Umwelttechnik 15.01.1999, 17:20 Uhr

Rollback für Altreifen

Berliner Ingenieure haben eine neue Technik für das Recycling von Reifen und Förderbändern entwickelt. Das schwarze Gummi wird mit Ozon zu Granulat zersetzt und soll künftig in hochwertigen Neuwaren eingesetzt werden.

Wenn Detlef Schulze von der Entdeckung seiner „Kooperationspartner“ bei Moskau spricht, leuchten die Augen des junges Chefs der „Berliner Ingenieurgesellschaft für Aufbereitungstechnik“ (Bigat GmbH). Denn die Technik, mit der sein fünfköpfiges Unternehmen in Ost-Berlin künftig Reifen und Transportbänder recyceln will, ist ein Abfallprodukt der russischen Raumfahrttechnik. Schuld daran, daß die Kunststoffdichtungen der Raketenantriebe viel zu schnell porös wurden, so fanden die Techniker der Lomonossow-Universität heraus, ist ein hoher Ozongehalt der Umgebungsgase in Kombination mit einer hohen mechanischen Beanspruchung. Diese Erkenntnisse wollen die deutschen Ingenieure fürs Recycling nutzen. „Wir haben eine Anlage entwickelt, die Reifen und Transportbänder unter Ozonatmosphäre zu hochwertigem Granulat zersetzt“, erläutert Schulze die „Ozon-Knife Technology“.
Kunststofftechniker kennen und fürchten die zersetzende Wirkung des Ozons. Das reaktive Gas greift die Bindungen an, mit denen die Kohlenwasserstoffketten des Kunststoffs zu großen Netzen verknüpft werden. Durch die mechanischen Belastungen in einer Ozonatmosphäre geben die Bindungen nach: Die sogenannte Vulkanisierung, die die Kohlenstoffketten zu einem flexiblen und gleichzeitig stabilen Material vernetzt, wird aufgehoben – Reifen, Schläuche oder Transportbänder werden porös und zerbröseln.
Um sich diesen Effekt zunutze zu machen, haben die Bigat-Ingenieure in Berlin-Lichtenberg eine Versuchsanlage aufgebaut, in der die nach Arten sortierten und mit einem Hochdruckreiniger von Öl und Steinen befreiten Altreifen behandelt werden. In einem hohen, sechseckigen Zylinder stapeln sie bis zu fünf Pneus, schließen die Anlage, legen einen leichten Unterdruck an und versetzen die Luft mit 40 g bis 45 g Ozon pro m3 Luft. Nach einer guten Stunde sind die zwischen Stahlrohren gedrehten und gewalkten Reifen in drei Fraktionen zerfallen: Gummigranulat, Stahlseile und technische Gewebe lassen sich trennen und verwerten. Schulze: „Unsere Fraktionen sind bereits nach dieser Behandlung reiner als Produkte der traditionellen Recyclingverfahren.“ Die Versuche in der kleinen Anlage dienen nun dazu, optimale Prozeßparameter für den Großeinsatz zu finden, den Energieeinsatz zu messen und zu zeigen, daß es auch keine Probleme mit dem Arbeitsschutz gibt.
Der entscheidende Vorteil des Verfahrens besteht darin, daß das granulierte Gummi wieder für hochwertige Produkte eingesetzt werden kann. Bisher ging man davon aus, daß die Vulkanisation nicht reversibel ist. Recyclinggummi gilt als chemisch tot. Wenn allerdings die Vulkanisierung so aufgehoben wird, daß man das Granulat wieder vernetzen kann, erschließen sich neue Einsatzgebiete.
Die Recyclingware soll nicht nur als Ölbindemittel, in Sportplatzböden oder Parkbänken zum Einsatz kommen. Kunststoffe aus der Ozon-Anlage könnten zu höherwertiger Neuware wie Reifen für langsamlaufende Baumaschinen, Stoßfänger, Scheibenwischer, Dichtungen oder Gummimatten in Autos und in neuen Transportbändern verarbeitet werden. Chemiker der Technischen Universität Chemnitz und der Dresdner Forschungsstelle für Analytik, Radiometrie und Umwelttechnologie untersuchen derzeit, welche Ansprüche der Recyclingkunststoff erfüllt.
Doch Schulze gesteht ein, daß auch diesem Recycling Grenzen gesetzt sind. Nicht nur Silikone und Naturkautschuk sind resistent gegen die zerstörerische Wirkung des Ozons. Hersteller von Reifen und Transportbändern nutzen bestimmte Zusätze, sogenannte Ozonblocker. Zusätzlich erschweren die Lagen verschiedener Kunststoffe in einem einzigen Reifen das Recycling und verhindern die Produktion neuer Hochleistungsprofile aus reinem Recyclat. Auch bei den Herstellern von Transportbändern sind die Gummimischungen sehr verschieden und die Qualitätsanforderungen hoch.

Recycling soll sich durch Verkauf des Sekundärgummis rechnen

Dennoch ist Schulze zuversichtlich. Während an der Bigat-Versuchsanlage in Berlin-Lichtenberg zur Zeit Versuche mit alten Förderbändern aus dem Tagebau der Lausitzer Braunkohle AG gefahren werden, sitzen die Konstrukteure an ihren Computern über Plänen für eine Großanlage, die ab Februar mit dem Recycling größerer Reifenmengen beginnen soll. An die eigentliche Ozonanlage wird noch ein Separationsmodul angeschlossen, das Stoffe, Stahl und Gummigranulat voneinander trennt. Eine gemeinsam mit den russischen Kollegen geplante Aktiengesellschaft soll im Frühjahr beginnen, Anlagen bis zu einer Kapazität von 5 t/h zu vermarkten. Eine mittlere Anlage mit einem Durchsatz von 2,5 t/h soll etwa 6 Mio. DM kosten und sich nach etwa 6 Jahren amortisieren. Dann, da ist Schulze sicher, werde das Ozon-Verfahren den Recyclingmarkt neu „aufmischen“. Anders als bei den heute eingesetzten Kaltverfahren, der Versprödung mit flüssigem Stickstoff, und der Heißvermahltechnik, bei der die Reifen erhitzt und das Gummi abgeschabt wird, will Schulze die Kosten des Recyclings so weit senken, daß es sich ausschließlich durch den Verkauf des Sekundärgummis amortisiert. Eine Großanlage mit einer Kapazität von 2,5 t/h soll die Recyclingkosten unter 100 DM/t senken.
M. FRANKEN

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