Umwelt 05.09.2003, 18:26 Uhr

„Saubermann“ Wasserstoff gerät unter Verdacht

Noch im Juni auf dem G8-Gipfel in Evian propagierten die Politiker eine rasche Entwicklung der Wasserstofftechnologie, um die Luftverschmutzung zu verringern und unser Klima zu entlasten. Doch neueste Modelle wecken Zweifel an ihrer Umweltverträglichkeit. Wohl auch hier macht erst die Dosis das Gift.

Das Ozonloch würde tiefer, größer und würde sich länger in den Frühling hinein halten. Dies könnte nur eine der möglichen Konsequenzen der Wasserstofftechnologie sein, die bislang im Ruf stand, uneingeschränkt sauber und umweltverträglich zu sein. Das meint Prof. Dr. Jürgen O. Metzger, Hochschullehrer an der Universität Oldenburg. Er ist einer der Experten der Fachgruppe „Umweltchemie und Ökotoxikologie“ der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh), die sich seit kurzem mit dieser Frage näher befasst.
Bisher waren Politiker wie Wissenschaftler gleichermaßen darin einig, dass die „saubere“ Wasserstoff-Technologie so schnell wie möglich weiter entwickelt werden sollte, um unser Klima und die Umwelt gezielt zu entlasten. Doch sollte sie zum Energieträger der Zukunft werden, könnte sie, mahnen Fachleute, Wirkungen erzeugen, die heute noch gar nicht bekannt sind.
Denn die Arbeitsgruppe von Y. L. Yung vom California Institute of Technology in Pasadena (USA) wies in dem Beitrag „Potential Environmental Impact on Hydrogen Economy on the Stratosphere“ der Juni-Ausgabe der Zeitschrift „Science“ darauf hin, dass die Wasserstofftechnologie bisher nicht erkannte negative Wirkungen haben könnte. Bezüglich der zu erwartenden Emissionen, die naturgemäß jetzt noch nicht quantifiziert werden können, geht die Arbeitsgruppe konservativ von den Erfahrungen bei Transport, Lagerung und Einsatz von Erdgas und anderen Gasen aus (Leckagen etc.).
Freigesetzter Wasserstoff würde in der Troposphäre nicht reagieren, jedoch in der Stratosphäre (zu Wasserdampf). Aufgrund der Modellrechnungen befürchtet Yung, dass dadurch die Stratosphäre abkühlen würde, wodurch der Ozonabbau verstärkt würde. Durch den anthropogenen Wasserstoff könnte sich die Erholung der Ozonschicht, die aufgrund des Verbots von Fluorchlorkohlenstoffen erwartet wird, beträchtlich verzögern.
Dies würde die Entlastungen schmälern, die die Vermeidung von CO2-Emissionen bringen sollen. Mehr noch, fürchten die Forscher: Die Freisetzung von Treibhausgasen könnte noch günstigere Bedingungen für den Abbau von Ozon in der Stratosphäre schaffen als bisher – ein Sekundäreffekt, der sich noch nicht einschätzen lässt.
Die amerikanischen Forscher weisen ferner auf mögliche weitere Umwelteffekte steigender anthropogener Wasserstoffemissionen hin, deren Folgen ebenfalls noch nicht abschätzbar sind: Einfluss auf andere Spurengase als Ozon in der Stratosphäre und der Mesosphäre, auf die Albedo der Erde (Rückstrahlvermögen für Sonnenlicht) und auf Mikroorganismen in Böden.
Die Gesellschaft Deutscher Chemiker drängt aufgrund dieser neuen Hinweise auf umfassende Untersuchungen zur Technikfolgenabschätzung. Es werde einmal mehr deutlich, dass neue Technologien Umweltrisiken bergen könnten, die vor ihrer Einführung noch gar nicht entdeckt seien. Um unliebsame „Überraschungen“ zu vermeiden, sollten sofort möglichst umfassende Forschungen begonnen werden. Effekte der Wasserstofftechnologie seien in jedem Fall nicht isoliert, sondern im Vergleich mit Alternativszenarien zu bewerten.
Der G8-Gipfel in Evian forderte noch im Juni in seinem Aktionsplan im Kapitel „Wissenschaft und Technologie für eine nachhaltige Entwicklung“ die Beschleunigung der Entwicklung der Wasserstofftechnologie. Die EU fördert in ihrem 6. Rahmenprogramm unter dem Titel „nachhaltige Energiesysteme“ insbesondere die Wasserstofftechnologie, die als intrinsisch saubere Technologie gesehen wird. Es wird dabei davon ausgegangen, dass eine Technologie, die Wasserstoff als Brennstoff (Brennstoffzelle) und als Energiespeicher einsetzt, zu erheblich weniger Luftverschmutzung und zur Entlastung des Klimas führen wird. Deshalb wurde bisher uneingeschränkt von der Umweltverträglichkeit dieser Technologie ausgegangen.
In ersten Stellungnahmen wurde den kalifornischen Wissenschaftlern vorgehalten, dass die negativen Konsequenzen im Vergleich zu den positiven Effekten wahrscheinlich doch vernachlässigbar seien. Die deutschen Chemiker sehen allerdings hohen Forschungsbedarf, der weit über die erwähnten Aspekte hinausgehe. wip
„Science“, Vol. 300 vom 13.6.03, Seiten 1702-1704

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