Ernährung 09.02.2001, 17:28 Uhr

Schadstoffe auf Kartoffel und Korn

Über die Hälfte des Klärschlamms geht in Deutschland als Dünger auf die Äcker – weil er nährstoffreich und vor allem billig ist. Die Gefahren durch im Schlamm enthaltene Schadstoffe und Keime sind allerdings nicht kalkulierbar.

Die Frage schwebte minutenlang im Raum: Sind die Landwirte nun Verwerter oder Entsorger, wenn sie Klärschlamm als Dünger auf ihren Feldern verteilen? Einig wurden sich die Fachleute auf den Abfallwirtschaftstagen vergangene Woche in Münster nicht. In einem viel brisanteren Punkt aber herrschte unter vielen Experten Einigkeit: Niemand kann die Risiken der Klärschlammwirtschaft beziffern.
„Wie viele Schadstoffe in welcher Konzentration in der Brühe aus dem Klärwerk enthalten sind, weiß keiner“, warnt Horst Fehrenbach, Biologe vom Freiburger Ifeu-Institut für Energie- und Umweltforschung. Daher sollten zumindest belastete Klärschlämme aus städtischen Regionen statt auf den Feldern besser über Verbrennungsanlagen entsorgt werden. So lautet das Fazit einer bisher unveröffentlichten Studie, die im Auftrag des Umweltministeriums Nordrhein-Westfalen erstellt wurde.
Bisher landen immer noch rund 57 % der jährlich schätzungsweise über 100 Mio. t Klärschlamm auf den Feldern. Das entspricht insgesamt 3 Mio. t Trockenmasse, mit der die Bauern Getreide, Rüben, Mais und Kartoffeln düngen. Um den schlimmsten Gefahren vorzubeugen, darf laut Klärschlammverordnung aus dem Jahr 1992 die braune Masse nicht mehr überall verstreut werden. Felder, auf denen roh verzehrbares Obst und Gemüse wachsen, sind ebenso tabu wie Natur- und Wasserschutzgebiete sowie Uferrandstreifen.
Laut Verordnung sind auch die Grenzwerte für sieben Schwermetalle sowie drei Gruppen von organischen Schadstoffen festgeschrieben. Kontrolleure fahnden allerdings nur nach einer kleinen Auswahl der möglicherweise enthaltenen Schadstoffe.
Dabei gehörten nach Ansicht von Dr. Harald Friedrich, Abteilungsleiter im Umweltministerium NRW, manche Klärschlämme „als Sondermüll entsorgt“. Industrielle Abwässer beispielsweise können den Schlamm in einen Chemikaliencocktail verwandeln. Das bewies ein Fund auf einem mecklenburg-vorpommerschen Acker. Bei einer Stichprobe entdeckten Kontrolleure den hormonell wirksamen Stoff Tributylzinn (TBT) im Schlamm. „So etwas gehört nicht auf den Acker“, kritisiert der Umweltbeamte.
Kritiker fordern daher, den Düngeschlamm auf weitaus mehr Schadstoffe hin unter die Lupe zu nehmen. Für Kobalt- und hoch toxische Silberrückstände sowie Krebs erregende polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) im Klärschlamm beispielsweise interessiert sich bisher kein Kontrolleur. Auch hormonell wirksame Substanzen wie Nonylphenole, die durch Abbau der in der Industrie als Tenside verwendeten Nonylphenolethyloxylaten entstehen, fallen durch das Kontrollsieb. Dazu gesellen sich Medikamentenrückstände sowie Ruhr-, Cholera- und Milzbranderreger.
„Die meisten Schadstoffe nimmt die Pflanze nicht auf“, erklärt Fehrenbach. Zumindest teilweise könnten sie allerdings auf Früchten und Blättern haften bleiben. Außerdem seien einige organische Verbindungen im Boden extrem stabil und reicherten sich daher an. Wasserlösliche Schadstoffe und Krankheitserreger finde man vielleicht im Grundwasser wieder. Besonders leicht ausgewaschen würden die Stoffe aus durchlässigen, karstigen Böden.
Wegen seines hohen Stickstoff- und Phosphorgehaltes ist der Klärschlamm prinzipiell als Dünger gut geeignet. Wie wirksam er das Wachstum aber von Kartoffel und Korn tatsächlich fördert, bleibt indes umstritten. Jährlich belastet knapp 1 Mio. t Chemikalien aus der Abwasserbehandlung wie beispielsweise Kunstharz-Ionenaustauscher, Aluminium- und eisenhaltige Fällungsmittel sowie Flockungshilfsmittel den Schlamm. „Diese Hilfsstoffe können sich negativ auf die Phosphatverfügbarkeit auswirken“, erklärt Prof. Friedel Timmermann von der Landwirtschaftlichen Untersuchungs- und Forschungsanstalt, Augustenberg.
Zur Zeit erhalten Landwirte, die den Schlamm auf ihren Feldern verteilen, pro t Trockenmasse 70 DM bis 300 DM vom Klärwerk. Das lohnt zum Teil sogar Transporte quer durch Deutschland. So brachte die Ifeu-Studie einen regelrechten Klärschlammtourismus ans Licht: 1998 fand sich Schlamm aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf auf Feldern bei Magdeburg wieder.
Trotzdem würden die Landwirte den Klärschlammdünger nicht vermissen, heißt es vom Deutschen Bauernverband in Bonn. „Wir sind auf den Schlamm nicht angewiesen“, erklärt Pressesprecher Dr. Michael Lohse. Im Gegenteil, der Bauernverband stehe der Düngung mit dem stinkenden Schlamm kritisch gegenüber. „Man holt sich damit zu viele Schadstoffe auf den Acker“, erklärt Lohse. Außerdem hätten die Bauern mit BSE schon übergenug zu tun. In der nächsten Präsidiumssitzung werde daher der umstrittene Dünger auf der Tagesordnung stehen, kündigt der Verbandssprecher an.
Alternativen zur Schlammverwertung als Dünger gibt es längst. Im Rahmen der Ifeu-Studie hat Fehrenbach sie untersucht. Noch schlechter als die Düngung mit dem Schlamm schneidet dabei seine Verwendung im Landschaftsbau ab: Aufgrund seines Phosphatgehaltes ist der Klärschlamm zwar prinzipiell als Zusatz zu Kompost oder Erde gut geeignet, erhält jedoch durch die Schadstoffbelastung wiederum schlechte Noten. Gut hingegen eignet sich der Schlamm – getrocknet hat er einen Heizwert von 10 MJ pro kg – zur Mitverbrennung im Kraftwerk. „Kapazitäten zum Verfeuern in Kohlekraftwerken sind leicht zu schaffen“, erklärt Berndt Johnke von der Abteilung für Abfall- und Abwasserwirtschaft im Umweltbundesamt in Berlin.
Voraussetzung für den Weg in die Verbrennung sind allerdings Anlagen, die mit Quecksilberfiltern ausgestattet sind. Nordrhein-Westfalens Kraftwerke sind zum Teil bereits gerüstet. Daher drängt das Land mit Nachdruck darauf, möglichst viel Schlamm zu verfeuern – die Anlagen sind zumeist nicht ausgelastet. ELKE BODDERAS

Ein Beitrag von:

  • Elke Bodderas

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