wassernutzung entlang der Alpenflüsse wird das Folgen haben.

Die Ökologie der Alpen und der Alpenflüsse gerät langsam aus den Fugen

Denn Schnee fließt nicht wie Regenwasser sofort ab. Vor allem Gebirge speichern Niederschläge als Schnee oder Eis und verringern so die Hochwasser-Gefahr entlang der aus ihnen gespeisten Fließgewässer. Auch dank der Gletscher sind Gebirgsflüsse wie Rhône oder Rhein bislang den Sommer über schiffbar.

Doch es zeichnet sich ab, dass die Alpengletscher bis etwa 2100 drei Viertel ihres Eises verlieren. Fachleute wie Wilfried Haeberli, Professor für Physische Geographie an der Universität Zürich, fürchten deshalb, dass in etwa siebzig Jahren auf dem Rhein im Sommer mit ausgeprägtem Niedrigwasser zu rechnen sei. Ein Jahrhundertsommer wie 2003 könne dann auch größere Flüsse fast austrocknen lassen – mit gravierenden Folgen nicht nur für Frachtschifffahrt, sondern auch das Trinkwasserangebot, die Landwirtschaft und die auf Kühlwasser angewiesenen Kraftwerke und Industriebetriebe längs der Flüsse.

Im Spätsommer jedes Jahres speisen sich Rhône und Rhein großenteils aus Gletscherwasser. Im August 2003 habe der Rhein „fast ausschließlich“ Schmelzwasser geführt. Als „verhängnisvoll“ bezeichnet Haeberli deshalb, dass sich der befürchtete sommerliche Mangel an Gletscherwasser nur schwer umkehren lasse. „Selbst wenn es wieder einmal kühler werden sollte, werden die Gletscher erst einmal wieder wachsen“, gibt der Geograph zu bedenken. Selbst dann fehlt also zunächst Schmelzwasser. Lebensgefährlich für Mensch und Tier können die langfristigen Konsequenzen des Gletscherschwundes in weniger entwickelten Regionen unserer Welt werden – insbesondere dort, wo die Menschen zur Trockenzeit auf Schmelzwasser aus den Bergen angewiesen sind.

So wird der Gletscherschwund im Himalaja nach Angaben der Umweltorganisation WWF langfristig zu massiver Wasserknappheit für Hunderte Millionen Menschen in China, Indien und Nepal führen. Auch im Vorland des Kilimandscharos oder des Mount Kenia in Afrika droht Unheil. Der US-Paläoklimatologe Professor Lonnie Thompson von der Ohio State University wagt die Vorhersage, spätestens 2020 werde der Kilimandscharo eisfrei sei.

In den Industrieländern stemmen sich Betroffene vielerorts mit großem Aufwand gegen tauende Gebirgsgletscher. In den Alpen werden einzelne, für den Tourismus wichtige Eiskörper, im Sommer mit weißen, das Sonnenlicht gut reflektierenden Kunststoffplanen abgedeckt – so etwa der Zugspitzgletscher, der seit 1986 um 300 m bis 400 m zurückgewichen ist. Doch wie sinnvoll ist das?

Christine Margraf, Sprecherin des Fachbereichs Alpen beim Bund Naturschutz in Bayern, sagt den Planen nur einen „minimalen“ Verzögerungseffekt beim Abtauen des Gletschers nach.

Nach Ansicht von Hansueli Rhyner von der Davoser SLF-Forschungsgruppe Industrieprojekte und Schneesport kann das Abdecken der Gletscher deren Schwund jedoch zumindest stellenweise verhindern – und nicht nur das. „Wird die gleiche Stelle jeden Frühling abgedeckt und im Herbst wieder für den neuen Winterschnee geöffnet, erhöht sich die Schneedecke an diesen Stellen über die Jahre um einige Meter“, sagt Rhyner.

Allerdings eigne sich diese Methode nur lokal, etwa „zur Rettung von Pisten oder Skilifttrassen“. Das großflächige Abdecken zur Rettung eines ganzen Gletschers jedoch „macht aus unserer Sicht keinen Sinn“.

Die Schneekanonen verkürzen die ohnehin nur recht kurze Wuchsperiode der Alpenpflanzen weiter

Die Davoser Schneeforscher haben allerdings einen Weg gefunden, wie sich Schnee über den Sommer in den nächsten Winter hinüberretten lässt. Dazu haben sie ein aufgehäuftes Schneedepot halb mit einem reflektierenden Vlies, zur andern Hälfte mit Sägespänen abgedeckt. Die 40 cm dicke Isolationsschicht aus Spänen erwies sich klar als wirksamer sie bewahrte etwa 75 % der ursprünglichen Schneemenge.

Die aggressivere Variante, den Klimawandel zu kompensieren, ist die Schneekanone. Im Winter 2007 wurden nach Angaben des Hochgebirgsinstituts der französischen Universität Savoyen insgesamt rund 240 km2 alpine Skipisten künstlich beschneit – und zwar mit jährlich rund 95 Mio. m3 Wasser, dem privaten Wasserverbrauch einer Großstadt mit 1,5 Mio. Einwohnern.

Schneekanonen verkürzen zudem die ohnehin recht kurze Wuchsperiode der Alpenpflanzen, weil sie Abfahrten noch spät im Jahr ermöglichen. Obendrein ist Kunstschnee dichter als natürlicher. Pflanzen unter Kunstschnee bekommen so weniger Sauerstoff und erfrieren eher, weil der kompaktere Schnee sie schlechter gegen frostige Luft isoliert.

Harald Kunstmann vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung in Garmisch-Patenkirchen warnt deshalb vor einem „Skifahren um jeden Preis“. Man könne „mit dem Einsatz von Energie und Wasser nicht den Winter zurückkaufen, den man durch den Klimawandel zu verlieren droht“.

WALTER SCHMIDT

Von Walter Schmidt
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