Umwelt 05.11.1999, 17:23 Uhr

Sanierung durch Nichtstun

Was geschieht, wenn man eine Altlast sich selbst überläßt? Die Methode des „Natural Attenuation“ setzt auf die Selbstreinigungskräfte im Untergrund. Nach den USA soll dieses Vorgehen nun auch in Deutschland etabliert werden.

Die große Anzahl der Altlasten und vor allem die knappen finanziellen Mittel begünstigen die Suche nach alternativen, preiswerten Sanierungsmethoden. Zur Zeit wird die Nutzung der natürlichen Abbau- und Rückhalteprozesse, das „Natural Attenuation“, in der Branche als Option diskutiert. Diese teilweise umstrittene, auch mit den Ausdrücken „qualifiziertes Nichtstun“ oder „No-action Variante“ beschriebene Methode wurde im Frühjahr in den USA durch Richtlinien der amerikanischen Umweltbehörde EPA für die Sanierung von Mineralölschäden anerkannt. Die EPA hat das Natural Attenuation als Maßnahme definiert, mit der ohne menschliches Eingreifen innerhalb einer bestimmten Zeit die Mengen, die Giftigkeit und Mobilität der Schadstoffe in Boden und Grundwasser so weit verringert werden, dass Menschen und Ökosysteme nicht mehr durch die Altlast gefährdet sind. Als Voraussetzung für die Zulassung der Methode fordert die EPA allerdings die Beseitigung der Schadstoffquelle und eine intensive Überwachung der Altlast.
Anstelle der Sanierungsmaßnahmen verbleiben eine gezielte Erkundung der Prozesse in Boden und Grundwasser und die anschließende Langzeitüberwachung, für die Zeiträume von 20 bis 30 Jahren angesetzt werden. „Die damit verbundenen Kosteneinsparungen können erheblich sein“, erklärte Prof. Georg Teutsch, Leiter des Lehrstuhls für Angewandte Geologie an der der Universität Tübingen auf einer Tagung der Dechema vergangene Woche in Frankfurt. Außerdem, so Teutsch, habe die Erfahrung der letzten Jahre gezeigt, dass die Sanierungsmaßnahmen an vielen Altlasten mit den bisher eingesetzten Methoden uneffektiv und langwierig waren.
In Deutschland liegen bisher jedoch kaum Erfahrungen mit der No-action-Variante vor. Im Raum Darmstadt beispielsweise wird seit 1997 ein mit 1,2-Dichlorethan belastetes Grundwasser nach dieser Methode gereinigt. Das allein zu Kühlzwecken aus Tiefbrunnen entnommene Wasser wird unbehandelt aus dem Kühlkreislauf in Versickerungsteiche eingeleitet, in deren Sedimente die Kohlenwasserstoffe nur mikrobiell abgebaut werden. Um die Zulassung dieses Vorgehens von den Behörden zu erlangen, bedurfte es einiger Überzeugungsarbeit. „Dafür war es zum einen wichtig, zu wissen, was im Boden passiert, und zum anderen mussten wir den Erfolg ausreichend dokumentieren“, beschreibt Helmut Dörr, Sanierungsexperte beim Beratungsbüro Trischler und Partner, Darmstadt, seine Erfahrungen mit diesem Sanierungsfall. Damit die Methode auch von den Behörden als Sanierungsmethode anerkannt wird, müssen die Wechselwirkungen in Boden und Grundwasser aufgeklärt und die Reaktionen bilanzieren werden.
In einer Altlast laufen je nach Umgebungsbedingungen biologische, chemische und physikalische Prozesse ab. So können Schadstoffe abgebaut, gefällt, in Huminstoffen eingeschlossen oder an Tonpartikel adsorbiert werden. Sie können in andere Phasen diffundieren oder ausgeschwemmt werden. Zur Beschreibung dieser Reaktionen müssen Kenngrößen wie Pufferkapazität, Redox- und Oxidationpotentiale des Grundwassers, Korngrößenverteilung, Wassergehalt, und Adsorptionskapazität der Böden, chemische Parameter, Toxikologie und Bioverfügbarkeit der Schadstoffe herangezogen werden. Viele dieser Parameter müssen in Untersuchungen ermittelt werden. „Es wird erheblicher Forschungsaufwand zur Erkundung der Verhältnisse im Boden und Grundwasser notwendig, um Prognosen für die Entwicklung der Altlast zu erstellen“, erläuterte Dr. Reinhard Wienberg vom Umwelttechnischen Büro und Labor in Hamburg, auf der Tagung. Es werden Modelle entwickelt, die die Standortbedingungen abbilden und den Transport der Schadstoffe sowie die Prozesse ihrer Eliminierung beschreiben.
So wurden, um das Verhalten einer Schadstofffahne unter dem Tagebaurestsee Vollert-Süd in der Nähe von Zeitz in Sachsen-Anhalt zu beschreiben, Prognoserechnungen bis in das Jahr 2030 angestellt. Unter Einbeziehung der geologischen Gegebenheiten hat Bernd Eccarius von der TU Darmstadt berechnet, dass sich die Fahne unter dem See, der phenolhaltige Abwässer aus der Braunkohle-Verschwelung enthält, im schlimmsten Fall innerhalb von 30 Jahren auf maximal 250 m ausweiten wird. Nach dieser Modellrechnung besteht keine unmittelbare Gefahr für das Grundwasser, auch wenn der See nicht saniert würde.
„Als Sanierungsunternehmen stehen wir der neuen Methode positiv kritisch gegenüber“, erklärt Dr. Gustav Henke, Pressesprecher bei Umweltschutz Nord in Ganderkesee. Denn durch die intensiven Forschungsarbeiten werden die Erkenntnisse über die Verhältnisse im Boden in großem Umfang zunehmen.
„Das kommt auch uns zugute.“ Die tägliche Praxis zeige aber auch, dass die Altlastenbesitzer ihr Problem in der Regel schnell gelöst haben wollten und dann kämen doch wieder die Sanierer zum Zuge. Zudem müsse sich auch noch erweisen, ob das Natural Attenuation tatsächlich eine preiswerte Methode sei. „Das Monitoring über einen langen Zeitraum kostet auch viel Geld“, so Henke.
Deshalb muss das Natural Attenuation laut Dr. Stefan Simon, Experte beim Beratungsunternehmen Dr. Weßling Holding, Altenberge, auch in das gesamte Konzept des Flächerecycling einbezogen werden. „Natural Attenuation wird in der Regel nur ein Teil einer Sanierungsmaßnahme sein“, erklärt er zum Konzept der natürlichen Schadstoffverringerung. So hat die Weßling Holding zusammen mit der Landesentwicklungsgesellschaft NRW beispielsweise für die Sanierung eines Zechen- und Kokereistandorts in Castrop-Rauxel ein Konzept erstellt, in dem eine von vier mit Polyaromatischen und chlorierten Kohlenwasserstoffen kontaminierten Zonen für das Natural Attenuation vorgeschlagen wurde. In dieser Zone mit einer maximalen Ausbreitung von 250 m wurde ein mikrobieller Abbau beobachtet, der nun genauestens überwacht werden soll. „Stellt sich heraus, dass wirklich keine Schadstoffausbreitung erfolgt, dann hat das Verfahren eine große Chance“, erläutert Simon. Bei einer ungewünschten Ausbreitung der Schadstoffe könnte dann aber auch wieder eingegriffen werden. Das Konzept wird zur Zeit von den Behörden geprüft. ALMUTH S. JANDEL
Die Überwachung der Abbauprozesse im Boden ist das A und O jeder biologischen Sanierung – auch der „Natural Attenuation“. Wenn sich die Schadstoffe unerwartet ausbreiten, müssen konventionelle Methoden zum Einsatz kommen.

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